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Das Champions-League-Halbfinalrückspiel Olympique Lyon gegen Bayern München elektrisiert die Massen - und auch Giovane Elber. Sechs Jahre stürmte der brasilianische Nationalspieler für den FC Bayern, wurde Meister, Pokalsieger und gewann die Champions League und den Weltpokal. Dann wechselte er 2003 zu Olympique Lyon, wo er auch den Titel holte.

Es gibt kaum einen Experten, der beide Clubs so gut kennt. Im exklusiven Interview mit bundesliga.de analysiert Giovane Elber die Chancen des FC Bayern, für den er heute als Talentscout in Brasilien arbeitet, und erklärt, warum Arjen Robben in München dauerhaft sein großes Potenzial abruft.

bundesliga.de: Der FC Bayern fährt mit dem Polster eines knappen 1:0-Sieges nach Lyon. Was erwartet die Münchener in Frankreich?

Giovane Elber: Das wird ein schweres Spiel für die Bayern. Lyon ist eine gefestigte Mannschaft. Sie haben in München kompakt gestanden, wollten ohne Gegentor bleiben und versuchen, irgendwie zu Chancen zu kommen. In Lyon wird es ein ganz anderes Spiel geben.

bundesliga.de: Inwiefern?

Elber: Olympique wird das Heft sofort in die Hand nehmen und auf ein schnelles Tor aus sein. Deshalb werden sie richtig draufgehen und ganz anders auftreten als in München. Sie werden so spielen wie gegen Bordeaux, als sie beim 3:1 gezeigt haben, dass sie Tore machen können. Auch für Olympique ist das 0:1 kein so schlechtes Ergebnis. Bayern muss sich da warm anziehen, sonst werden sie an die Wand gespielt. Das habe ich ja selbst 2001 beim denkwürdigen 0:3 erleben müssen. Die Stimmung wird im Stadion sehr aufgeheizt sein. Die Fans werden ihre Mannschaft nach vorne pushen. Da werden sich die Bayern einiges anhören müssen.

bundesliga.de: Mit welcher Taktik sollten die Bayern in Lyon antreten?

Elber: Der FC Bayern muss defensiv gut stehen und sehr aggressiv versuchen, den Gegner in den ersten 15 bis 20 Minuten vom eigenen Tor fernzuhalten. Wenn er die Anfangsphase gut übersteht, wird Lyon nachlassen. Und dann haben die Bayern immer die Möglichkeit ihr Tor zu machen.

bundesliga.de: Es wird sich bei den Bayern im Vergleich zum Hinspiel personell einiges tun. Franck Ribéry ist gesperrt, dafür stehen Holger Badstuber und vor allem Mark van Bommel wieder zur Verfügung. Macht van Bommels Rückkehr das Fehlen von Ribéry wieder wett?

Elber: Franck ist ohne Frage ein sehr guter Spieler. Sein Fehlen wird den Bayern weh tun. Ich hoffe sehr, dass er nur für ein Spiel gesperrt wird. Denn ich glaube, dass die Bayern ins Finale einziehen werden. Dafür ist Mark van Bommel wieder dabei. Er ist Kopf und Seele der Mannschaft und gibt die Taktikanweisungen an die jungen Spieler. Er ist immer einer, der richtig draufgeht, außerdem ein guter Spieler. Er hat einen anderen Stil als Stefan Effenberg zu meiner Zeit, aber er ähnelt ihm in seinem Auftreten ein bisschen. Er ist sehr wichtig für das Bayern-Spiel.

bundesliga.de: Arjen Robben ist bei den Bayern in den letzten Wochen der Mann der wichtigen Tore. Haben Sie ihm zugetraut, dass er so wichtig für die Münchener werden würde?

Elber: Ja. Arjen Robben ist derzeit in einer Topverfassung und ein Glücksfall für den FC Bayern. Er ist jetzt auch nicht mehr so oft verletzt wie bei Real Madrid oder Chelsea. Ich glaube, dass sich Real jetzt richtig ärgert, dass sie ihn an die Bayern abgegeben haben. Robben fühlt sich wohl in München. Wenn der Kopf gesund und der Spaß am Fußball da ist, dann lassen auch automatisch die Verletzungen nach. Er hat im FC Bayern eine große Familie gefunden, wird total unterstützt und ist deshalb weniger verletzt.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie seine Reaktion nach seiner Auswechslung als er Trainer van Gaal zunächst den Handschlag verweigerte?

Elber: Der Trainer muss diese Reaktion verstehen. Ich mag solche Spieler. So wünsche mir einen Spieler auch, einer, der immer spielen will, ehrgeizig ist und sich ärgert, wenn er ausgewechselt wird. Solche Spieler sind mir viel lieber als diejenigen, die eine Auswechslung gleichgültig hinnehmen.

bundesliga.de: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Lyon, wo Sie nach Ihrer Zeit bei den Bayern spielten?

Elber: Ich hatte im Rückblick in Lyon eine tolle Zeit bis dann die Verletzungen kamen. In den ersten eineinhalb Jahren haben wir die Meisterschaft und den Supercup gewonnen. Die Bilanz war sportlich in Ordnung. Als ich verletzt war, habe ich mir mehr Unterstützung gewünscht. Da dachte ich, der Verein wäre professioneller. Das hat sich inzwischen geändert. Andere Spieler haben mir erzählt, dass unter dem Trainer Gérard Houllier der Aufschwung einsetzte. Inzwischen ist aus dem damaligen "Amateurverein" ein richtiger Proficlub mit großen Ambitionen geworden.

bundesliga.de: In der Meisterschaft haben die Bayern alle Trümpfe in der Hand. Ist Ihnen der Titel noch zu nehmen?

Elber: Die Bayern sind noch nicht durch. Felix Magath ist ein Fuchs, ihm ist alles zuzutrauen. Aber die Bayern müssen "nur" ihre Ergebnisse machen, dann kann Schalke spielen wie sie wollen.

bundesliga.de: Es sieht danach aus, dass Claudio Pizarro Ihnen schon in Kürze Ihren sieben Jahre alten Rekord als mit 133 Toren bester ausländischer Torjäger der Bundesliga abnimmt. Würden Sie das bedauern?

Elber: Nein, überhaupt nicht. Der Claudio Pizarro schafft das ganz sicher noch in dieser Saison. Und wenn doch nicht, hat er ja bei Werder noch einen 10-Jahres-Vertrag (lacht). Ich gönne es ihm sehr, denn er ist ein hervorragender Kicker. Wir hatten damals viel Spaß, als wir zusammen für den FC Bayern stürmten.

bundesliga.de: Abschlussfrage: Wie geht das Spiel in Lyon aus?

Elber: Ich tippe auf ein 1:1. Ich bin dann aber schon wieder zurück und werde mir das Spiel in Brasilien anschauen. Ich muss ja noch eine Menge Spieler beobachten, die ich dem FC Bayern empfehlen kann.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski