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Gelsenkirchen - In der Bundesliga-Rückrunde läuft es für Schalke bisher sehr gut. Umso befremdlicher wirkt da die 1:6-Blamage in der Champions League gegen Real Madrid. Und nach Madrid warten die Bayern (Samstag, ab 18 UIhr im Live-Ticker).

Im Interview mit bundesliga.de spricht Verteidiger Felipe Santana über die Gründe für die herbe Schlappe und über mögliche Auswirkungen auf das bevorstehende Spiel beim Tabellenführer. Er adelt Cristiano Ronaldo ("Für ihn gibt es keine Worte") - und verrät seinen Wunsch für die WM in Brasilien.

bundesliga.de: Felipe Santana das 1:6 gegen Real Madrid bedeutet nicht nur eine herbe Schlappe, sondern auch Schalkes höchste Europacup-Niederlage überhaupt - obwohl sie gegen eine der besten Teams Europas zu Stande kam. Haben Sie eine Erklärung?

Felipe Santana: Das war wirklich eine sehr heftige Niederlage. Zu analysieren, warum es letztlich so gekommen ist, fällt mir immer noch schwer. Ein Grund ist aber unter anderem, dass wir unsere wenigen Chancen in der Anfangsphase nicht nutzen konnten. In der Champions League, noch dazu gegen Real Madrid, bekommst du kaum Möglichkeiten. Wenn du diese dann nicht nutzt, kannst du ziemlich sicher sein, dass du das Spiel verlierst. Denn ein Topteam wie Real wird sich immer hochkarätige Möglichkeiten erspielen. Trotzdem sind sechs Gegentreffer natürlich nicht akzeptabel.

bundesliga.de: Damit ist die aktuelle Champions League-Saison für Schalke nach dem Achtelfinal-Hinspiel so gut wie beendet. Wie motiviert man sich da noch für das Rückspiel?

Santana: Man muss realistisch sein: Sechs Tore gegen Real, noch dazu in Madrid, werden uns kaum gelingen. Für uns heißt es nun, den Fokus ganz auf die Bundesliga zu legen. Wir sind mit 13 Punkten aus fünf Spielen hervorragend in die Rückrunde gestartet und dürfen uns nun nicht selbst wegen eines sehr schlechten Spiels in der Champions League verrückt machen.

bundesliga.de: In der vergangenen Saison mussten Sie mit Borussia Dortmund gleich vier Mal gegen Real antreten. Damals war der BVB das bessere Team...

Santana: Das stimmt. Aber ich sage Ihnen, das Real heute ist ein ganz anderes Real als das von vor einem Jahr! Der Trainer heute, Carlo Ancelotti, vertritt eine andere Philosophie als Jose Mourinho. Mit Gareth Bale verfügt man nun über noch einen weiteren absoluten Top-Stürmer neben Karim Benzema. Und dann ist da ja auch noch Cristiano Ronaldo. Für dessen Leistung gibt es eigentlich keine Worte. Fast scheint es, als habe ihm die Ernennung zum "Weltfußballer" noch einmal einen Schub gegeben. Und wenn man einen solchen Spieler in dieser Form in den eigenen Reihen hat, hilft das auch den Mannschaftskollegen. Reals Selbstvertrauen ist im Augenblick bei nahezu jeder Aktion zu spüren. Das entschuldigt unsere Niederlage zwar nicht, ordnet sie aber ein. Schließlich haben wir gegen die beste Mannschaft der Welt verloren.

bundesliga.de: Diese Analyse trifft auch auf Bayern München zu, Schalkes Gegner am Wochenende. Viele sehen im FC Bayern die weltbeste Elf...

Santana: Als noch amtierender Champions League- und Weltpokal-Sieger mag es stimmen, den FC Bayern nach Fakten als beste Mannschaft der Welt zu bezeichnen. Diese Titel und diesen Ruf will Real den Bayern nun aber abjagen. Und das Zeug dazu haben die Madrilenen. Wenn Real überhaupt jemand Paroli bieten kann, dann aber sicherlich der FC Bayern oder vielleicht noch Barcelona.

bundesliga.de: Könnte eine weitere deutliche Niederlage in München Schalke auch in der Liga aus der Bahn werfen?

Santana: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir in München ein ganz anderes Gesicht zeigen werden als gegen Real. Ich halte es für sehr wichtig, dass man bereit ist, in jedem Moment und aus jeder Situation zu lernen. Und aus dem Spiel gegen Real können wir sehr, sehr viel lernen. Dieses Spiel war für uns eine sehr schmerzhafte, aber gute Schule, gerade in Bezug auf die Partie bei den Bayern. Wir wissen jetzt jedenfalls genau, was wir in München zu tun haben.

bundesliga.de: Sie haben die bisher sehr gute Schalker Rückrunde bereits angesprochen. Was hat man in der Winterpause geändert?

Santana: Wir haben im Trainingslager in Katar sehr hart gearbeitet und unser Spiel gefunden. Dazu hat auch beigetragen, dass wir untereinander Klartext gesprochen haben. Auch die Hinrunde war zwar nicht schlecht; trotzdem denke ich, dass wir bisher in der Rückrunde ein ganz neues Schalker Gesicht zeigen.

bundesliga.de: Auch Sie selbst hatten in der Hinrunde Probleme, haben nun aber in der Liga Ihre Form gefunden. War es schwer, sich als ehemaliger Dortmunder die Anerkennung der Fans zu erarbeiten?

Santana: Ich möchte es so ausdrücken: Es war für mich anfangs sehr schwer, die eine Philosophie durch eine andere, eine neue zu ersetzen. Jeder Club hat sein eigenes Innenleben, und auf Schalke trifft das ganz besonders zu. Es dauert seine Zeit, bis man das verinnerlicht hat. Also habe ich das erste halbe Jahr sehr, sehr hart gearbeitet, um ganz auf Schalke anzukommen, und ich hoffe, dass mir das mittlerweile ganz gut gelungen ist. Wenn man etwa sieht, dass wir in den ersten fünf Spielen der Hinrunde neun Gegentreffer kassiert haben und nun in den fünf bisherigen Spielen der Rückrunde gerade einmal zwei, glaube ich sagen zu dürfen, dass ich der Mannschaft nun helfen kann. Das ist wichtig für mich und lässt mich hoffen, dass wir nun auch mehr Druck auf Leverkusen und auf Dortmund ausüben können.

bundesliga.de: Leider haben Sie sich gegen Real einen Muskelfaserriss zugezogen...

Santana: So wie es aussieht, ist die Verletzung zum Glück nicht so schwer. In München kann ich zwar leider nicht spielen. Ich setze aber alles daran, so schnell wie möglich wieder zurückzukommen.

bundesliga.de: Auch, weil Sie doch noch auf eine WM-Teilnahme mit der Nationalmannschaft hoffen?

Santana: Selbstverständlich weiß ich, dass meine Chance zurzeit sehr gering ist. Trotzdem lebt meine Hoffnung auf diese WM. Und ich werde bis zur letzten Sekunde dafür kämpfen, es doch noch in den Kader zu schaffen. Klappt das nicht, werde ich aber dennoch vor Ort sein.

bundesliga.de: Was trauen Sie der Selecao, was der deutschen Elf zu?

Santana: Als Brasilianer denkt man immer positiv! Das Finale sollte es also auf jeden Fall schon mal sein. Wer dann der beste Gegner wäre, ist schwer zu sagen. Die potenziellen Kandidaten sind alle stark, ob nun Spanien, Deutschland oder unsere Nachbarn aus Argentinien. Und auch Belgien mit einer sehr jungen, aber fußballerisch sehr starken Truppe habe ich diesbezüglich auf der Rechnung.

Das Gespräch führte Andreas Kötter