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Man kennt solche Szenen eigentlich nur von Spielen verdienter Profi-Fußballer zum Abschluss einer langjährigen Karriere mit mehreren hundert Bundesligaspielen.

Ein ganzes Stadion skandiert zum Abschied den Namen des Protagonisten und vergisst die übliche Einteilung in Freund und Gegner. Auf der Ehrenrunde rollen neben der Laola auch so manche Tränen.

Lukas Podolski ist gerade mal 23 Jahre alt und die Partie des 4. Spieltages zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Bayern München war nach seiner Einwechslung in der 57. Spielminute seine 102. in der Bundesliga. Doch in der Domstadt besitzt der im etwa 20 Kilometer von Köln entfernten Bergheim aufgewachsene Stürmer mit polnischen Wurzeln jetzt schon Heldenstatus.

"Das gibt es sonst nirgendwo auf der ganzen Welt"

50.000 Zuschauer feierten ihn, den Torschützen zum 3:0-(0:0)-Endstand, nach dem Schlusspfiff mit stehenden Ovationen. Ein normaler Vorgang? Mitnichten, denn Podolski ist seit über zwei Jahren Angestellter des FC Bayern, der den gastgebenden 1. FC Köln am Samstag nach Toren von Luca Toni (53./60.) und eben von Podolski (90.+1.) deutlich besiegte.

Nach seinem Treffer blieb der Nationalstürmer eine kleine Ewigkeit auf dem Rasen liegen, das Gesicht ins kölsche Grün vergraben. Kein Jubel ob des erzielten Tores, ähnlich wie bei EURO 2008 nach seinen Treffern gegen sein Geburtsland Polen, lediglich ein stolzes Klopfen auf die Brust, gefolgt von minutenlangen "Lukas-Podolski"-Sprechchören aus den vereinten Kehlen der Köln- und Bayern-Anhänger.

"Das ist etwas ganz Besonderes für mich, wenn man von den gegnerischen Fans so gefeiert wird", gab Podolski gegenüber bundesliga.de Einblick in seine Gemütslage. "Das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt", wunderte er sich selbst ein wenig über die Reaktion des Kölner Anhangs. Auch "Geißbock"-Trainer Christoph Daum konnte sich nicht erinnern, "so etwas schon mal erlebt zu haben".

"Podolski hat Legenden-Status"

Köln-Profi Marvin Matip, der in der Saison 2005/06 noch mit Podolski vor dessen Wechsel nach München zusammenspielte, hatte immerhin einen Erklärungsansatz parat: "Diesen Beifall hat er sich in Köln absolut verdient. Die Fans träumen nun mal davon, dass er zurück kommt, das wollten sie ihm mit dieser Reaktion zeigen. Sein Stand hier in Köln entspricht ja fast schon dem einer Legende", sagte er auf Nachfrage von bundesliga.de.

Auf seiner Homepage bezeichnet Podolski den 1. FC Köln, bei dem er ab den D-Junioren alle Jugendmannschaften durchlief und für den er zwischen 2003 und 2006 in insgesamt 81 Spielen in Bundesliga und 2. Bundesliga 46 Tore erzielte, als seinen Traumverein. Nach dem WM-Sommer 2006 wechselte er von der Rhein- in die Isar-Metropole. Dennoch war für Podolski sonnenklar, dass Söhnchen Louis bereits wenige Tage nach seiner Geburt im April 2008 FC-Mitglied wurde.

Klinsmann freut sich "riesig für Lukas"

Wie sehr sich Podolski dem FC verbunden fühlt und wie sehr dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht, das verdeutlichte der Samstagnachmittag in Köln. Bevor er kurz vor Anpfiff auf der Bayern-Ersatzbank Platz nahm, genoss er das Bad in der ihm zujubelnden Menge. In der Halbzeitpause schäkerte er mit den Kölner Ex-Kollegen um Matthias Scherz am Mittelkreis, als sei er einer von ihnen.

Nach der Partie stattete er der FC-Kabine einen ausführlichen Besuch inklusive Trikotübergabe ab, um kurz darauf sein "Wohnzimmer", das Kölner RheinEnergieStadion, über beide Ohren grinsend und mit einer umgehängten FC-Tasche zu verlassen.

Den Zorn seiner Münchener Vereinskollegen zog er sich dennoch nicht zu, im Gegenteil. Sturmpartner Luca Toni konnte die Gefühlslage nachempfinden: "Ich bin froh, dass er das Tor geschossen hat, weil ich weiß, was es bedeutet, in die eigene Stadt zurückzukehren." Auch Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann freute sich "riesig, dass Lukas ein Tor gemacht hat in seinem Kölner Stadion."

Verloren, aber nicht vergessen

An der Hierarchie im FCB-Angriff, in dem Podolski hinter Toni und Miroslav Klose lediglich Stürmer Nummer drei ist, wird der Auftritt am Samstag kurzfristig aber nichts ändern. Ein Wechsel zurück nach Köln steht allerdings ebenso außer Frage.

"Lukas wird seinen Weg machen - beim FC Bayern! Wir gehen nun auf eine Serie zu mit permanenten Mittwoch-Samstag-Spielen. Er wird seine Chancen bekommen", betonte Klinsmann. Und Podolski will um einen Stammplatz beim deutschen Rekordmeister kämpfen: "Wie lange der Prozess dauert, hängt auch von mir ab. Wenn ich gute Leistungen bringe, wenn ich reinkomme oder von Anfang an spiele, dann kommt der Trainer nicht an mir vorbei"

Die Kölner Fans müssen also wohl noch eine ganze Weile auf die Rückkehr des verlorenen Sohnes warten. Dass "verloren" aber längst nicht "vergessen" bedeutet, haben sie mit ihren Huldigungen jedoch eindrucksvoll bewiesen.

Aus Köln berichtet Denis Huber