Köln - Raul Bobadilla gehört zu den besonderen Typen der Bundesliga. Wo er früher auch schon mal abseits des Rasens für Aufregung sorgte, ist der gebürtige Argentinier, der aber für Paraguay spielt, während seiner vier Jahre beim FC Augsburg zu einem unverzichtbaren Eckpfeiler seines Teams herangereift. Vor dem Gastspiel beim FC Bayern München spricht Bobadilla im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Chancen der Augsburger beim Rekordmeister und im Abstiegskampf, über seinen eigenen Entwicklungsprozess und über den hohen Stellenwert der Bundesliga in Südamerika.

bundesliga.de: Herr Bobadilla, hat die Länderspielpause gereicht, um für das Spiel beim FC Bayern München wieder fit zu werden?

Raul Bobadilla: Ich denke schon. Ich habe zwar noch ein wenig Schmerzen. Aber bis Samstag sollten wir das im Griff haben.

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bundesliga.de: Wie geht man ein Spiel gegen eine Mannschaft an, die in den vergangenen zehn Pflichtspielen 32 Tore geschossen hat?

Bobadilla: Ich denke, dass man bereits jetzt sagen kann, dass wir gegen den neuen Deutschen Meister spielen. Über die Qualität dieser Mannschaft brauchen wir im Grunde also gar nicht sprechen. Trotzdem fahren wir mit der Hoffnung nach München, dass auch dort etwas gehen kann für uns. Man sollte nicht vergessen, dass wir in München schon einmal gewonnen haben (in der Saison 2014/15 gewann der FC Augsburg am 32. Spieltag durch ein Bobadilla-Tor mit 1:0 beim FC Bayern; d. Red.). Wir wollen also mindestens einen Punkt holen.

bundesliga.de: Gemeinsam mit drei anderen Teams weist der FC Augsburg aktuell 29 Punkte auf und steht damit nur zwei Punkte vor dem Relegationsplatz. Wie sehr spüren Sie diesen Druck?

Bobadilla: Die Tabellensituation ist schwierig, das steht außer Frage. Aber die Teams, die dort unten stehen, treffen auch noch aufeinander. Wir wissen, dass wir in den verbleibenden acht Wochen noch so viele Punkte wie eben möglich holen müssen, wenn wir ganz sichergehen wollen. Ein gewisser Druck ist daher vorhanden, aber damit können wir sehr gut umgehen. Ich glaube fest an unsere Mannschaft und bin davon überzeugt, dass wir unser Ziel erreichen werden – so wie wir das bisher immer geschafft haben!

bundesliga.de: Eine Augsburger Tageszeitung hat Ihre Aura mit der des wilden Stiers aus der Bronx, Jake La Motta, verglichen, den Robert de Niro im Boxer-Drama "Wie ein wilder Stier" verkörperte. Der Autor sieht in Ihnen die Lebensversicherung für den FCA...

Bobadilla: Ein solcher Vergleich freut mich natürlich sehr und ist ein großes Lob. Ich weiß, dass ich der Mannschaft helfen kann, wenn ich fit bin. Und ich werde auch immer alles für diese Mannschaft und für diesen Verein geben.

bundesliga.de: Tatsächlich spielen Sie – trotz zweier Verletzungen im Laufe der Serie – erneut eine sehr starke Saison. Der FC Augsburg und Raul Bobadilla – das scheint für beide Seiten ein großer Glücksfall...

Bobadilla: Mit dem Wechsel nach Augsburg im Sommer 2013 habe ich alles richtig gemacht. Die vier Jahre seitdem sind die besten meiner Karriere. In Augsburg habe ich kontinuierlich meine wahre Leistungsstärke zeigen können, was mir auf meinen vorherigen Stationen nicht immer gelungen ist. Ich habe mit dem FCA großartige Erfahrungen sammeln können, wie in der Europa League-Saison 2015/16. Das war der Wahnsinn! Umso mehr gilt es jetzt, stark zu sein und zu kämpfen. Denn ich will auch in der kommenden Saison mit dem FCA in der Bundesliga spielen.

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bundesliga.de: Trotz eines wohl sehr lukrativen Angebots aus China haben Sie bis 2020 in Augsburg verlängert. Eindrucksvoller hätte Ihr Bekenntnis zum FCA und zur Bundesliga kaum sein können...

Bobadilla: Ich will ganz ehrlich sein: Selbstverständlich musste ich einen Moment lang nachdenken bei einem solchen Angebot. Ich muss auch an die Zukunft meiner Familie denken. Und es ging wirklich um sehr viel Geld. Das wäre der einzige denkbare Grund gewesen, den FCA zu verlassen. Am Ende war es dann aber doch keine schwere Entscheidung, meinen Vertrag bis 2020 zu verlängern. Denn ich fühle mich in Augsburg pudelwohl, und das ist das, was am meisten zählt.

bundesliga.de: Zurück zum Spiel in München: Sie treffen dort auf eine Reihe von südamerikanischen Landsleuten, wie Arturo Vidal oder Douglas Costa. Freuen Sie sich darauf, oder sind nationale Rivalitäten größer als die Freude?

Bobadilla: Nein. Ich freue mich sehr auf dieses Spiel und auf alle Spieler des FC Bayern, egal, ob Südamerikaner oder nicht. Denn diese Spieler gehören zu den besten der Welt und sich mit ihnen messen zu dürfen, ist ein großes Privileg und eine wunderbare Sache für jeden Fußballer. Da spielen nationale Rivalitäten überhaupt keine Rolle!

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bundesliga.de: Anders ist das naturgemäß in der WM-Qualifikation: Sehen wir Sie bald wieder in der "Albirroja", der paraguayischen Nationalmannschaft?

Bobadilla: Ich habe zuletzt nichts mehr gehört vom paraguayischen Verband oder vom Nationaltrainer. Auf der einen Seite erspart mir das die langen, kräftezehrenden An- und Abreisen nach Südamerika, so dass ich mich ganz auf die wichtigen Spiele mit dem FCA konzentrieren kann. Auf der anderen Seite aber wäre ich selbstverständlich sofort bereit zu helfen, wenn man mich braucht. Es wäre toll, wenn Paraguay die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Russland 2018 schaffen würde, und ich vielleicht dabei sein dürfte. Ich erinnere mich noch sehr gerne an die Copa 2015, als ich in jedem Spiel für Paraguay auf dem Platz gestanden habe. Eine tolle Erfahrung!

bundesliga.de: Sie sind gebürtiger Argentinier, spielen für Paraguay und kennen neben der Bundesliga auch die Ligen in der Schweiz und Griechenland. Wie sehen Sie die Bundesliga im internationalen Vergleich, bzw. wie sieht man die Bundesliga in Südamerika?

Bobadilla: Für mich und auch für viele Fans in Südamerika ist die Bundesliga die beste Liga der Welt und ich bin stolz darauf, dass ich in dieser Liga spielen darf. Auf die Bundesliga schauen heute buchstäblich alle in Südamerika. Denn die Spiele sind dort jetzt live zu verfolgen, meine Eltern etwa sehen sich jedes FCA-Spiel an.

bundesliga.de: Roque Santa Cruz, Nelson Haedo Valdez, Lucas Barrios, Dario Lezcano und natürlich Sie stehen dafür, dass Profis aus Paraguay und die Bundesliga längst eine gemeinsame Geschichte haben. Gibt es hoffnungsvolle Talente oder Nationalmannschafts-Kollegen, denen Sie eine Bundesliga-Karriere zutrauen?

Bobadilla: Einzelne Namen zu nennen macht gar keinen Sinn, weil eigentlich jeder in der Bundesliga spielen möchte. Aber meine Landsleute müssen wissen, dass es nicht leicht ist, es hier zu schaffen. Dass viele das fußballerische Rüstzeug und die Klasse für die Bundesliga mitbringen, steht außer Frage. Sich aber an die neue Kultur und die neue Mentalität zu gewöhnen, die in Deutschland völlig anders sind als in Argentinien oder in Paraguay, das ist eine sehr große Aufgabe. Ich habe diese Erfahrung selbst machen müssen und hatte eine schwierige Zeit, bis ich mich wirklich an alles gewöhnt hatte.

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bundesliga.de: Welche Ratschläge würden Sie daher Landsleuten mit auf den Weg geben, die es in die Bundesliga zieht?

Bobadilla: Jeder muss wissen, dass fußballerische Qualität alleine nicht ausreicht. Man muss auch charakterlich und mental sehr stark sein, wenn man es in der Bundesliga schaffen will. Viele müssen Familie und Freunde erst einmal zurücklassen, wenn sie nach Deutschland kommen. Und das ist anfangs alles andere als leicht. Ich selbst habe mich damals bei Borussia Mönchengladbach mit der notwendigen Professionalität zunächst schwergetan. Mit den Jahren aber habe ich gelernt, was es heißt Fußball-Profi in der Bundesliga zu sein. Und heute bin ich sehr stolz darauf, dass ich es geschafft habe, richtig in der Bundesliga anzukommen!

Das Gespräch führte Andreas Kötter