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München - Als Tabellenletzter war der SC Freiburg zu Beginn der Rückrunde in der Bundesliga der heißeste Kandidat für den Abstieg. Mit 39 Gegentoren stellten die Breisgauer die "Schießbude" der Liga. Zudem musste der Club in der Winterpause den Weggang von Papiss Cisse vermelden, der bis dahin neun von 21 Saisontoren für den SC erzielt hatte. Alles deutete auf eine Rückkehr in die 2. Bundesliga hin, doch dann übernahm Christian Streich den Posten des Cheftrainers. Er hauchte dem Team nicht nur neues Leben ein, sondern verkörpert den Verein wie kaum ein anderer.

Seit 1987 befindet sich Streich mit einer kleinen Unterbrechung - 1989/1990 bestritt er zehn Spiele für den FC Homburg - in den Diensten des SC Freiburg. Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn heuerte der Heißsporn 1995 als Jugendtrainer beim SC an. Mit den A-Junioren gewann er drei Mal den DFB-Pokal und holte ein Mal die Deutsche Meisterschaft. Unter seiner Obhut schafften Spieler wie Dennis Aogo, Daniel Schwaab, Ömar Toprak oder Oliver Baumann den Schritt aus dem Amateurbereich ins Profigeschäft. Derzeit stehen neun Spieler, die Streich ausgebildet hat, im Freiburger Bundesliga-Kader.

Starke Punktausbeute und neues Selbstbewusstsein



Neben der Arbeit mit den Talenten übernahm das Freiburger-Urgestein 2007 das Amt des Assistenz-Trainers bei den Profis. Anfang des Jahres folgte nach der Entlassung von Marcus Sorg etwas widerwillig die Beförderung zum Cheftrainer. "Er verkörpert unseren Verein wie kaum ein anderer", sagte SC-Präsident Fritz Keller lobend über Streich.

Mit dem Amtsantritt des Fußballlehrers ist der Aufstieg der Breisgauer aus dem Tabellenkeller bis aktuell auf den 13. Tabellenrang eng verbunden. Unter seiner Regie haben die Freiburger aus elf Spielen starke 18 Punkte geholt. Große Namen wie der FC Bayern München () oder Schalke 04 () mussten gegen den Sportclub Punkte lassen. Zuletzt holte der SC erstmals seit September 2010 drei Siege in Folge.

Die Freiburger Spieler gehen wieder mit breiter Brust auf den Platz. Dabei lebt ihnen der Trainer durch seine besondere Ausstrahlung, seine Überzeugungskraft und seine positive Einstellung dieses Selbstbewusstsein tagtäglich vor. Sein großes Erfolgsrezept, betont der 46-Jährige, sei seine Emotionalität: "Man muss sie zeigen, damit die Spieler wissen, dass man lebt."

Gnadenlos effektiv



Neben seinen menschlichen Eigenschaften weist Streich auch ausgezeichnete taktische Qualitäten auf. Das Gespür für den Teamgeist und die Ausgewogenheit einer Mannschaft sind für ihn von großer Bedeutung. Mit Cisse in der Sturmspitze war das Spiel der Breisgauer auf einen Akteur zugeschnitten. Der Angreifer zahlte das Vertrauen zwar mit vielen Toren zurück, die Philosophie "alle für einen" beinhaltete aber auch große Risiken, zumal der Stürmer von vielen Topclubs beobachtet wurde und ein Wechsel nur als eine Frage der Zeit erschien.

Unter Streich steht der Freiburger Fußball wieder für den Begriff "Mannschaftssport". Kein anderer Bundesligist weist so viele unterschiedliche Torschützen (16) auf wie der SC. Allein in der Rückrunde wurden die 16 Treffer von zehn unterschiedlichen Spielern erzielt. Dabei agiert der Sportclub gnadenlos effektiv: Nur acht Torschüsse benötigt die Truppe im Schnitt für ein Tor und 75 Prozent der Großchancen werden genutzt. Vor Weihnachten brauchte man zwölf Torschüsse für einen Treffer und verwertete lediglich 36 Prozent der Großchancen.

"Haben wieder ein Gesicht"



Die Stabilisierung der Defensive ist aber für den derzeitigen Erfolgslauf der Freiburger sogar noch höher zu bewerten: 39 Gegentore kassierten die Breisgauer in der Hinrunde, in der Rückrunde gab es bislang nur 14 Gegentreffer in elf Spielen, fünf Mal stand am Ende sogar die Null. In der Hinrunde ließen die Freiburger dem Gegner noch 36 Großchancen zu, aktuelle sind es nach elf Spielen nur 15.

Trotz dieser Bilanz hält der bescheidene Trainer gar nichts davon, sich in den Vordergrund zu stellen. "Ich bin nicht der Erfolgsgarant, sondern alle Menschen, die hier arbeiten", betonte Streich und fügte etwas stolz hinzu: "Wichtig ist, dass wir wieder ein Gesicht haben - unabhängig von der Spielklasse."

Benedikt Büschleb