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Kraft. Kampf. Und ganz viel Moral. Beim FC Schalke 04 hat man diese Tugenden so sehr verinnerlicht, dass eine alte Fußballer-Weisheit hier Woche für Woche mit Leben gefüllt wird: Ein Spiel dauert 90 Minuten! Und die weiß man in Schalke zu nutzen.

Bayers Sportdirektor Rudi Völler nickte anerkennend: "Ein Spiel so zu drehen und zurückzukommen, das können nur ganz wenige Mannschaften." Dass der FC Schalke es kann, hat er beim Remis gegen Leverkusen bewiesen. Und das schon zum zweiten Mal in Folge.

Völler: "Haben mit 2:2 verloren"

Binnen einer Woche drehte die Mannschaft gleich zweimal einen Rückstand vor heimischem Publikum und sicherte sich so jeweils einen Punkt gegen die Spitzenteams der Liga. Erst reichte dem HSV eine 2:0-Führung nicht zum Sieg aus, jetzt ereilte Bayer Leverkusen das gleiche Schicksal. "Wir haben mit 2:2 verloren", klagte Völler.

Auf der königsblauen Seite wurde das Unentschieden als Sieg gefeiert. "Ich hatte wenig Hoffnung auf einen zweiten Kraftakt dieser Art, aber meine Spieler haben mit einer unglaublich hohen Moral gefightet", bekannte Felix Magath. "Wir hatten den absoluten Willen, dieses Spiel noch zu drehen. Das hat man in der zweiten Halbzeit gemerkt", merkte Benedikt Höwedes an.

Schalker Konditionswunder

Dass Kevin Kuranyi (83.) und Vincente Sanchez (88.) in der Schlussphase tatsächlich das Spiel noch auf den Kopf stellen würden, war allerdings 70 Minuten lang nicht zu erwarten. Doch das intensive Training unter Magath scheint Wirkung zu zeigen, glaubt Kuranyi: "Unsere gute Kondition macht es uns möglich, immer noch zuzulegen. Wir können wirklich 90 Minuten lang mit voller Kraft spielen."

Tatsache ist, dass die Schalker gerade in der Schlussphase noch einmal aufdrehen. Gegen den HSV lag der Ballbesitz in den letzten Minuten deutlich über 80 Prozent, auch gegen Bayer verstärkte das Team den Druck zum Ende hin enorm. Kraft, Leidenschaft und Laufstärke konnten so zweimal Berge versetzen. "Unser Kampfgeist hat uns einmal mehr zurückgebracht", stellte Heiko Westermann zufrieden fest.

Leverkusen spielerisch überlegen

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und den gibt es beim moralischen Sieger in "Königsblau" in zweifacher Hinsicht. Zum einen "haben die Partien gegen den HSV und Bayer gezeigt, dass wir spielerisch mit den Spitzenteams der Liga nicht mithalten können", gibt Felix Magath zu bedenken.

Vor allem in der ersten Halbzeit war Leverkusen mit einer Mischung aus Spielwitz und Tempo, Kreativität und Abgeklärtheit der souveräne Herr im Schalker Hause. Diese spielerisch deutliche Überlegenheit der Gegner über die gesamte Saison allein mit Kampf und Willen auszugleichen, werde "sehr, sehr schwer", warnt Magath.

"Von Anfang an Gas geben

Zum anderen "kommen wir komischerweise immer erst in den letzten 20 Minuten richtig in Schwung", schüttelte Heiko Westermann den Kopf. "Erst da haben wir druckvoll nach vorne gespielt" wundert sich auch Kuranyi. "Wir müssen lernen, von Beginn an alles zu geben und auch mal selbst in Führung zu gehen."

Westermann fordert für die nächsten Auftritte mehr Mut ein. "Wir müssen von der ersten Minute an konzentriert und aggressiv nach vorne gehen, nicht erst in der Schlussphase. Wenn wir mit einem breiten Kreuz antreten, dann liegen wir auch nicht immer erst im Rückstand."

Geht es nach Kuranyi, werden die Schalker schon am kommenden Spieltag ausgerechnet beim FC Bayern versuchen, "es gegen eine andere Topmannschaft besser zu machen und möglichst drei Punkte zu holen." Den Fans wäre das gerade recht. Sie stimmten sich nach dem gefühlten Sieg gegen Leverkusen schon lautstark auf den nächsten Samstag ein: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus…!"

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte