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Auf dem Trainingsplatz gab er sich scheu wie ein Reh, vor Fotografen nahm er Reißaus, erst im persönlichen Gespräch taute Andreas Thom etwas auf.

Der Berliner war der erste DDR-Starkicker, der nach dem Mauerfall offiziell in der Bundesliga spielen durfte und damit ebenfalls deutsche Fußball-Geschichte schrieb .

"Ick bin keen Mann großer Sprüche, ick bin froh, hier in Leverkusen zu sein und will meinen Teil dazu beitragen, dass die Mannschaft von Bayer da oben bleibt - oder noch ein Stück höher steigt, wo sie im Moment steht."

"Es ist eine tolle sportliche Herausforderung"

Der 51-malige DDR-Auswahlkicker hatte seinen ersten großen Auftritt am 17. Februar 1990. Da gab der pfeilschnelle Stürmer mit der ausgefeilten Technik im Punktspiel gegen den FC Homburg sein Debüt in der deutschen Eliteklasse.

"Es ist eine tolle sportliche Herausforderung. Und mein Erfolg im Westen wird bestimmt auch die ganz jungen Spieler in meinem Land motivieren. Den psychologischen Stress werde ich schon meistern. Denn wir waren als Stasi-Kicker verhasst und mussten immer wachsam sein, damit wir keinen aufs Ohr gebrummt bekommen. Ich lasse mich nicht verrückt machen", erklärte der Star des BFC Dynamo vor seiner Feuertaufe in der Bundesliga.

Kirsten folgt Thom

Bayer-Manager Reiner Calmund hatte den ersten Deal mit dem Fußballverband der ehemaligen DDR ausgehandelt. Für 2,5 Millionen Mark wechselte Thom vom DDR-Rekordmeister BFC Dynamo zum Werksclub. Calmund hatte den Kontakt beim letzten WM-Qualifikationsspiel der DDR am 15. November 1989 in Wien gegen Österreich geknüpft.

Die DDR verlor mit 0:3, und Thom erinnert sich heute noch genau: "Weil viele mit den Gedanken so kurz nach dem Mauerfall woanders waren, haben wir nicht gewonnen." Bayer-Trainer Jürgen Gelsdorf hatte indes seine liebe Not, Thom vor dem ständigen Medienrummel zu schützen. Die Presse spielte damals fast verrückt.

Der Wechsel des pfeilschnellen Angreifers unters Bayer-Kreuz war eine echte Sensation. Später sollte "Tor-Gigant" Ulf Kirsten (Dynamo Dresden) folgen. Calmund hatte sogar eine Option auf die Verpflichtung von Matthias Sammer (ebenfalls Dresden), doch auf Druck des DDR-Verbandes wechselte dieser zum VfB Stuttgart. Thom prägte unterdessen zusammen mit Kirsten über Jahre den Angriff bei Bayer.

"Der ganze Rummel war manchmal unangenehm"

Auch wenn es für Thom, den "Fußballer des Jahres" der DDR, nicht immer einfach war. 'Es ist ein neues Leben, schwierig, aber auch reizvoll. Für mich war das alles eine große Umstellung, der ganze Rummel war manchmal unangenehm, die Art, wie die Presse auf einen zugeht, ist nicht immer die richtige', erklärte er.

Er fand trotzdem im Westen sein Glück. Der Lohn für gute sportliche Leistungen war die Nominierung für die deutsche Nationalmannschaft im Dezember 1990. Beim 4:0 gegen die Schweiz gab Thom sein Debüt, in der 70. Minute eingewechselt, schoss er 17 Sekunden später sein erstes Tor.

Höhepunkt seiner internationalen Laufbahn war die EM-Teilnahme 1992 in Schweden, wo die DFB-Auswahl das Finale gegen Dänemark mit 0:2 verlor. Zwei Jahre später bei der WM in den USA war er nicht dabei und fand nach zehn Einsätzen keine Berücksichtigung mehr unter dem damaligen Bundestrainer Berti Vogts. Zuvor hatte er 51 Mal für die DDR gespielt.

Neues Glück bei Celtic Glasgow

Nach 161 Bundesligaspielen (37 Tore) für Bayer wechselte Thom für fünf Millionen Mark Ablöse nach Schottland. Dort fand er im September 1996 bei Celtic Glasgow sein neues Glück, ehe sich der Kreis mit seiner Rückkehr in seine Heimat nach Berlin schloss. Für Hertha BSC absolvierte Thom 51 Bundesligaspiele und beendete im Jahr 2000 seine aktive Laufbahn. Heute ist er bei der Hertha Co-Trainer der Amateure.

Momentan baut Thom seine Fußballlehrerlizenz in Köln. 'Es macht Riesenspaß, mit jungen Leuten zu arbeiten und sie an die Profi-Mannschaft heranzuführen. Man soll zwar nie nie sagen, doch zurzeit kann ich mir einen Wechsel zu einem anderen Verein nicht vorstellen, ich fühle mich bei Hertha sehr wohl.'