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Hamburg - Jürgen Rynio ist fest verankert in den Geschichtsbüchern der Bundesliga. In der Saison 1985/86 stand er im Tor, als Michael Nushöhr drei Elfmeter in einem Spiel versenkte. Rekord. Damals war Rynio für Hannover 96 aktiv. Er stieg in der Spielzeit zum fünften Mal aus der Bundesliga ab - es war zugleich der fünfte Verein, mit dem ihm dieses "Kunststück" gelang. Auch ein Wert für die Ewigkeit.

Ein Grund, warum Rynio mit den 96ern nicht die Klasse halten konnte, war der schwachen Rückrunde der "Roten" geschuldet. Nur vier Punkte holten sie in der zweiten Saisonhälfte. Selbst Tasmania Berlin, die bislang als schwächstes Team der Bundesliga aller Zeiten firmieren, sammelte einen Zähler mehr (Infografik). "Das war der totale Zusammenbruch", erklärt Rynio im Interview mit bundesliga.de. (Dass die Rückrunde auch eine Chance sein kann, zeigte der VfB Stuttgart).

Aber Rynio, der in der Bundesliga und 2. Bundesliga für den Karlsruher SC, den 1. FC Nürnberg, Borussia Dortmund, Rot-Weiß Essen, den FC St. Pauli und Hannover über 450 Pflichtspiele absolvierte, kann heute über die Erlebnisse von damals schmunzeln. Der 65-Jährige betreibt seit 2002 in der Nähe von Celle ein Pflegeheim für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung.

bundesliga.de: Herr Rynio, erinnern Sie sich noch gut an die Saison 1985/86 mit Hannover 96? Sie sind damals in die Geschichtsbücher eingegangen.

Rynio: Da erinnere ich mich noch gut dran. Ich durfte gleich nach der Winterpause für den verletzten Ralf Raps zwei Spiele im Tor aushelfen. Erst gab es ein 0:5 in Hannover gegen die Bayern und dann ein 0:7 in Stuttgart - mit drei Elfmetern von Michael Nushöhr.

bundesliga.de: Der ist wahrscheinlich seit diesem legendären Spiel Ihr bester Freund.

Rynio: Damals war das alles sehr ärgerlich, aber heute kann ich darüber schmunzeln. Andere gewinnen Meisterschaften und Weltpokale, ich habe es nicht getan. Es muss ja auch Verlierer geben. Immerhin bin ich dadurch auch jetzt noch in guter Erinnerung.

bundesliga.de: Es war für Hannover und für Sie eine verrückte Saison. Sie hatten die Mannschaft kurz vor dem Rekordspiel sogar noch trainiert. Wie kam das?

Rynio: Ich bin als Interimstrainer eingesprungen. Damals hatte ich aber noch keine Trainerlizenz vom DFB. Den Kurs habe ich erst im Februar 1986 angefangen und dann wenige Monate später beendet. Es war von daher klar, dass der Verein auf der Suche nach einem lizenzierten Trainer ist und ich nur die Lücke füllen sollte. Eine echte Bewährungschance habe ich nicht bekommen.

bundesliga.de: Warum haben Sie den Posten überhaupt angenommen? Die Situation schien doch fast ohne Aussicht auf Erfolg.

Rynio: Ich stand kurz vor meinem Karriere-Ende als Spieler. Und ich dachte mir, dass ich als Trainer durchstarten könnte, wenn ich die Sache bei Hannover wieder zum Laufen bringe. Aber ich war, wie Werner Biskup zuvor und Jörg Berger sowie Helmut Kalthoff danach, chancenlos.

bundesliga.de: Und nach der ohnehin schon schwachen Hinrunde folgte eine Rückrunde, die ebenfalls den Weg in die Geschichtsbücher fand: Vier Punkte sind ein Negativrekord. Kein anderes Team in der Geschichte der Bundesliga holte weniger Zähler. Wie kam das zustande?

Rynio: Es war der totale Zusammenbruch. Klar, wir hatten auch ein wenig Verletzungspech. So zog sich zum Beispiel Neuzugang Helmut Gulich schon in der Sommervorbereitung eine Achillessehnenverletzung zu und absolvierte nie wieder ein Bundesliga-Spiel. Es war aber permanent unglaublich viel Unruhe im Verein. Jörg Berger, der nach mir das Ruder übernahm, blieb ja auch nur acht Wochen und holte in der Zeit nicht einen Punkt. Vielleicht hätte man den Kader mehr verstärken müssen, denn als Aufsteiger fehlte es uns einfach an der nötigen Qualität. Aber da es ebenso am Geld mangelte, war das schwierig möglich.

bundesliga.de: Die Unruhe im Umfeld war also der Hauptgrund für die Misere?

Rynio: Ich sage immer: Wenn es in der Vereins- und Mannschaftsführung nicht passt, kann man keinen Erfolg haben. Deshalb sind wir zu Recht abgestiegen. Ich nehme als bestes Beispiel den FC Bayern. Die haben die absolute Fachkompetenz vom Präsidenten bis fast runter zum Pförtner. Da laufen nur Weltmeister rum. Und dann ist es kein Wunder, dass sie Erfolg haben.

bundesliga.de: Die Spieler traf also nur bedingt Schuld?

Rynio: Die Spieler wollten immer. Keiner stellt sich auf den Platz und schenkt ab. Schließlich präsentiert man sich auch immer anderen Vereinen und bietet sich an. Wir wussten aber, wo unsere Schwächen liegen und dass wir so die Klasse wohl nicht halten würden. Aber das kam oben nicht an, denn zu unserer Zeit wurden die Spieler nicht mit in die Geschicke des Vereins einbezogen.

bundesliga.de: In dieser Saison sieht es für Hannover ja schon wieder nicht so gut aus. Mirko Slomka wurde entlassen, "Neuling" Tayfur Korkut wurde verpflichtet. Könnte die Rückrunde nun ähnlich verlaufen, wie damals 1986?

Rynio: Nein, ganz bestimmt nicht. Die Zeiten sind nicht zu vergleichen. Wir waren damals Aufsteiger. Die heutige Mannschaft hat eine ganz andere Qualität. Europa ist zwar nicht mehr drin, aber absteigen wird 96 nicht. Dass es gerade nicht so gut läuft liegt in meinen Augen daran, dass sie vom erfolgreichen System mit einer massierten Abwehr und schnellem Konterspiel abgewichen sind. Der neue Trainer ist auf einem guten Weg zurück zu alten Tugenden. Von daher schaue ich optimistisch in die Zukunft.

 

Das Gespräch führte Michael Reis

 

 

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