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Köln - FC Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach - nicht nur, aber gerade in den 70er Jahren, als beide Vereine über ein Jahrzehnt die Meisterschaft nahezu unter sich ausmachten, war diese Partie das Highlight einer jeden Saison.

Damals stets mit dabei für die Borussia war Rainer Bonhof. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Gladbachs heutiger Vize-Präsident über die aktuelle Dominanz der Bayern, über Borussias Entwicklung und über ängstliche Torhüter.

bundesliga.de: Herr Bonhof, was sagt man der eigenen Mannschaft, wenn die zu einem Team muss, das in den vergangenen Pflichtspielen mehr als 30 Tore geschossen hat, so viele wie manche Clubs in einer kompletten Saison erzielen?

Rainer Bonhof: Das müssten Sie eigentlich den Trainer fragen (lacht)...

bundesliga.de: ...Sie waren selbst auch Trainer...

Bonhof: 30 Tore oder nicht - das ist doch irrelevant! Es geht darum, dass man vor jedem Bundesligisten Respekt haben sollte, aber ganz sicher keine Angst haben darf.

"Jede Spiel ist für jeden Spieler eine Herausforderung"

bundesliga.de: Sind Profis heute so cool, dass es ihnen - im positiven Sinne - "egal" ist, ob sie in München oder in Paderborn spielen?

Bonhof: Das kann man grob so stehen lassen. Grundsätzlich ist selbstverständlich jedes Spiel für jeden Spieler eine Herausforderung, egal, ob es sich um Bayern München, um Paderborn oder um wen auch immer handelt. Allerdings mit unterschiedlichen Nuancen. Wenn man gegen einen Tabellennachbarn spielt, weiß man, dass dies in gewisser Weise ein Sechs-Punkte-Spiel ist. Spielt man gegen ein Team, das 20 Punkte Vorsprung hat, will man es möglichst besser machen, als dass der Konkurrenz zuvor gelungen ist. Und trifft man auf eine abstiegsbedrohte Mannschaft weiß man, dass deren Spieler bis zum Letzten fighten werden.

bundesliga.de:Apropos "bis zum Letzten fighten": Dafür stand und steht Dante. Zuletzt gab es Gerüchte über eine Rückkehr nach Gladbach. Wäre das denkbar?

Bonhof: Wer sagt denn, dass Dante in München nicht mehr gut gelitten ist?! Bayern München hat seinen Kader darauf ausgerichtet ist, in vielen Wettbewerben wettbewerbsfähig zu sein. Da kann es schon mal passieren, dass der eine ein paar Spiele mehr und der andere ein paar Spiele weniger macht. Im Moment hat es wohl Dante erwischt, der auf weniger Einsätze kommt. Das ist aber ganz normal. Und deshalb ist Dante für uns auch kein Thema.

bundesliga.de: Möglicherweise kommt es in dieser Saison noch zu einem weiteren Aufeinandertreffen mit den Münchnern...

Bonhof: ...im DFB-Pokal, meinen Sie?

bundesliga.de: Ja. Sollte es dazu kommen, wären Ihnen die Bayern dann erst im Finale recht, oder würden Sie lieber schon früher auf die Münchner treffen?

Bonhof: So zu denken wäre völlig falsch, weil im Viertelfinale mit der Partie bei Arminia Bielefeld erst einmal eine sehr, sehr schwierige Aufgabe auf uns wartet. Deshalb verschwenden wir an ein Finale, beziehungsweise an einen möglichen Gegner in einem möglichen Finale, jetzt überhaupt noch keinen Gedanken.

"Sepp war froh, wenn wir im selben Team standen"

bundesliga.de: Sie selbst haben mit Borussia, aber auch mit dem 1. FC Köln unzählige Male gegen Bayern München gespielt. Was war das prägendste Erlebnis?

Bonhof: Ich erinnere mich an viele großartige Partien und Highlights. Am besten in Erinnerung geblieben aber ist der letzte Spieltag der Saison 1973/74, als wir am Bökelberg mit 5:0 gewinnen konnten. Die Bayern hatten freitags mit 4:0 gegen Atletico Madrid im Wiederholungsspiel den Europapokal der Landesmeister gewonnen, mussten aber am Samstag bereits wieder bei uns antreten und waren dementsprechend platt. Zudem hatten sie sich schon am Spieltag zuvor den Meistertitel gesichert. Deshalb haben wir das damals nicht so hoch gehängt - wenn auch ein 5:0 gegen den FC Bayern München immer etwas ganz besonderes ist. (lacht)

bundesliga.de: Liverpools Keeper Torwart Ray Clemence wird nachgesagt, dass er vor Ihren gewaltigen Freistößen gehörigen Respekt, wenn nicht gar Angst hatte. Hat sich Sepp Maier mal ähnlich geäußert?

Bonhof: Nicht das ich wüsste. Aber wahrscheinlich war der Sepp froh, wenn wir bei der Nationalmannschaft im selben Team gestanden haben. (lacht)

"Wir haben die Relegation 2011 nicht vergessen"

bundesliga.de: Vor welchem Münchner hatte man damals auf dem Feld den größten Respekt bzw. mit wem haben Sie es meist zu tun bekommen?

Bonhof: Ich habe meist gegen Uli (Hoeneß, Anm. d. Red.) gespielt. Respekt hatten wir vor jedem Münchner. Aber wir wussten in den 70er Jahren auch, dass wir auf Augenhöhe waren und am Ende meist die Tagesform entscheiden würde.

bundesliga.de: In den 70er Jahren war Borussia Bayerns größter Konkurrent, in den 80ern war es der HSV, in den 90ern Bremen und zuletzt der BVB. Mittlerweile aber scheinen die Münchner in einer ganz eigenen Liga zu spielen. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein in den kommenden Jahren?

Bonhof: Schon ein, zwei Jahre sind im Fußball eine unendlich lange Zeit. Dass der FC Bayern mit außergewöhnlichen Spielern exzellent bestückt ist, weiß jeder, und das wird sich so schnell wohl kaum ändern. Für die Bayern wird immer nur die Meisterschaft und in der Champions League mindestens das Finale zählen. Nichtsdestotrotz hat jeder Club es in den eigenen Händen, den Bayern Paroli zu bieten und sich immer weiter zu verbessern und anzunähern.

bundesliga.de: Wohin geht Borussias Entwicklung?

Bonhof: Wir haben nicht vergessen, dass wir erst 2011 mit Mühe die Relegation überstanden und unseren Fans auch in den Jahren zuvor oft eine Zittersaison beschert haben. Deshalb geht es für uns nur darum, uns weiterhin in der Region zu bewegen, in der wir auch momentan angesiedelt sind, also irgendwo zwischen Platz drei, vier und sechs, sieben. Wir wollen erst einmal stabil bleiben und uns dann sukzessive verbessern. Aber dieses Ziel verfolgen alle Clubs.

Das Gespräch führte Andreas Kötter