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Frankfurt - Als die Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2000 als Gruppenletzter schon nach der Vorrunde die Heimreise antreten musste, war die Kritik an einer überalterten und uninspirierten deutschen Elf vernichtend. 15 Jahre später ist Deutschland mit einer hochtalentierten Mannschaft amtierender Weltmeister, beim Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und dem FC Schalke 04 sorgt die "Knappenschmiede" durch den Auftritt von Leroy Sane für Aufsehen - und die Nachwuchsförderung der Bundesliga insgesamt genießt hohes Ansehen. Ein Erfolg und eine Entwicklung, die unter anderem dem DFL-Lizenzierungsverfahren zu verdanken ist.

Während in den Medien noch über die Probleme des deutschen Fußballs debattiert wurde, arbeiteten die Experten schon an einer langfristigen und qualitativ hochwertigen Lösung. Nach der enttäuschenden EM 2000 haben sich die Verantwortlichen um den damaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder rasch dazu entschlossen, Leistungszentren zunächst für alle Clubs der Bundesliga und später auch der 2. Bundesliga verpflichtend zu machen und spezielle Anforderungen an die Nachwuchsbereiche in der Lizenzierungsordnung zu verankern.

Hohe Standards für die Talentförderung

Damals ging es folglich um nicht weniger als die Zukunft des deutschen Fußballs. "Ziel des Aufbaus von Leistungszentren ist es, die Qualität der Talentförderung im Lizenzbereich und oberen Amateurbereich zu optimieren. [...] Die Leistungszentren sollen eine qualitativ hohe Ausbildung talentierter Nachwuchsspieler in den verschiedenen Altersklassen gewährleisten", heißt es dazu in der entwickelten Richtlinie.

Darin sind zunächst strukturelle Bedingungen fixiert, die für eine optimale Förderung und Entwicklung der jungen Spieler sorgen. Die Trainingsgelände der Nachwuchsabteilungen müssen in der Bundesliga beispielsweise über mindestens vier Plätze verfügen und im Winter eine nahegelegene Halle als Ausweichmöglichkeit bieten. Auch die Vorgaben an Trainer- und Betreuerstab genügen höchsten Ansprüchen. Alle Trainer müssen mindestens Inhaber der DFB-Elite-Jugend-Lizenz sein oder den entsprechenden Lehrgang bereits begonnen haben. Zudem sind für das Nachwuchsleistungszentrum eines Bundesligisten ein Arzt, zwei Physiotherapeuten, ein Reha- und/oder Fitnesstrainer, ein pädagogischer Mitarbeiter und ein psychologischer Mitarbeiter nachzuweisen - und zwar als Mindestanforderung.

Mehr als eine Milliarde Euro investiert

Darüber hinaus schreibt die Richtlinie auch ein tiefgreifendes Jugendförderprogramm vor, in dem die Ziele der Ausbildung festgeschrieben sind, aber auch Themen wie Prävention von Spielsucht und Spielmanipulation oder die Durchführung von Anti-Rassismus-Maßnahmen eine Rolle spielen. Zudem gibt es Vorgaben für die außersportliche Betreuung der Nachwuchsspieler und das Zusammenspiel von Schule und Sport. "Der Club wird sich dafür einsetzen, jedem Spieler den für ihn höchstmöglichen Schulabschluss zu ermöglichen und die Vereinbarkeit der schulischen Ausbildung mit der sportlichen Karriere zu fördern (individuelle Karriereplanung)", lautet die Maßgabe.

Wie wichtig den Vereinen die Nachwuchsförderung ist, verdeutlicht auch ein Blick auf die investierten Mittel: In der Saison 2014/2015 haben die Gesamtinvestitionen der Lizenzclubs in ihre Leistungszentren die Summe von einer Milliarde Euro überstiegen. "Die Nachwuchsförderung befindet sich in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau. Das große Engagement der Clubs bei der Unterhaltung der Leistungszentren wird unter anderem dadurch ersichtlich, dass die Mindestvoraussetzungen der sportlichen Kriterien größtenteils sogar freiwillig übererfüllt werden. Der hohe Personaleinsatz sowie Investitionen um 120 Millionen Euro pro Saison sind enorm", sagt Andreas Nagel, DFL-Direktor Spielbetrieb.

Immer neue Talente schaffen den Durchbruch

Schon mit der Saison 2001/02 wurden Leistungszentren eingeführt, seit der Saison 2002/03 ist die entwickelte Richtlinie zum festen Bestandteil der Lizenzierungsordnung geworden. In der gerade abgelaufenden Bewerbungsphase für eine Lizenz für die Saison 2015/16 ist der Teilbereich Leistungszentren als erster Bestandteil des Lizenzierungsverfahrens ausschließlich online erfasst und eingereicht worden. Dieser Fortschritt, der in den nächsten Jahren auch auf andere Kritierien ausgeweitet werden soll, optimiert und vereinfacht das Verfahren für Clubs und DFL.

Durch die Verankerung in der Lizenzierungsordnung wird die entwickelte Richtlinie jährlich im Zuge des Lizenzierungsverfahrens überprüft. Außerdem haben die Vereine beschlossen, dass zur Evaluierung der qualitativen Standards seitens des Ligaverbandes und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) eine Zertifizierung der Leistungszentren vorgenommen wird.

Acht Seiten umfasst das Dokument. Das klingt sehr überschaubar, aber der Erfolg ist bahnbrechend: In der Bundesliga und 2. Bundesliga hat eine Vielzahl von Spielern in den vergangenen Jahren die Leistungszentren der Clubs durchlaufen. Um mehr als zwei Jahre konnte seit Gründung dieser Ausbildungsstätten das Durchschnittsalter der Mannschaften in der Bundesliga im Schnitt gesenkt werden. Und Beispiele wie die Schalker Max Meyer und Leroy Sane, Frankfurts Marc Stendera, Bremens Davie Selke und viele mehr beweisen Woche für Woche, dass die Erfolgsgeschichte weitergeht.

Stefan Schinken