München - Am Samstag endet in der Münchner Allianz Arena eine der größten Fußballer-Karrieren in der Geschichte der Bundesliga. Nach seinem 385. Bundesliga-Spiel für den FC Bayern München und den VfB Stuttgart hängt Philipp Lahm im Anschluss an das Match gegen den Sport-Club Freiburg seine Fußballschuhe an den Nagel. Acht Mal Deutscher Meister, Weltmeister und Champions-League-Sieger stehen unter anderen in seiner Vita. Im Interview mit bundesliga.de spricht er über die Anfänge als Balljunge, seine Vielseitigkeit und den ersten Tag nach der Karriere.

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bundesliga.de: Herr Lahm, der fünfte Deutsche Meistertitel in Folge ist eingefahren, es ist Ihre achte und Sie haben nur noch ein Spiel bis zum Karriereende. Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf?

Philipp Lahm: (lacht) Oh viele natürlich. Ich habe mir auf alle Fälle fest vorgenommen, jedes Training bis dahin und jede Minute am Samstag besonders zu genießen.

bundesliga.de: Wir haben gehört, dass nicht nur Ihr Trainer Carlo Ancelotti versucht hat Sie umzustimmen?

Lahm: (lacht) Das hat er, sogar mehrfach. Aber es bleibt dabei. Es ist gut, aufzuhören, wenn es am Schönsten ist. Ich habe mir das reiflich überlegt und freue mich auf die Zeit nach der Karriere.

Video: Top-Szenen von Philipp Lahm

bundesliga.de: Sie haben als Balljunge bei den Bayern angefangen...

Lahm: Das ist jetzt wie eine Zeitreise. Aber im Ernst. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann haben mich die Bayern damit auch ein bisschen gelockt. Damals spielte ich ja noch für die FT Gern. Es war auf alle Fälle sehr beeindruckend so nah am Geschehen zu sein. Das Ganze spielte sich ja noch im Olympiastadion ab. So durfte ich dann zu den Spielen ins Stadion.

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bundesliga.de: Welches Spiel hat besondere Spuren hinterlassen?

Lahm: Das erste war sicher ein besonderes, allein, weil es das erste war. Mit dem FC Bayern allerdings hatte es gar nicht viel zu tun. Ein besonderes war es trotzdem.

bundesliga.de: Jetzt sind wir gespannt.

Lahm: Es war das Champions-League-Finale zwischen Borussia Dortmund und Juventus Turin. Die Kulisse war beeindruckend. Da mit dabei zu sein, hat mir eine ganz neue Sicht auf den Fußball beschert und meine Begeisterung weiter gesteigert. Das braucht man als junger Fußballer auch.

bundesliga.de: Aber es war der FC Bayern, der am Ende Ihr Herz erobert hat.

Lahm: Das kann man so sagen. Das ist mein Verein mit dem ich in meiner Heimatstadt viele große Spiele erleben durfte. Dann allerdings auf dem Rasen und nicht mehr als Balljunge. Die Nähe zum FC Bayern aber wird immer da sein. Es stecken so viele Emotionen in diesem besonderen Verein.

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bundesliga.de: Auf welcher Position haben Sie denn eigentlich angefangen? Heute gibt es ja kaum einen Spieler, der vielseitiger einsetzbar ist als Sie.

Lahm: Das war im Mittelfeld zentral oder rechts vorne. (lacht) Wenn ich darüber nachdenke, bin ich im Laufe der Zeit immer weiter nach hinten gerückt – am Ende war ich rechts oder links hinten.

bundesliga.de: Auch da kann man es bis in die Weltspitze schaffen.

Lahm: Vielleicht war das am Ende sogar ein Vorteil, dass ich gelernt habe fast überall zu spielen. Daher kommt vielleicht meine Vielseitigkeit. Ich musste mich mit vielen Positionen auseinandersetzen.

bundesliga.de: Was zu einem Ihrer Markenzeichen wurde, war und ist Ihre unglaubliche Präzision im Spiel. War die von Beginn an da oder hat sich das im Laufe der Zeit entwickelt.

Lahm: Das ist schwer zu sagen. Ich habe immer versucht, mich mit jeder einzelnen Position intensiv auseinanderzusetzen. Es war mir wichtig jede Position zu verstehen.

bundesliga.de: Sie haben einen kurzen Umweg über den VfB Stuttgart genommen. Wie wichtig waren diese Jahre?

Lahm: Sehr wichtig. Ich durfte auf dem Niveau, auch in der Champions League, Spiele machen, was für meine Entwicklung sicher sehr förderlich war. Auf der anderen Seite wusste ich, die Bayern setzen auf mich, denn ich wurde ja nur ausgeliehen, um wieder zurückzukommen. Es war auch für mich selbst wichtig, zu sehen, ich kann auf dem Niveau konstant mithalten.

bundesliga.de: Sie sind Weltmeister geworden und haben die Champions League gewonnen. Welcher Titel ist der wertvollere?

Lahm: Erstmal ist jede Deutsche Meisterschaft in der Bundesliga etwas ganz Besonderes gewesen. Es klingt wie ein Klischee, wenn man sagt, das sei der ehrlichste Titel, weil er über ein ganzes Jahr errungen wurde. Aber das ist tatsächlich so. Was WM oder Champions League angeht, stehen diese Titel für mich auf einer Stufe. Den WM-Pokal im Maracana in die Luft zu heben – und dazu als Kapitän - war ein unbeschreibliches Gefühl. Es war eine Ehre, dieses Team als Kapitän zu führen. Die Champions League aber haben wir mit dem FC Bayern gewonnen, meinem Heimatverein. Das ist eine andere Dimension.

bundesliga.de: Sie haben in Ihrer Karriere nie eine Rote Karte gesehen.

Lahm: Das erkläre ich jetzt mal so: Ich habe mich immer bemüht, mich an die Regeln zu halten.

bundesliga.de: Jetzt kommt die vielleicht schwerste Frage.

Lahm: (lacht) Nun bin ich gespannt.

bundesliga.de: Auf was freuen Sie sich am ersten Tag nach der Karriere am meisten?

Lahm: Das ist nicht so schwer. Auf ganz einfache Dinge. Auf einen ganz normalen Tag mit der Familie. Auf gemeinsames Frühstücken und alles, was man als Familie so macht.

Das Gespräch führte Oliver Trust