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Frankfurt - Sprache ist für Kinder eines der wichtigsten Kriterien, um Anschluss an den Unterricht, in eine Gruppe und in die deutsche Kultur zu bekommen. Genau an diesem Punkt setzt das Leuchtturmprojekt der Bundesliga-Stiftung "Fußball trifft Kultur" (FtK) an. Das Integrations-Projekt wurde erstmals über LitCam/Frankfurter Buchmesse 2007 erprobt und hat sich seitdem an bereits elf Standorten in 20 Gruppen bewährt.

Es funktioniert so: Eine Schulstunde Unterricht wird mit einer Stunde Fußball mit einem Trainer der beteiligten Proficlubs belohnt. Dass dieser Kulturunterricht fast genauso viel Spaß machen kann wie zu kicken, zeigt das Beispiel von Ozan. Er ist in Frankfurt geboren, seine Mutter ist Kolumbianerin, sein Papa Türke und er besucht seit drei Jahren die FtK-Klasse.

Ozans Pfund ist Deutsch

Ozan ist erst zehn Jahre alt, aber schon der Mann in der Familie. Dabei hat er soviel von einem kleinen Jungen. Ozan ist ganz zart und schmal, er wächst eher zögerlich. Er ist knapp 1,30 Meter groß, und wiegt nicht mehr als 25 Kilo. Aber er ist drahtig, ein einziger schneller Muskel.

Und er spricht besser deutsch als seine Mutter, das wiegt mehr als jedes Kilo Masse. Deutlich hörbar klopft Ozan an die Tür des Lehrerzimmers der Frankfurter Karmeliterschule. "Frau Dilk, meine Mutter möchte mich für den Hort anmelden." Frau Dilk ist Ozans FtK-Lehrerin, sie wird ihn gleich unterrichten.

Lockmittel Anton von der Eintracht

Ozans Mutter wartet vor der Tür. Eine zierliche, schüchterne Frau mit einem sechs Monate alten Baby auf dem Arm: Marcel, Ozans kleiner Bruder. Die Familie ist komplett, mehr Mitglieder gibt es gerade nicht im aktiven Familienleben der Cardonas. Bevor Claudia Cardona ein Wort sagen kann, regelt Ozan schon das Organisatorische.

Seine Freunde kicken auf dem Schulhof, da zieht es ihn hin. Das Leben ist jetzt. "Tschüß Mama, bis gleich." Bis gleich heißt bis in zwei Stunden. Dann findet Fußball trifft Kultur statt. Zwar erst "Kultur", aber das macht auch Spaß, wie Ozan schnell erklärt, zumal danach die 45 Minuten Fußball mit Eintrachts Jugendtrainer Anton Schumacher locken.

Ein "Ball" im Klassenzimmer

Im Sprint geht es in den dritten Stock. Barbara Dilk (30) ist schon im Klassenraum. Sie ist Diplom-Pädagogin und sehr beliebt. Die 15 FtK-Kinder lachen mit ihr und hören auf Sie - ein hohes Gut. Für Ozan ist in erster Linie wichtig, dass etwas passiert.

Frau Dilk erzählt, dass Ozan schon sozial schwierigere Entwicklungsphasen hatte und "ihn das FtK-Mittagsangebot zweimal die Woche auch auffängt, strukturiert und runterbringt."

Die Arbeitsblätter werden angenommen, als hätten die Kinder einen imaginären Ball am Fuß. "Wer will kann auch mal schießen", lacht Frau Dilk. Ozan zieht ab, der Ball prallt an das gegenüberliegende Gebäude und landet an Ozans Brust. Er lässt seinen Phantasieball abtropfen, schnappt sich das Arbeitsplatt und setzt sich neben Klaus, seinen Freund.

Selbstbewusstsein durch Wissen

Ozan ist zum zweiten Mal Drittklässler - freiwillig. "Ich wollte noch besser Deutsch und Mathe lernen", erklärt er. So wie er sich für die Wiederholung entschieden hat, hat er sich auch alleine beim Probetraining bei Eintracht Frankfurt für die U11 angemeldet. Anton Schumacher erzählt: "Mich hat es fast umgehauen, als er da vorspielte."

Ozan kam sogar in die zweite Runde unter die besten 40. "Wegen seiner Technik und Schnelligkeit und wenn er mal etwas zulegt, wer weiß." Oftmals muss Anton Schumacher, auch er ist Diplom-Pädagoge, seinen FtK-Kindern bei der Anmeldung in Vereinen behilflich sein. "Die Hemmschwelle ist bei vielen Eltern mit Migrationshintergrund hoch. Oft fehlt das Geld oder die Kenntnis, wie eine Anmeldung zu machen ist."

Vom Schimmel verjagt

Als Ozan seinen Schlüssel für die Wohnung aus der Tasche zieht, erzählt er: "Mein Papa hat mir mit fünf Jahren die Ballannahme beigebracht. Wenn er Zeit hat, kommt er am Wochenende und guckt bei meinen Spielen zu." Claudia Cardona entschuldigt sich. Zurzeit leben sie aus Tüten und Kisten.

In der vorherigen Wohnung war die Küche vom Schimmel schwarz und grün. Die Stadt besorgte der Familie vor ein paar Tagen eine Übergangswohnung. "Jetzt suchen wir ein neues Zuhause", erklärt sie. Sie weiß nicht, ob sich Auspacken lohnt oder ob sie morgen weiterzieht mit ihrem Zehnjährigen und ihrem Baby.

Zusammenhalt hilft

Marcel liegt auf der Familien-Matratze, Ozan beugt sich über ihn. Marcel zappelt vor Freude. "Ozan hilft mir sehr viel", sagt Claudia Cardona. "Er spielt mit Marcel, wechselt die Windeln, gibt ihm das Fläschchen." Sie schaut Ozan an, beide strahlen.

Sie wartet, als müsste sie gegen ihren Kloß im Hals ankämpfen und ergänzt. "Er ist sehr lieb, ich bin sehr stolz, auch darüber, wie er das mit der Schule schafft."

Die Zwei-Zimmer Wohnung ist klein, viel Platz zum Spielen bleibt nicht. Ozan macht das nichts aus. "Ich mag die Wohnung sogar gerne", sagt er. "Wenn ich morgens zur S-Bahn gehe, kann meine Mama mich noch ganz lange sehen. Sie steht immer oben am Fenster und wir können uns noch einmal winken bevor ich in die Bahn einsteige. Das finde ich schön."

Tina Schlosser

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