Leipzig - Einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg von RB Leipzig ist Emil Forsberg. Der Schwede ist in dieser Saison der stärkste Spieler seiner Mannschaft und einer der besten Scorer der gesamten Bundesliga. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Forsberg über die Gründe für Leipzigs herausragende Saison, über den fachlichen Austausch mit seiner Frau Shanga, die ebenfalls für RB spielt, und darüber, warum Skandinavier so schnell Fremdsprachen lernen.

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bundesliga.de: Herr Forsberg, wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass diese Saison nicht nur eine gute, sondern eine ganz besondere werden würde für RB Leipzig?

Emil Forsberg: Das ist schwer zu sagen. Eigentlich haben wir bereits nach dem 2. Spieltag und dem 1:0 gegen Borussia Dortmund gespürt: Wir sind wirklich richtig gut. Aber dass wir eine solche Konstanz, wie sie uns nun beinahe über die gesamte Saison auszeichnet, auf den Platz bringen würden, war damals natürlich noch nicht abzusehen. Diese Leistung wollen wir nun in den letzten Spielen natürlich bestätigen. Und ich denke, dass wir nach dem 34. Spieltag wirklich alle das Gefühl haben werden, eine sehr gute Saison gespielt zu haben. Im Augenblick aber denken wir ausschließlich an Schalke. Nur darauf liegt jetzt unser Fokus.

bundesliga.de: Niemand hat geglaubt, dass Leipzig der klassische Aufsteiger sein würde, der vielleicht vom ersten bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg kämpfen muss. Dass Sie aber konstant so stark auftreten, überrascht selbst Experten. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Forsberg: Unsere Mentalität. Wir sind immer bereit alles zu geben, ob auf dem Trainingsplatz oder im Spiel am Wochenende. In diesen 90 Minuten bringen wir alles, was wir können, auf den Platz. Wir mögen in manchen Momenten bzw. Spielen vielleicht auch ein wenig Glück gehabt haben. Aber in Schweden sagt man, dass man sich Glück auch verdienen kann. Und das ist bei uns der Fall, denke ich. Wir sind eine super Mannschaft, wir arbeiten jeden Tag sehr hart und wir wissen, dass in der Bundesliga kein Spiel leicht ist und wir an unser Limit gehen müssen, um Spiele zu gewinnen.

bundesliga.de: Besonders beeindruckt, wie schnell gerade die Spieler, die schon in der Zweiten Liga dabei waren, dazu gelernt haben. So scheint man aus Niederlagen wie gegen Wolfsburg und Bremen umgehend die richtigen Schlüsse gezogen zu haben...

Forsberg: Man kann aus jedem Spiel lernen, gerade als Aufsteiger. Wir schauen nach jedem Spiel sehr genau darauf, was wir beim nächsten Mal besser machen müssen. Und wir wollen Spaß haben auf dem Platz, ob nun im Training oder im Spiel. Die Stimmung im Team ist sehr positiv, so dass wir die zwei, drei Niederlagen in Folge gut und konstruktiv bewältigen konnten - wir sind daran gewachsen. Dazu kommt noch, dass ich persönlich ohnehin kein Typ bin, der vor einem Spiel nervös oder verkrampft wäre. Ich gehe raus auf den Platz, spiele mein Spiel und will immer gewinnen. Und so tickt die ganze Mannschaft.

bundesliga.de: Eine Mannschaft, die mittlerweile auch Geduld gelernt hat?

Forsberg: Das stimmt. Wir sind geduldiger, und vor allem auch flexibler geworden. Wir können 5-3-2 spielen, aber auch 4-3-3 oder 4-2-2-2. Wir beherrschen heute diese verschiedenen Systeme sehr gut.

bundesliga.de: Sprechen wir über Sie persönlich: Mit Malmö FF konnten Sie bereits Champions League-Erfahrung sammeln. Was erzählen Sie Ihren jüngeren Mitspielern über das Abenteuer Champions League?

Forsberg: Ganz ehrlich? Darüber sprechen wir gar nicht. Wenn es irgendwann so weit sein sollte, dass wir tatsächlich sicher qualifiziert sind, mag das vielleicht anders werden. Denn selbstverständlich wollen wir jetzt in die Champions League. Aber nun folgen erst einmal noch fünf Spiele, die wir erfolgreich absolvieren wollen. Jetzt geht es nach Schalke, dann kommt Ingolstadt zu uns, die zuletzt auch eine gute Form gezeigt haben. Und dann müssen wir zur Hertha. Das sind drei ganz schwere Spiele. Es wäre also völlig falsch, es jetzt ruhiger angehen zu lassen in dem Wissen, dass wir zumindest Rang vier bereits sicher haben. Nein. Wir wollen unbedingt den zweiten Platz halten und verteidigen.

bundesliga.de: Sie sagen von sich, dass Sie selbst Ihr größter Kritiker sind. Aktuell dürften Sie diesbezüglich aber kaum etwas zu tun haben...

Forsberg: Doch, doch! (lacht) Mir ist das alles noch nicht gut genug. Es müssten 32 Vorlagen sein, dann könnte ich vielleicht zufrieden sein (aktuell steht Forsberg bei 17 Vorlagen und acht Treffern; d. Red). Ich habe eine gute Saison gespielt, so wie die gesamte Mannschaft. Aber man muss immer im Kopf haben, dass es noch besser geht und das auch wollen.

bundesliga.de: Sie bekommen nach der bereits guten Aufstiegssaison überall überragende Kritiken und sind zudem der viertbeste Scorer der Bundesliga. Da dürfte ein „noch besser“ allmählich schwierig werden...

Forsberg: Nein. Es geht immer noch was, davon bin ich überzeugt. Klar ist die Saison gut. Aber ich bin ein Typ, der niemals ganz mit sich zufrieden ist. Das war in der vergangenen Zweitliga-Saison nicht anders als dies jetzt der Fall ist. Ich habe mich seit der vergangenen Saison definitiv weiterentwickelt, aber abgeschlossen ist diese Entwicklung gewiss noch nicht.

bundesliga.de: Sie haben Ihren Vertrag, der ohnehin bis 2021 lief, kürzlich bis 2022 verlängert. Bei dieser langen Laufzeit muss es Ihnen nicht nur bei RB und in der Bundesliga, sondern auch in der Stadt Leipzig sehr gut gefallen...

Forsberg: Stimmt. Meine Frau, mein Hund und ich fühlen uns sehr wohl in Leipzig. Wir hatten hier noch nicht ein einziges Mal irgendwelche Probleme und haben alles, was wir zum Glücklichsein brauchen. Leipzig ist wirklich sehr schön, und ich liebe diese Stadt.

bundesliga.de: Auch Ihre Frau spielt für den Club, aktuell in der 4. Liga. Welche Perspektiven hat dieses Team?

Forsberg: Die Mannschaft und Shanga haben großes Potenzial. Die ganze Mannschaft hat viel Spaß und Spielfreude, ich bin sicher, dass die Entwicklung dieses Teams noch nicht zu Ende ist.

bundesliga.de: Kritisieren Sie beide Ihre jeweiligen Leistungen?

Forsberg: Sie sollten mal zu mir nach Hause kommen, wenn ich ein schlechtes Spiel gemacht habe (lacht). Nein, im Ernst: Wenn wir schlecht gespielt haben, sprechen wir darüber auch. Shanga sagt zum Beispiel: „Was hast Du auf dem Platz heute bloß für Entscheidungen getroffen? Die Pässe waren Mist, die Flanken waren Mist und die Abschlüsse auch!“ Ich antworte dann „Ich weiß, aber das nächste Spiel steht ja vor der Tür“. Shanga sagt: „Das nächste Spiel ist erst in einer Woche. Das Spiel heute aber war wirklich nicht gut. Du musst jetzt erst einmal analysieren, was du falsch gemacht hast, bevor du an das nächste Spiel denkst“.

bundesliga.de: Zum Schluss noch ein Kompliment für Ihr hervorragendes Deutsch. Haben Sie unsere Sprache schon in der Schule gelernt?

Forsberg: Nein. Ich hatte nie Deutschunterricht, sondern habe die Sprache erst hier gelernt.

bundesliga.de: Gerade Skandinavier scheinen Sprachen, ob nun Deutsch oder Englisch, sehr schnell zu lernen. Ihr Landsmann Oscar Wendt glaubt, das könnte damit zu tun haben, dass Skandinavier als ehemalige Seefahrer schon immer nach außen orientiert waren...

Forsberg: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber mir scheint das durchaus eine sinnvolle Erklärung. Und wir Skandinavier sind halt smart (lacht). Zudem gibt es viele deutsche Worte, etwa Arm, Bein, Hand oder Rücken, die auf Schwedisch ähnlich geschrieben oder ausgesprochen werden (arm, ben, hand, rygg; die Red.). Und was Englisch betrifft: Im schwedischen Fernsehen laufen US-Serien, die ich übrigens sehr gerne sehe, wie auch die Filme im Kino immer im Original mit schwedischen Untertiteln, während etwa in Deutschland Serien und Filme fast immer synchronisiert werden. Diese Praxis ist für uns Schweden beinahe wie ein richtiger Englischunterricht. Deswegen können wir so gut Englisch und Deutsch. Alles andere aber natürlich auch. Und Fußball sowieso (lacht).

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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