ANZEIGE

Madrid - Sein Name ist eng verbunden mit  der letzten erfolgreichen Ära Real Madrids. Mit ihm wurden die Königlichen 1998, 2000 und 2002 dreimal Champions-League-Sieger, zudem gewann er zweimal die spanische Meisterschaft und holte unter anderem noch zwei Mal den Weltpokal. Mit dem FC Liverpool wurde er 2006 FA-Cup-Gewinner, mit Olympique Marseille 2010 französischer Meister: Fernando Morientes. Der kongeniale Sturmpartner von Raul ist zweifellos einer der besten Stürmer in der spanischen Fußballgeschichte und heutzutage immer noch eng verbunden mit Real, wo er aktuell seit 2012 als B-Jugend-Trainer fungiert.

Vor dem Halbfinale gegen Bayern München (Mi., ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) erzählt der heute 38-Jährige exklusiv bei bundesliga.de von seinen Erwartungen an das Gigantenduell, von seinen eigenen Erfahrungen gegen die Bayern und spricht auch über Pep Guardiola, mit dem er es mehr als einmal in seiner Karriere zu tun hatte.

bundesliga.de: Herr Morientes, Sie haben mit Real Madrid Ende der Neunziger Jahre mehrmals gegen die Münchner Bayern gespielt, bei denen damals unter anderen Stefan Effenberg, Giovane Elber, Mehmet Scholl oder Oliver Kahn im Team waren. Welche Erinnerungen haben Sie? Gibt es einen Moment, der Ihnen zu diesen Duellen ganz speziell einfällt ?

Fernando Morientes: Das waren Duelle auf des Messers Schneide, auf Topniveau, an die ich mich immer noch sehr gut erinnere (die besten Duelle Real vs. Bayern in Bildern). Bayern hat damals mit sehr viel Körpereinsatz gespielt, ich erinnere mich an meine Duelle gegen Sammy Kuffour oder Thomas Linke. Es war für mich als Stürmer immer schwer, mich gegen sie durchzusetzen. Mir fällt auch das alte Olympiastadion in München ein. Es war eine fantastische Stimmung, in der die Bayernfans ihr Team richtig nach vorne gepeitscht haben. Das haben wir damals schon bei der Ankunft am Stadion gespürt. Es waren für uns mit die schwersten Auswärtsspiele überhaupt. Mir fallen auch Elber, Effenberg oder Kahn ein, die damals große Referenzen im Weltfussball waren.

bundesliga.de: Sie gewannen damals dreimal die Champions League, beherrschten den europäischen Fußball. Das jetzige Team mit Weltfußballer Cristiano Ronaldo läuft schon mehrere Jahre dem zehnten Champions-League-Titel hinterher. Wie stark ist das Team im Vergleich zu Ihrer Mannschaft damals?

Morientes: Wenn ich das vergleiche, sind es ganz verschiedene Mannschaften. Auch wenn Real in den letzten drei Jahren kurz davor stand, ins Finale zu ziehen - es hat auch das Quäntchen Glück gefehlt. So wie letzte Saison im Rückspiel gegen Borussia Dortmund, davor war es das Elfmeterschießen gegen Bayern, da hätte es auch anders kommen können. Manchmal fehlt eben die Situation oder die Szene, die dich ins Finale bringt.

bundesliga.de: Das Gesicht von Vorstandsmitglied Emilio Butragueno bei der Auslosung sprach Bände als Bayern München im Halbfinale zugelost wurde. Haben Sie in dem Moment auch gedacht: Oje, das hat uns gerade noch gefehlt, die wollten wir überhaupt nicht!

Morientes: So ist es. Alle drei möglichen Gegner, die im Lostopf waren, sind Topmannschaften und schwer zu spielen, doch es stimmt schon, dass man Bayern als den Favoriten bezeichnen kann und sie auch die Mannschaft sind, die man schlagen muss, um im diesjährigen Wettbewerb was reißen zu können. Wir reden vom aktuellen Titelträger, der in der Bundesliga wie ein Wirbelwind aufgetreten ist. Bayern ist insbesondere mit Ball besser geworden. Sie haben gerne viel Ballbesitz und es ist eine Mannschaft, die Real mit Sicherheit weh tun kann. Von den drei möglichen Halbfinalgegnern ist es schon derjenige, den man eigentlich nicht haben wollte.

bundesliga.de: Sie trainieren seit zwei Jahren die B-Jugend bei Real, sind nahe dran an der ersten Mannschaft. Haben Sie das Gefühl, dass die Mannschaft an sich selber glaubt vor diesem Halbfinale? Wie sehen Sie Trainer Carlo Ancelotti?

Morientes: Das Bernabeustadion verwandelt sich in der Champions League. Die Stimmung wird anders sein, denn seit vielen Jahren läuft Real dem zehnten Champions-League-Titel hinterher. Die Fans werden wie eine Eins hinter ihrer Mannschaft stehen, sie werden sie nach vorne treiben. Ich denke, dass Bayern dieses Ambiente zu spüren bekommen wird. Spiele gegen Bayern sind hier in Madrid schon was Besonderes, und das wissen Trainer und Mannschaft auch. Der Pokalsieg hat der Mannschaft sicherlich auch einen weiteren Adrenalinstoß gegeben.

bundesliga.de: Es kommt ja sehr selten vor, dass Real bei einem Spiel Außenseiter ist, die Favoritenrolle wird nach München übertragen. Könnte das aber unter Umständen ein kleiner psychologischer Vorteil für Madrid sein? Ist deswegen der Druck bei den Bayern nicht viel zu groß?

Morientes: Klar, der Druck ist normalerweise immer beim Favoriten. Trotzdem denke ich, dass die Chancen zum Weiterkommen bei 50:50 liegen. Allerdings ist es ein kleiner Vorteil für die Bayern, das Rückspiel zuhause austragen zu können. Wie auch immer, es ist schwer von einem klaren Favoriten zu sprechen, wir reden von zwei Superkadern mit einigen der besten Spieler der Welt. Ich bin sehr gespannt auf das Spiel. Man wird sehen, ob Real mit einem Vorsprung das Rückspiel antreten kann oder ob Bayern in Madrid die Basis für das Finale legen wird.

bundesliga.de: Sie arbeiten ja parallel auch als Experte beim spanischen Hörfunksender Cadena Cope und sind da in der Champions League immer im Einsatz. Was ist Ihnen speziell von den Bayern in dieser Spielzeit aufgefallen?

Morientes: Ich bin ja jetzt selber Trainer und mir fällt insbesondere ihre Spielweise auf. Sie haben mit Ribery und Robben zwei Außen, die die ganze Breite des Spielfeldes nutzen. Die Außenverteidiger bewegen sich immer wieder ins Mittelfeld, ihre schnelle Ballzirkulation ist auch ein Prunkstück ihrer Spielweise. Ihre Fähigkeit, die Spielzüge bis zum Ende abzuschließen, deswegen ist auch ihre Torquote sehr hoch. Sie haben so viele positive Punkte, dass den Gegnern Angst und Bange wird.

bundesliga.de: Bayern hat viele Topstars, aber keinen, der alle um Längen überragt. Es ist noch nicht sicher, ob Cristiano Ronaldo gegen Bayern im Hinspiel auflaufen kann. In wie weit würde der Ausfall des Superstars die Chancen Reals auf ein Weiterkommen mindern?

Morientes: Stellen Sie sich vor, was ein Spieler, der pro Jahr um die 40 Treffer erzielt, für die Mannschaft bedeutet. Eigentlich ist er kaum wegzudenken. Trotzdem: Wenn er mal nicht spielen konnte, hat das die Mannschaft kompensiert und wegstecken können. Spieler wie Bale, Benzema oder di Maria haben dann mehr Verantwortung übernommen. Allerding wäre ein theoretischer Ausfall Ronaldos gegen die Bayern schon bitter. Er kann Spiele alleine entscheiden und ist zudem der absolute Topstar bei Real. Wenn Ronaldo spielt, müssen die Gegner ihr Spiel umstellen, um ihn in Schach halten zu können.

bundesliga.de: Worauf kommt es für Sie bei diesem Spiel an? Wo könnte der Schlüssel zum Erfolg liegen? Sind es vielleicht die Duelle im Mittelfeld?

Morientes: Ich denke nicht nur im Mittelfeld. Es wird sehr stark auf ein perfektes Passspiel ankommen, aber auch auf die Laufwege beider Teams. Mal sehen, wie beide Teams auf Ballverluste reagieren, wie sie sich dann positionieren. Eminent wichtig werden auch die wenigen freien Räume sein, die Spieler wie Robben, Ribery, Bale, di Maria oder Cristiano, wenn er spielt, zur Verfügung haben. Ich denke, dass derjenige mit längerem Ballbesitz einen kleinen Vorteil haben könnte. Es kann aber auch ein sehr taktisch ausgerichtetes Spiel werden.

bundesliga.de: Real wird von einem Italiener trainiert, Barca und Atletico von Argentiniern. Bei Bayern agiert der erfolgreichste Spanier seit Vicente del Bosque, der ja Ihr Coach bei Real war. Was ist für Sie das Erfolgsrezept des Pep Guardiola, der "Peitsche von Real"? Unvergessen für die Barca-Fans sind das 5:0 zuhause und der schon legendäre 2:6 Sieg 2009 im Bernabeustadion!

Morientes: Pep hat eine ganz klare Idee, welchen Fussball er spielen lassen will. Sein Konzept steht zu 100 Prozent. Er weiß ganz genau, welchen Kurs er seinen Spielern übermitteln muss, zudem ist er ein großer Motivator, der damit alles aus seinen Spielern herausholen will. Es geht aber nicht nur darum, seine Spielphilosophie den Spielern klar zu machen, sondern auch dass die Spieler diese umsetzen. Du kannst als Trainer viele Kenntnisse und viele Ideen haben, wenn die Spieler aber diese nicht wahrnehmen oder umsetzen, dann ist das Konzept zum Scheitern verurteilt. Bei Pep hat man das Gefühl, dass er bei den Spielern Gehör findet.

bundesliga.de: Bayern hat zuletzt einige Negativergebnisse erzielt, speziell in der Bundesliga, unter anderem das 0:3 gegen Borussia Dortmund. Man hat das Gefühl, dass sich die Mannschaft zu sehr hat fallen lassen, nicht mehr zu 100 Prozent konzentriert in die Spiele gegangen ist. Könnte das gefährlich für die Bayern sein?

Morientes: Sowas passiert in allen Wettbewerben und bei allen großen Mannschaften. Wenn du ein Saisonziel erreicht hast, ist es normal, dass man sich bei einigen Spielen etwas fallen lässt. Aber die Situation ist jetzt eine ganz andere. Sie spielen das Halbfinale der Champions League, haben Real vor der Nase - die Motivation kann deswegen nicht größer sein. Es wird sich deswegen auch an der Spielphilosophie der Bayern nichts ändern. Ich denke, dass wir die großen Bayern sehen werden. Für sie ist es wieder was ganz Besonderes, um Europas Thron zu kämpfen. Bayern wird mit Sicherheit wieder bei 100 Prozent sein.

bundesliga.de: Fast wäre dem BVB gegen Real Madrid die Sensation gelungen. Viele Experten meinen, dass Real gerade bei Spielen gegen Topgegner nicht auf der Höhe ist. Teilen Sie diese Meinung? Wie ist so etwas zu erklären?

Morientes: Real leidet gegen große Mannschaften, weil sie beim Offensivspiel mit sehr vielen Spielern nach vorne marschieren. Das bedeutet wiederum, dass es dann bei der Defensivarbeit zu Problemen kommt. Es stimmt, dass wichtige Spiele in der Meisterschaft gegen die anderen Großen verloren wurden, trotzdem denke ich, dass Real in den letzten Wochen besser aufgetreten ist, die Fehlerquote nach unten gesenkt hat. Da steht auf der einen Seite der Pokalerfolg gegen den FC Barcelona, auf der anderen die guten Resultate in den letzten Ligaspielen. Real muss gegen Bayern, ohne das Offensivspiel einzuschränken, defensiv eine Topleistung bringen.

bundesliga.de: Sie hatten in Ihrer Karriere immer wieder mit Pep Guardiola zu tun, sowohl bei den Clasicos als auch in der Nationalmannschaft. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn als Spieler und als Privatmensch?

Morientes: Auf dem Spielfeld war er ein Leader. In der Nationalmannschaft, wo wir zusammen spielten, wurde das Offensivspiel sehr oft über ihn eröffnet. In der Kabine hatte er damals schon dieses Trainergen. Er unterhielt sich lange und gerne über bestimmte Spielzüge oder Spielsituationen, und das fast immer unter vier Augen. Sollten wir uns am Rande des Halbfinalhinspiels in Madrid über den Weg laufen, werde ich ihn auf jeden Fall begrüßen, denn wir hatten während unserer Zeit bei der Nationalmannschaft ein gutes Verhältnis.

Das Gespräch führte Miguel Gutierrez