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Es ist Mitternacht. Im Istanbuler Stadtteil Seyrantepe hält an einer großen Baustelle ein weißer Geländewagen.

Vier Männer steigen aus; lange Mäntel, hochgestellter Kragen, finstere Blicke. Sie reden kurz miteinander, betreten dann über eine Holztreppe, die alles andere als vertrauenswürdig aussieht, die große Baufläche. Überall Scheinwerfer, überdimensionale Pfützen, die die Farbe der schicken Schuhe unkenntlich machen und unzählige Bauarbeiter, die eifrig hämmern oder nageln.

Die Szene erinnert an einen mittelmäßigen Mafiafilm. Es sind auch tatsächlich viele Kamerateams vor Ort. Doch die sind nicht da, um "Der Pate IV" zu drehen. Vielmehr wollen sie festhalten, wie die Vorstandschefs des Istanbuler Renommierclubs Galatasaray die Baustelle des "Aslantepe"-Stadions inspizieren. Die Uhrzeit und das namhafte Aufgebot - der Vorstandschef ist da, der Fußballdirektor ist da, zwei Vizepräsidenten ebenso - machen deutlich: Eine wichtige Angelegenheit.

Nicht mehr die "Eroberer Europas"

Aslantepe, auf Deutsch Löwenhügel, soll das neue Wahrzeichen der neuen Ära Galatasarays werden. Nach dem UEFA-Pokalsieg 2000 und dem Supercup-Erfolg 2001 gegen Real Madrid ließen die "Löwen" auf internationalem Parkett nichts mehr von sich hören. Stattdessen gab es hier mal ein Erstrunden-Aus im UEFA-Cup gegen den norwegischen Hobby-Club Tromsö IL, dort ein mehr oder weniger peinliches 2:3 gegen den schwedischen Vertreter Helsingborg.

So konnte es nicht weitergehen. Die "Eroberer Europas", wie Galatasaray nach den ersten Erfolgen im Europapokal in den 80er Jahren von den einfallsreichen Istanbuler Medien genannt wurde, haben ihren guten Ruf beinahe systematisch verspielt. Ein neuer Vorstand mit berühmten Namen aus den Branchen Bau, Finanzen, Politik und Werbung soll dem Club einen neuen Anstrich verpassen.

Umbruch mit Kewell und Co.

Die Rückkehr zur alten Stärke wurde in der Vorsaison eingeleitet. Mit der Verpflichtung des Brasilianers Lincoln von Schalke 04 nahm Galatasaray auf dem Transfermarkt erstmals wieder richtig Geld in die Hand. Auch der Kapitän der Nationalmannschaft Schwedens, Tobias Linderoth, kam. Galatasaray wurde im Europapokal zwar wieder nicht richtig glücklich, holte aber überzeugend die 17. Meisterschaft in der Liga.

Vor Beginn dieser Saison setzte der Club den Umbruch fort. Es begann mit der ablösefreien Verpflichtung von Harry Kewell vom FC Liverpool. Dies löste zunächst nur bedingt Euphorie aus, da der Australier als verletzungsanfällig gilt. Doch was dann folgte, hatte es es in sich. Für die Abwehr kam mit Fernando Meira aus Stuttgart ein Mann von internationalem Format. Trotz Konkurrenz aus England und Italien.

Geldnöte kein Thema mehr

Für den Angriff wurde als Nachfolger des legendären Hakan Sükür, der Opfer des Umbruchs wurde und seine Karriere beendete, der frühere EM-Torschützenkönig Milan Baros geholt. Neuer Torwart ist der italienische EURO-2008-Teilnehmer Morgan de Sanctis, der vom FC Sevilla verpflichtet wurde. Die lange Jahre lang eher uninteressanten Dauerkarten waren plötzlich der Renner, es wurden neue Rekorde gebrochen.

Und Präsident Adnan Polat hat für die Eröffnung des neuen Stadions, das am Beispiel der Veltins-Arena auf Schalke gebaut wird und im Oktober 2009 mit einem Eröffnungsspiel gegen Bernd Schusters Real Madrid feierlich eröffnet werden soll, weitere Stars versprochen. Einstige Geldnöte sind längst vergessen. Zeiten, in denen einem gewissen Franck Ribery das Gehalt nicht gezahlt werden konnte und dieser das Weite suchte, gehören der dunklen Vergangenheit an.

Skibbe der "Praktikant"

"Die Euphorie in und um den Club ist überall zu spüren, alle wollen den Erfolg, besonders auf internationalem Boden", sagt Mittelfeldspieler Kewell, der die Zweifler mit starken Leistungen und vor allem mit seiner über weite Strecken verletzungsfreien Konstanz verstummen ließ. Auch Stürmer Baros sagt: "Galatasaray ist ein großer Club, der an alte Tage anknüpfen will. Ich will dabei helfen!" Auch der Tscheche macht bislang eine sehr gute Figur, schoss bereits acht Tore.

Doch die große Erwartungshaltung ist ein Problem. Das spürt allen voran Trainer Michael Skibbe, der nach einem 5:1 im UEFA-Pokal mit Bayer Leverkusen gegen Galatasaray in der vergangenen Saison ein Angebot der Türken bekam, den Club zur neuen Saison zu übernehmen. Nach der Entlassung in Leverkusen war der Weg frei. Skibbe ging mit vollem Elan an die Sache, doch die kritischen Medien waren und sind nach wie vor mit seiner Verpflichtung nicht zufrieden. "Praktikant" ist noch die netteste Beschreibung.

Feldkamp soll Skibbe helfen

Dass Galatasaray gegen den späteren Champions-League-Gegner des FC Bayern, Steaua Bukarest, die Qualifikation zur "Königsklasse" nicht geschafft hat, wird dem Deutschen heute noch nicht verziehen. Auch der Club betrieb zunächst schwaches Krisenmanagement. Während einer Länderspielpause wurden kurzerhand Skibbes Co-Trainer Ümit Davala und Edwin Boekamp entlassen. Zuletzt wurde Karl-Heinz Feldkamp, der in der vergangenen Saison sechs Spieltage vor Schluss noch hinschmiss, als technischer Berater geholt. Verstehen kann diese Aktion am Bosporus keiner.

"Skibbe beweist zu wenig Rückgrat, ihm wurde ein Opa vor die Nase gesetzt", schimpft der berühmte TV-Experte und ehemalige Top-Schiedsrichter Ahmet Cakar. "Kalli", der sich nicht in die Arbeit Skibbes einmischen will, präsentiert sich dagegen euphorisch: "Wir haben einiges zutun. Wir sind letztes Jahr Meister geworden, das werden wir diese Saison auch."

Skibbe kommt gut an

Reichen würde das dem Umfeld nicht. Das große Ziel lautet: Das UEFA-Pokal-Finale, das ausgerechnet im Stadion des Erzrivalen Fenerbahce ausgetragen wird. "Klar, wir können das Finale erreichen, aber das ist noch ein weiter Weg", sagt Kewell, der mit seiner Erfahrung immer mehr zur Führungsfigur aufsteigt.

Und auch Skibbe spricht offen über das große Ziel: "Der Club will ins Finale. Das will ich natürlich auch, aber wir müssen Schritt für Schritt machen, unser Niveau hochhalten und uns ständig verbessern." Seine Art kommt bei den Spielern gut an, Skibbe ist der große Liebling der nicht immer einfachen Stars, mit denen schon Feldkamp im Vorjahr Probleme hatte. Allen voran Lincoln.

"Was für eine idiotische Frage!"

Auch der Vorstand stellt sich trotz Platz 4 in der türkischen Süperlig demonstrativ hinter den Trainer. Für die türkische Presse ist es allerdings längst beschlossene Sache, dass Skibbe bald gehen muss. Dass Galatasaray zwischenzeitlich mehr als zwölf Verletzte hatte, wird lieber verschwiegen. "Egal, was passiert, er wird es nicht aushalten", sagt Ex-Galatasaray-Spieler Hakan Ünsal. Als nach dem 0:1 gegen Metalist Kharkiv im UEFA-Pokal der Kommentator des Spiels den Field-Reporter fragen ließ, ob Skibbe denn jetzt zurücktreten werde, antwortete dieser scharf: "Was für eine idiotische Frage!"

Diese Aussage sorgte in Teilen der Medien für übertriebene Entrüstung. Wie könne es sich ein Mann wie Skibbe, der keinerlei Erfahrung, dafür aber viel Misserfolg habe, sich derartiges leisten. Doch, wie es in gut unterrichteten Kreisen heißt, sei diese Aussage bei einigen Männern, die nachts mit weißen Geländewagen große Baustellen besuchen und an der großen Zukunft Galatasarays schrauben, sehr gut angekommen…

Fatih Demireli