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Hannover - Schon in der vergangenen Saison war er mit 17 Treffern der Garant dafür, dass Hannover 96 relativ sorgenfrei den direkten Wiederaufstieg verbuchen konnte. Aber auch in der bisherigen Spielzeit zeigt Martin Harnik, welche große Bedeutung ihm Mannschaftsgefüge der 96er zukommt.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der österreichische Nationalspieler über die Gründe für den hervorragenden Start der "Roten", über das Image von Hannover als Stadt wie als Klub und über seinen enge Freundschaft zu Max Kruse.

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bundesliga.de: Herr Harnik, das Selbstvertrauen muss besonders groß sein, wenn ein Profi auf Kabinettstückchen mit der Hacke setzt – und damit auch erfolgreich ist?

Harnik: Es gibt Situationen, da ist die Hacke einfach nur die beste Wahl. So wie bei meinem Tor gegen Wolfsburg. Ein wenig Selbstvertrauen gehört aber sicherlich auch dazu. Wobei ohne Selbstvertrauen ohnehin wenig geht, ob Hacke oder nicht. Allerdings kann der Grat zwischen Selbstvertrauen und Selbstüberschatzung sehr schmal sein. 

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bundesliga.de: Wie ist man gefeit vor möglicher Selbstüberschätzung?

 Harnik: Ich bin sicherlich nicht der ganz große Filigran-Techniker, sondern definiere mich über die Arbeit, die ich im Spiel leiste. Und ich glaube, dass diese gesunde Selbsteinschätzung bei uns nicht nur den einzelnen Spieler auszeichnet, sondern für die Mannschaft per se steht. Wir wissen, dass wir als Team über viele andere Dinge kommen müssen und die Hacke und die Zauberei nur ein Bonbon obendrauf sind.

"Ich bin sicherlich nicht der ganz große Filigran-Techniker, sondern definiere mich über die Arbeit, die ich im Spiel leiste" Martin Harnik

bundesliga.de: "Viele andere Dinge" – welche sind das?

Harnik: Das sind die klassischen Attribute, die ein Aufsteiger gemeinhin mit sich bringt: Kampfgeist, Leidenschaft, hundertprozentiger Einsatz. Also Grundtugenden, die die Basics jedes Aufsteigers sind. Natürlich können wir auch mit dem Ball gut umgehen. Aber zuerst müssen wir die genannten Tugenden auf den Platz bringen, um dann spielerisch glänzen zu können.

 bundesliga.de: Obwohl 96 de facto Aufsteiger ist, besagt die vorherrschende Meinung, dass es in dieser Saison den typischen Aufsteiger nicht gibt...

 Harnik: Das sehe ich ähnlich. Die Liga ist sehr ausgeglichen, vor allem im zweiten und dritten Drittel der Tabelle. Dort sehe ich keine Mannschaft, die von der Qualität her wirklich abfallen würde. Jeder kann jeden schlagen. Dementsprechend ist es wichtig, so schnell wie möglich so viele Punkte wie möglich zu sammeln. 

bundesliga.de: Gegen den HSV könnte 96 zumindest vorübergehend die Tabellenführung übernehmen. Sind Sie selbst ein wenig überrascht?

Harnik: "Überrascht" trifft es nicht. Wir sind Realisten und wissen, welche harte Arbeit dahintersteckt. Unsere bisherigen sieben Punkte haben wir uns verdient, und darauf sind wir stolz. Diese sieben Punkte bedeuten nach unserem Verständnis aber nicht Platz drei oder die mögliche Tabellenführung am Freitag, sondern vielmehr, dass noch 33 zum sicheren Klassenerhalt fehlen. 40 Punkte zu erreichen ist unser erstes großes Ziel. Und dieses Ziel wollen wir schnellstmöglich erreichen.

 bundesliga.de: Seitdem André Breitenreiter das Team im März übernommen hat, gab es noch keine Niederlage. Was macht er anders als sein Vorgänger?

Harnik: Einen Vergleich möchte ich nicht ziehen, weil ich das ein Stück weit für unfair halte. Tatsache ist, dass der Trainer großen Wert aufs Kollektiv legt und jeden Spieler spüren lässt, dass er wichtig ist – egal, ob er in der Startelf oder vielleicht nicht einmal im Kader steht. Jeder fühlt sich respektiert und weiß, dass er noch entscheidend zum Gelingen beitragen kann. Zudem hat der Trainer von Beginn an größten Wert daraufgelegt, dass die Defensive funktioniert. Schon in der Aufstiegssaison haben wir seit seinem Amtsantritt nur sehr wenige Gegentore bekommen, und das hat sich bisher in der Bundesliga fortgesetzt. Ich glaube, das ist der Schlüssel zu unserem aktuellen Erfolg, dass wir über eine sehr starke Defensive kommen und vorne in der Regel irgendwie immer einen reinbringen.

Video: Hannover 96 zurück in der Bundesliga

bundesliga.de: Sie sind gebürtiger Hamburger. Ist das Spiel gegen den HSV für Sie dennoch ‚business as usual’, da Sie mit dem Klub im Gegensatz zur Stadt nichts verbindet? 

Harnik:  Nein. Ein Spiel gegen den HSV bleibt trotzdem ein besonderes Spiel – weniger für mich persönlich als für einige meiner Familienmitglieder und meiner Freunde, von denen viele HSV-Fans sind. Deshalb ist es mir immer eine große Freude gegen den HSV zu spielen.

bundesliga.de: Apropos gebürtiger Hamburger: Das gilt auch für Max Kruse, mit dem Sie sehr gut befreundet sein sollen. Sie sind beide sehr meinungsfreudige Typen, allerdings wirken Sie heute reifer und erwachsener... 

Harnik: Max und ich waren schon in der Zeit vor dem Profi-Fußball sehr gute Freunde. Wir kennen uns seit der Jugend und der gemeinsamen Zeit zunächst beim SC Vier- und Marschlande und später bei Werder Bremen. Damals haben wir uns sogar eine Wohnung geteilt. Wer und ob überhaupt jemand beurteilen kann, wer von uns beiden schneller erwachsen geworden ist, weiß ich nicht (lacht). Wir haben beide unsere ganz speziellen Ecken und Kanten und sind auch nicht immer einer Meinung. Max lebt ein anderes Leben als ich – was nicht heißt, dass seine Wahl die schlechtere sein muss. Und auch daran, dass wir heute immer noch sehr enge Freunde sind, ändert das gewiss nichts. 

"Ich bin schon immer ein Spieler, der sich sehr wohlfühlen muss, um seine Topleistung abrufen zu können. Das ist in Hannover gegeben." Martin Harnik

bundesliga.de: Lassen Sie uns noch über Ecken und Kanten sprechen: Nachdem Sie im Sommer 2016 mit dem VfB Stuttgart absteigen mussten, hätten Sie nach China wechseln können, haben sich aber für den zweiten Absteiger, für Hannover 96 entschieden. Ganz schön dumm, dürften die einen sagen, wunderbar fußball-romantisch dürften die anderen schwärmen...

 Harnik: Tatsache ist, dass ich damals ein finanziell sehr lukratives Angebot aus China hatte und dort war, um mir die Gegebenheiten vor Ort anzuschauen. Ich habe mich daraufhin aber gegen diesen Wechsel entschieden, weil meine Familie und ich dort nicht das Leben hätten führen können, das uns glücklich gemacht hätte. Auch das Geld hätte darüber nicht hinweg geholfen. Erst dann kam überhaupt Hannover ins Spiel. Und dort hat einfach alles gepasst. Wir haben uns auf Anhieb wohlgefühlt und uns sofort mit allem identifizieren können. Die Kirsche auf der Torte ist die Nähe nach Hamburg und damit zu unseren Familien, denn auch meine Frau stammt aus Hamburg. Deshalb würde ich weniger von Fußball-Romantik sprechen, sondern davon, dass diese Entscheidung für uns einfach nur logisch war.

bundesliga.de: Sie haben Hannover, den Klub, aber auch die Stadt in einem Interview als schlafenden Riesen bezeichnet. Wann wacht dieser Riese auf – oder ist er vielleicht schon wach?

Harnik: Meine Aussage hatte den Hintergrund, dass ich Hannover in der Vergangenheit immer nur als graue Messestadt und den Verein Hannover 96 als relativ gesichtslos wahrgenommen habe. Seitdem ich hier bin wurde ich aber eines viel Besseren belehrt. Die Stadt ist wunderschön, mit sehr viel Grün und sehr viel Wasser, und bietet enorme Möglichkeiten sich wohlzufühlen. Und 96 hat eine Infrastruktur, wie sie nur Top-Vereine aufweisen können. Auch das Stadion ist klasse, und unsere Fans geben der Mannschaft einen fantastischen Rückhalt.

Martin Harnik (li.) freut sich auf das Duell am Freitagabend gegen den HSV.
Martin Harnik (li.) freut sich auf das Duell am Freitagabend gegen den HSV.

bundesliga.de:Da scheint rasch eine Art von Liebesbeziehung zwischen Ihnen und Hannover entwickelt zu haben, mit dem Höhepunkt, dass man Sie zu "Niedersachsens Fußballer des Jahres 2017" gewählt hat?

Harnik:Ich bin schon immer ein Spieler, der sich sehr wohlfühlen muss, um seine Topleistung abrufen zu können. Das ist in Hannover gegeben. Deshalb kann man tatsächlich sagen, dass ich mich in gewisser Weise in das ganze Projekt verliebt habe. Zudem bekomme ich von außen sehr positives Feedback. Und das tut jedem gut und verhindert, dass man sich allzu oft über Unwichtiges den Kopf zerbricht. In Hannover kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren – und das ist das Fußball spielen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter