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In London waren Guus Hiddink und Michael Ballack ein erfolgreiches Duo, als Rivale schickt der Niederländer dem DFB-Kapitän nun "Liebesgrüße aus Moskau".

"Ich habe ihn erst neulich in London getroffen. Er hat mich herausgefordert, und gesagt, dass Deutschland uns schlägt oder zumindest ein Unentschieden holt", sagte der 62-Jährige vor dem "Spiel des Jahres" der WM-Qualifikation am Samstag zwischen Russland und Deutschland.

"Ich habe ihm nur geantwortet: Herzlich Willkommen in Moskau", berichtete der Trainer der russischen Nationalmannschaft mit einem verschmitzten Lächeln.

Doppelbelastung für Hiddink nichts Neues

Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen Hiddink und seinem ehemaligen Schützling Ballack ausgezeichnet. Vor gut vier Monaten feierten beide gemeinsam beim FC Chelsea den Gewinn des englischen FA-Cups. Anschließend entschied sich Hiddink aber gegen eine Doppelbelastung als Club- und Nationaltrainer.

Als Hiddink bei Chelsea übernahm, war er bereits seit zweieinhalb Jahren Trainer der russischen Nationalmannschaft. Für den Multitasker war das nichts Neues, denn schon im Jahr 2006, als er den PSV Eindhoven erneut zum Meistertitel führte, bekleidete Hiddink zudem das Amt des australischen Nationaltrainers.

Ballack: "Hiddink vermittelt Selbstbewusstsein"

"Er ist eine große Persönlichkeit", lobte Hiddink Ballack im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel. Das habe er nicht zuletzt gemerkt, als er ihn aus taktischen Gründen draußen lassen musste. "Es gibt Jungs, die daraufhin im Training nicht mehr als nötig machen. Aber er hat sich nichts anmerken lassen und gearbeitet wie immer", sagte Hiddink.

Ballack gab das Lob brav an seinen Ex-Coach zurück: "Er ist ein Trainerfuchs, der sehr viel Erfahrung mit einbringt. Die Russen konnten schon immer sehr gut Fußball spielen. Jetzt treten sie auch als Mannschaft auf." Dies sei Hiddinks Verdienst. Er rede die Spieler stark und vermittele ihnen Selbstbewusstsein, so der DFB-Kapitän.

Sechs Meistertitel mit dem PSV Eindhoven

Mit diesen Methoden heimste Hiddink in seiner 27-jährigen Trainerkarriere etliche Erfolge ein, national wie international: Er holte mit dem PSV Eindhoven sechs Meistertitel und 1988 den Europapokal der Landesmeister. Er trainierte außerdem Fenerbahce Istanbul, den FC Valencia, Real Madrid, Betis Sevilla. Als Profispieler war Hiddink zwischen 1967 und 1982 aktiv, konnte aber nie die ganz großen Erfolge einfahren.

Er stieß 1998 mit "Oranje" sowie 2002 mit Südkorea in die WM-Halbfinals vor, und bei der WM 2006 in Deutschland scheiterte er denkbar knapp mit Australien im Achtelfinale gegen den späteren Titelträger Italien.

Große Erfolge mit "kleinen" Mannschaften

Hiddink ist ein "Messias" des Fußballs, besonders was die Nationalmannschaften angeht. Jedes Land, das er betreute, fuhr bei großen Turnieren beeindruckende Erfolge ein. Aktuelles Beispiel ist Russland. Zwei Mal konnte sich das riesige Land für eine Weltmeisterschaft qualifizieren (1994 und 2002) - zwei Mal kam in der Vorrunde das Aus. Drei Mal erreichten sie die Endrunde einer Europameisterschaft - (1996, 2004 und 2008) - zwei Mal scheiterten sie in der Vorrunde. Aber 2008 drangen die Russen bis ins Halbfinale vor: mit Guus Hiddink.

Doch der Holländer macht um seine Personen keinen großen Wind, der Fußball steht für ihn immer im Mittelpunkt. Und bescheiden ist er auch: "Ein gutes Turnier alleine reicht nicht, es braucht auch ein Fundament." Daran arbeitet er bereits akribisch, in dem er Partien in Russland besucht, wo kein einziger Nationalspieler auf dem Platz steht. Hiddink sucht nach Talenten, will die Infrastruktur des russischen Fußballs aufbauen, das Fundament eben.

"Angriff mit viel Risiko"

Den nächsten Coup will der Fußball-Weltbürger, der neben seiner Muttersprache Niederländisch auch englisch, spanisch und deutsch spricht, nun gegen Deutschland landen. Dabei setzt der Erfolgscoach auf volle Offensive: "Wir werden in jedem Fall Gruppenzweiter. Das gibt uns die Freiheit, dass wir im Angriff viel Risiko eingehen können", meinte Hiddink.

Dass er für den ersten russischen Pflichtspielsieg gegen Deutschland überhaupt verantwortlich sein könnte, interessiert ihn dabei nicht. "Mir ist es egal, welche persönlichen Rekorde ich erziele. Mein Job ist es, dass wir uns für die WM 2010 in Südafrika qualifizieren", erklärte Weltenbummler Hiddink, der seit 2006 für die "Sbornaja" zuständig ist und seinen Spielern insgesamt viel Freiheit lässt. Antiautoritär sei er deshalb aber nicht, betont er.

Keine feste Sitzordnung beim Ordnungsfanatiker

"Autorität ist nichts Schlechtes, sie darf nur nicht falsch angewandt werden. Als ich nach Südkorea kam, saßen die Nationalspieler mittags nach Alter geordnet an drei Tischen. Also habe ich meine Autorität benutzt und die Sitzordnung durcheinandergebracht", sagte Hiddink. Den Niederländer hatte gestört, dass die jungen Spieler auf dem Rasen den Ball immer zu den alten weitergeleitet hatten. "Dadurch haben sie weniger gezeigt, als möglich gewesen wäre."

Diese Auffassung unterstreicht Hiddink in seiner Biografie "Saint Gus" (Der heilige Gus). Dort sagt er über sich selbst: "Ich bin ein Anarchist innerhalb akzeptabler Werte." Hiddink möchte etwas aus dem freien Willen heraus schaffen und nicht in einem Korsett aus Regeln und Vorschriften ersticken. Er ist ein fußballerischer Ordnungsfanatiker, autoritär und gradlinig, der seinen Spielern trotzdem viele Freiheiten zugesteht. Und das danken sie ihm auf dem Platz.

Hiddink kann alles, zumindest fast alles. Russisch zum Beispiel beherrscht er - außer einigen Schimpfwörtern - allerdings nicht. Na immerhin etwas, was er nicht kann.