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Gelsenkirchen - Wenn es um die potentiellen Top-Teams der neuen Saison geht, wird auch der FC Schalke 04 immer wieder genannt. Trainer Huub Stevens verrät im Interview mit bundesliga.de, wie er darüber denkt, welche Rolle Huntelaar und Höwedes spielen sollen und was sein Verein noch von Borussia Dortmund lernen kann.

bundesliga.de: Huub Stevens, Ihr Sportvorstand Horst Heldt hat die erneute Qualifikation für die Champions League als "realistische Zielsetzung" bezeichnet. Können Sie dem mit Blick auf Personal und Saisonvorbereitung zustimmen?

Huub Stevens: Das kann ich! Unser Ziel ist es, uns wieder für den Europapokal zu qualifizieren. Das beinhaltet natürlich auch die Champions-League-Plätze. Wir verfügen über einen Kader, um sportlich wieder eine Mannschaft formieren, in der die Balance zwischen Defensive und Offensive stimmen kann. Mit diesem können wir unsere Ziele erreichen.

bundesliga.de: Wer sind Schalkes Konkurrenten im Kampf um die gesteckten Ziele? Wer hat die besten Chancen auf den Meistertitel?

Stevens: Vor allem Borussia Mönchengladbach schätze ich wegen seiner Einkäufe sehr stark ein. Auch aber auch mit Clubs wie dem VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen, VfB Stuttgart oder Hannover 96 ist zu rechnen. Favoriten auf den Titel sind Meister Borussia Dortmund und Bayern München.

bundesliga.de: Ist es für die Schalker Spieler tatsächlich tabu, über die Deutsche Meisterschaft zu sprechen?

Stevens: Es ist nicht tabu, denn wir haben viele ehrgeizige Spieler. Aber man sollte doch realistisch bleiben, und das tun die Jungs auch.

bundesliga.de: Sie haben in der vergangenen Saison betont, Schalke könne noch einiges vom BVB lernen. Was meinen Sie konkret und wie weit ist Schalke sportlich vom Deutschen Meister entfernt?

Stevens: Borussia Dortmund ist vor einigen Jahren aufgrund seiner finanziellen Situation gezwungen worden, einen Weg zu gehen, der auf Eigengewächse setzt, Geduld beim Aufbau einer Mannschaft eingefordert hat. Diese Geduld haben die Verantwortlichen aufgebracht und viele richtige Entscheidungen getroffen. Der Erfolg kam ja nicht über Nacht, sondern wurde Schritt für Schritt aufgebaut. Davon kann und sollte nahezu jeder lernen. Wir haben uns inzwischen auch auf einen ähnlichen Weg gemacht, aber das ist ein Prozess, der nicht in einem Jahr beendet ist.

bundesliga.de: Horst Heldt fordert mehr Arroganz von den Spielern – hat er Recht? Oder liegt darin nicht auch ein Risiko?

Stevens: Horst spricht von "positiver Arroganz", das bedeutet, dass man sich auch mal seiner eigenen Fähigkeiten bewusst sein soll und dies auch nach außen vermitteln soll. Er hat dafür ein gutes Beispiel genannt: In der vergangenen Saison sind wir bei einem damals noch verunsicherten Tabellenletzten SC Freiburg angetreten. Aber wir haben damals nicht durch Körpersprache etc. ausgestrahlt, dass wir an diesem Tag eigentlich alle Vorteile in unserer Hand hatten – und das Spiel 1:2 verloren.

bundesliga.de: Die Besetzung der offensiven Schaltzentrale wird eine der Schlüsselaufgaben werden. Welche Vorteile bringt Lewis Holtby für diese Rolle mit, welche Stärken hat Julian Draxler auf dieser Position?

Stevens: Beide bringen ihre Qualitäten mit, aber da gehe ich nicht ins Detail, weil es nicht nur Aufgabe dieser beiden Spieler ist, die frei gewordene Position zu besetzen. Es ist ebenso möglich, dass wir unsere taktische Formation verändern.

bundesliga.de: Ist es auch ein kleines Wagnis, ohne externen Neuzugang für diese herausgehobene Position in die Saison zu gehen? Anders gefragt: Hätten Sie einen Spieler wie Rafael van der Vaart gern im Schalker Trikot gesehen?

Stevens: Das finde ich nicht, denn wir haben genügend Spieler im eigenen Kader, die diese Aufgabe übernehmen können. Das gilt nicht nur für Draxler und Holtby, sondern auch für Jurado, Barnetta und Obasi. Rafael van der Vaart ist ohne Zweifel ein sehr guter Fußballer – aber er wäre für Schalke 04 nicht zu finanzieren gewesen. Da sind wir eben mit Bayern München nicht zu vergleichen.

bundesliga.de: Finanzielle Konsolidierung ist zum jetzigen Zeitpunkt auf Schalke wichtiger als die Verpflichtung von spektakulären Neuzugängen – eine Philosophie, der Sie uneingeschränkt zustimmen können?

Stevens: Natürlich. Der Club muss die Richtung vorgeben, in die er gehen will. Darin finde ich mich wieder, sonst wäre ich ja hier kein Trainer.

bundesliga.de: Mit Tranquillo Barnetta und Roman Neustädter hat Schalke entsprechend nur zwei namhafte Neuzugänge verpflichtet. Trauen Sie beiden von Beginn an eine tragende Rolle zu?

Stevens: Das werden wir sehen, aber sie werden auf Sicht zu wichtigen Spielern für uns werden. Roman Neustädter ist ein junger Bursche, der mit viel Vertrauen an die Sache herangeht. Das gilt auch für Tranquillo Barnetta, der aber in der vergangenen Saison längere Zeit verletzt war. Vielleicht braucht er noch etwas länger Zeit, um wieder in den nötigen Rhythmus zu kommen. Wenn es so sein sollte, wird er die bekommen.

bundesliga.de: Ist die Offensive nach dem Abgang Rauls stark genug? Könnte die Verantwortung, die Klaas-Jan Huntelaar als Stürmer jetzt noch mehr auf seinen Schultern trägt, für ihn auch eine Belastung werden?

Stevens: Es wird natürlich schwer sein, eine Quote wie 29 Tore in einer Saison zu toppen. Auch für ihn gilt, dass er seine Leistung in der kommenden Saison wieder unter Beweis stellen muss. Auf der anderen Seite wird Klaas-Jan seine Fähigkeiten im Strafraum nie verlieren. Und natürlich ist bei uns nicht nur er für Tore zuständig. Das weiß die Mannschaft auch und hat es verinnerlicht.

bundesliga.de: Huntelaar gilt als eine der Schalker Führungspersonen. Wen sehen oder wünschen Sie sich noch in einer exponierten Stellung innerhalb der Mannschaft?

Stevens: Ich spreche da nicht so gerne über einzelne Namen. Am liebsten ist es mir, wenn wir elf Kapitäne auf dem Platz haben, jeder Verantwortung übernimmt.

bundesliga.de: Mussten Sie Benedikt Höwedes nach der EM mental erst wieder aufbauen? Was erwarten Sie sportlich von ihm – Sie haben ihm noch Steigerungspotenzial attestiert.

Stevens: Nein, das musste ich nicht. Ich habe nur festgestellt – und Bene hat mir dabei zugestimmt – dass er Steigerungspotenzial im Vergleich zur Vorsaison besitzt und wir gemeinsam darauf hinarbeiten werden, dieses zu nutzen. Da sind wir auf einem sehr guten Weg.

bundesliga.de: Es ist ungewöhnlich für einen Klub, dass gleich drei Torhüter quasi auf Augenhöhe um die Nummer eins kämpfen. Wie endgültig wird Ihre Entscheidung ausfallen?

Stevens: Ich werde keine öffentliche Einzelanalyse unserer Torhüter betreiben. Wir werden schauen, wer am besten in die Mannschaft passt und dann die Entscheidung treffen. Und zwar vor unserem ersten Pflichtspiel im DFB-Pokal beim 1. FC Saarbrücken.

bundesliga.de: Hannover, Augsburg, Fürth heißen die ersten Gegner in der Liga – täuscht der Eindruck, oder hätte es schlimmer kommen können?

Stevens: Der täuscht, denn man weiß erst, wie gut man Mannschaften sich vorbereitet haben, wie gut sie das umsetzen können, was sie sich in den Wochen zuvor erarbeitet haben, wenn die Spiele gespielt sind. Wir müssen sofort da sein, dann kann unser Start in die neue Saison auch erfolgreich sein.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte