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München - Leicht hat es ein Ersatztorhüter nicht. Zu gut kennt er die Mechanismen des Geschäfts. Nominiert ein Trainer eine klare Nummer eins, bleiben dem Keeper dahinter meist nur Durchhalteparolen. Und doch gibt es Momente, aus denen die Nummer zwei neue Hoffnungen schöpfen kann.

Timo Hildebrand erlebte am vergangenen Spieltag so einen Moment. Schalkes Stammkraft Lars Unnerstall zog sich beim eine Schultereckgelenkssprengung zu und wird in den nächsten Wochen pausieren müssen.

Der Weg ins Tor der "Königsblauen" ist für den Routinier plötzlich frei. Wie seine neuerliche Chance zustande gekommen ist, weiß Hildebrand dennoch genau - nach der Partie wurde er nicht müde zu betonen, dass sein Konkurrent "schnellstmöglich wieder gesund werden" solle. Angesichts des ungeplanten Comebacks schien er ein wenig überfahren. "Als ich hörte, dass ich spielen soll, musste ich erst mal zur Toilette. Die Anspannung war ziemlich groß", schilderte Hildebrand seine Gefühlslage.

Den eigenen Weg verloren

Dass ein derart erfahrener Bundesliga-Profi (260 Einsätze) noch von Nervosität befallen wird, scheint auf den ersten Blick verwunderlich. Hildebrand reifte beim VfB Stuttgart zum Nationaltorhüter, gewann 2007 mit den Schwaben sensationell die Deutsche Meisterschaft. Bis heute hält er den Rekord mit den meisten Minuten ohne ein Gegentor (884) in der Bundesliga. Er war bei der EM 2004 und der WM 2006 dabei - und mit dem Wechsel zum spanischen Club FC Valencia schien er endgültig in die Riege der großen deutschen Torhüter aufzusteigen sowie die Nachfolge von Oliver Kahn und Jens Lehmann anzutreten.

Jahre später muss er zugeben, in Spanien seinen "eigenen Weg verloren" zu haben. Er kam nicht mehr zum Einsatz, verlor die Nationalmannschaft aus den Augen und fand sich im Niemandsland wieder. Längerfristig angedachte Engagements in Hoffenheim und Lissabon verkamen allenfalls zu kurzen und wenig erfolgreichen Abstechern. Hildebrand verschwand von der Bildfläche. Bis zum Oktober 2011.

Glücksfall für Schalke

Als die Schalker im vergangenen Herbst aufgrund der Kreuzbandverletzung vom eigentlich als Stammkeeper auserkorenen Ralf Fährmann reagieren mussten, erinnerte sich Sport-Vorstand Horst Heldt an seinen ehemaligen Teamkollegen aus Stuttgarter Zeiten. Die Verpflichtung schien wie eine Erlösung zu sein. Wie aus dem Nichts hatte Hildebrand wieder realistische Chancen, bei einem Spitzenclub regelmäßig spielen zu können. Und der Verein holte sich mit Hildebrand wichtige Erfahrung in den Kader. Heldt sieht sich im Nachhinein bestätigt: "Das war eine Win-win-Situation. Er hat von uns die Möglichkeit bekommen, und Timo hat sie wahrgenommen."

Coach Huub Stevens baute den Neuankömmling langsam auf, ließ ihn nach langer Abstinenz in der Reserve der "Knappen" Spiel- und Wettkampfpraxis sammeln, ehe Ende 2011 in der Europa League der erste Einsatz erfolgte. "Ich habe ein Jahr lang keine Rolle gespielt, ich habe ein Jahr kein Spiel gemacht. Ich muss erst langsam wieder reinfinden", gibt Hildebrand zu.

Neue Chance und echte Bewährungsproben

Bis zum vergangenen Sonntag hat Hildebrand geduldig auf seinen ersten Bundesliga-Einsatz nach zwei Jahren gewartet. Die Verantwortlichen zeigen sich erfreut. Auf die neuerliche Verletzungsmisere können sie mit einem routinierten Ersatzmann reagieren. "Er hat sich stets sehr fair verhalten. Jetzt hat er die Chance, sich anzubieten", sagte Heldt.

Für Hildebrand geht es nach seinem 45-minütigem Kurzeinsatz gegen harmlose "Wölfe" Schlag auf Schlag. Am Donnerstag steht das Europa-League-Rückspiel gegen Viktoria Pilsen an, am Sonntag sind die "Königsblauen" beim FC Bayern zu Gast. "Da werde ich sicher mehr zu tun bekommen", erklärt Hildebrand mit Vorfreude: "Spiele in München sind immer etwas ganz Besonderes."

Sebastian Schramm