Sinsheim - Julian Nagelsmann hat zu dem Thema "Wie ein Trainer durch Einwechslungen Einfluss auf das Spiel seiner Mannschaft nehmen kann" eine klare Meinung. Der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim hält den Zeitpunkt einer Einwechslung für entscheidend, er sagt: "Der Schlüssel ist ein früher Wechsel - nur wenn man früh wechselt, hat der eingewechselte Spieler die Möglichkeit, etwas zu bewirken." Der 29 Jahre junge Fußballlehrer darf auf diesem Gebiet als Kapazität bezeichnet werden. Seit seinem Amtsantritt vor fast genau einem Jahr erzielte seine Mannschaft 17 Treffer durch Einwechselspieler, in dieser Runde gelangen der TSG bereits zwölf Joker-Tore: Ligarekord.

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Am Samstag gegen den lange so wehrhaften FC Ingolstadt wechselte Nagelsmann mal wieder den Sieg ein. Schon nach 52. Minuten. Andrej Kramaric brauchte 25 Minuten Anlaufzeit, um dann innerhalb von nur zwei Minuten der Partie die entscheidende Wende zu verleihen: Erst erzielte der kaninchenschnelle Stürmer das 3:2 (77.), das 4:2 von Adam Szalai legte er dann gekonnt vor. Apropos Szalai: Der ungarische Nationalspieler stand erst zum zweiten Mal in der Startelf und bedankte sich für das Vertrauen mit zwei Toren. Wenn man so will, hat also auch diese Einwechslung Glück gebracht, Szalai erklärte hinterher: "Ich habe mir einfach vorgestellt, ich sei in der ersten Minute eingewechselt worden."

Es klappt fast alles, was Nagelsmann taktisch anstellt

Hoffenheim hat ein langes zähes Spiel mit einer furiosen Schlussphase auch durch das Coaching seines Trainers entschieden. Wieder einmal. Es klappt fast alles, was Julian Nagelsmann taktisch oder personell in dieser Saison anstellt. Dieser Trainer schafft sich einfach immer wieder neue Optionen und hält so den Konkurrenzkampf immer hoch.

Das beste Beispiel ist Szalai, der letzten Sommer nach der Ausleihe von Hannover nach Hoffenheim zurückkehrte und nach der EM mit Ungarn eigentlich zum Verkauf stand. Szalai aber blieb in Baden und profitiert von einem Grundsatz seines Trainers: Nagelsmann schreibt niemand ab, auch wenn der Spieler lange nicht spielt und er eigentlich auch nicht mit ihm plant. Und so ist Szalai nun am 23. Spieltag ein vollwertiges Mitglied einer Mannschaft, die mit 41 Punkten auf Tabellenplatz 4 stabil in Richtung Champions-League-Teilnahme unterwegs ist. Zumindest die erste Europapokal-Teilnahme in der Hoffenheimer-Geschichte ist zum Greifen nah. Am Samstag sangen die Fans "Europapokal" und forderten nach dem Abpfiff Szalai zu sich auf den Zaun in der Kurve.

Der Zusammenhalt ist so groß wie der Erfolg

Auch Andrej Kramaric strahlte am Samstag nach seiner überragenden Leistung, obwohl er zuletzt immer öfter als spielentscheidender Joker zum Einsatz kam. Natürlich wolle er lieber von Anfang an spielen, erklärte der Dribbler. Aber wenn er nicht in der Startelf stehe, dann versuche er eben seiner Elf später zu helfen.

Gegen Ingolstadt kam Kramaric für Marco Terrazzino, der in der gesamten Vorrunde keine Rolle gespielt hatte, im Winter aber Angebote zur Ausleihe ausgeschlagen hatte, um sich bei der TSG "durchzubeißen", wie er sagte. Im neuen Kalenderjahr nun reüssierte Terrazzino zunächst als Joker mit einem Tor und einer Vorlage nach seiner Einwechslung beim 4:0 gegen Mainz 05 - und ist seither eine weitere starke Option für den Trainer für die Startelf. Spieler nie fallen lassen, sie auf ungewohnten Positionen einzusetzen und sie so neu herauszufordern - all das gehört zum Coaching dieses Trainers.

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Und weil die Matchpläne und Maßnahmen Nagelsmanns fast immer aufgehen, ist dessen Akzeptanz riesig, der Zusammenhalt im Team ebenso groß wie der Erfolg. Hoffenheim war letztes Jahr noch abstiegsgefährdet. Seit Julian Nagelsmann übernahm, ist aus der TSG eine Elf mit internationalen Ansprüchen geworden. Man darf sagen: Hoffenheim tritt wie ausgewechselt auf.

Aus Sinsheim berichtet Tobias Schächter