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"Historique!!!" Mit diesem einen Wort und drei Ausrufezeichen feiert Olympique Lyon den Einzug ins Halbfinale der Champions League auf seiner offiziellen Homepage.

Tatsächlich hat die Elf von Trainer Claude Puel etwas "Historisches" geleistet. Denn zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte qualifizierte sich der frühere französische Serienmeister für die Runde der letzten Vier. Dort wartet Bayern München auf Olympique.

Es wird das Treffen zweier alter Bekannte. In den vergangenen neun Jahren kreuzten sich die Wege der beiden Topclubs in der Champions League dreimal jeweils in der Gruppenphase, zuletzt im Vorjahr als die Bayern nach einem 1:1 in München in Lyon dank eines 3:2-Auswärtserfolges den Gruppensieg perfekt machten. Für beide Vereine aktiv und in den Duellen treffsicher war übrigens einst Giovane Elber.

Nicht mehr die unangefochtene Nummer 1

Von den bislang sechs Begegnungen konnte jeder zwei für sich entscheiden, zweimal gab es ein Unentschieden. Das Torverhältnis lautet 9:7 zugunsten der Franzosen. Unvergessen ist der 3:0-Erfolg von Lyon im Jahr 2001, nach der der damalige Bayern-Präsident Franz Beckenbauer seine legendäre Wutrede hielt. Dermaßen zusammengestaucht ließen Oliver Kahn, Stefan Effenberg, Mehmet Scholl und Co. eine Trotzreaktion folgen, die im Gewinn der Königsklasse gipfelte.

Doch es hat sich einiges getan seitdem. Olympique Lyon befindet sich im Umbruch und ist nicht mehr die unangefochtene Nummer 1 in Frankreich, die es mit sieben Meistertiteln in Serie zwischen 2002 und 2008 einmal war. Im Vorjahr übernahm Claude Puel die Truppe und wurde trotz Investitionen in Höhe von 58 Millionen Euro "nur" Dritter. Und auch in dieser Saison lief es vor allem in der Hinrunde nicht nach Wunsch.

Alles offen in der Ligue 1

Momentan steht Lyon zwar auf Platz 2 der "Ligue 1". Doch in keiner europäischen Liga geht es derzeit so spannend zu wie in Frankreich. Tabellenführer Marseille hat nur fünf Punkte Vorsprung auf Rang 6 (Lille). Sieben Spieltage vor Schluss kann Lyon noch Meister werden, bei aber lediglich drei Zählern Abstand auf den Sechsten sogar durchaus die Qualifikation fürs internationale Geschäft komplett verpassen.

Dafür lief es in der Champions League so gut wie nie zuvor. Lyon ließ erst in der Gruppenphase den FC Liverpool und VSC Debreceni hinter sich, warf dann die Millionentruppe von Real Madrid (1:0, 1:1) aus dem Rennen und setzte sich nun im innerfranzösischen Duell gegen Girondins Bordeaux (3:1, 0:1) durch.

Die Abwehr steht

So konnte der nach einer Durststrecke in der Liga im Herbst (nur zwei Siege in 11 Spielen) in die Kritik geratene Coach im Amt bleiben und dem Druck standhalten. Denn erneut hatte der ehrgeizige Präsident Jean-Michel Aulas vor der Saison 72 Millionen Euro in den Kader gepumpt. Das war aber auch nötig, da mit Spielmacher Juninho und Stürmerstar Karim Benzema zwei Stars und Führungsspieler den Verein verlassen hatten.

Dafür wurden u.a. der argentinische Stürmer Lisandro Lopes für 24 Millionen Euro aus Porto und Außenstürmer Michel Bastos für 18 Millionen aus Lille geholt. Lyon hat mit dem Personalwechsel auch einen Systemtausch vollzogen. Weg vom ästhetischen Kombinationsspiel hin zu einem athletisch geprägten und auf einer starken Defensive basierenden Fußball. Der Bestwert von lediglich sechs Gegentore in der Champions League untermauert dies.

Stark bei Standards

Die Bayern müssen gegen Lyon besonders bei Standards aufpassen. Sieben seiner 17 Tore in der Champions League erzielte Olympique nach ruhenden Bällen. Lyons gefährlichster Torschütze in der Champions League ist Miralem Pjanic mit vier Treffern, gefolgt von Lisandro Lopes, der dreimal traf, dafür aber mit seinen 13 Ligatoren zweitbester Torjäger in Frankreich ist.

Weitere herausragende Spieler sind der 22-jährige Torwart Hugo Lloris, dessen 85 Prozent gehaltener Bälle in der Champions League der Topwert aller Halbfinal-Keeper ist, sowie Abwehrchef Cris. Einst in Leverkusen gescheitert, wurde der Brasilianer bereits zweimal zum Spieler des Jahres in Frankreich gewählt.

Olympique Lyon ist ein unangenehm zu spielender Gegner und eine Macht im heimischen Stadion Municipal de Gerland, in dem es zuletzt in der Champions League siebenmal in Folge unbesiegt blieb. Den letzten Gästesieg feierten im Dezember 2008 ausgerechnet die Münchener Bayern. Wenn das mal kein gutes Omen ist ...

Tobias Gonscherowski