ANZEIGE

Dortmund/Köln - Seit einem Vierteljahrhundert hält Lars Ricken seinem BVB die Treue. Er begann als Jugendspieler, wurde dann Profi, drei Mal Meister, Champions-League-Sieger, Weltpokalgewinner, Jahrhunderttor-Schütze und Vizeweltmeister. Heute arbeitet der inzwischen 38-Jährige als Nachwuchskoordinator für Borussia Dortmund.

Mit bundesliga.de spricht Lars Ricken über das Topspiel BVB gegen FC Bayern, die Chancen der Borussia und die Lehren aus dieser Saison.

bundesliga.de: Lars Ricken, in den letzten Jahren war die Partie Borussia Dortmund gegen Bayern München das Topspiel schlechthin (zur Sonderseite). In diesem Jahr trifft dagegen der Zehnte auf den Tabellenführer. Dennoch dürfte nicht weniger Brisanz in der Paarung liegen?

Lars Ricken: Eine Brisanz bei Dortmund gegen Bayern hat es immer gegeben, egal wie die Tabellenstände waren. Natürlich hatte es ein besonderes Flair, wenn es auch entscheidende Spiele waren, die deutsche Meisterschaften entschieden haben. Ich kann mich noch gut an das Spiel erinnern, als BVB-Keeper Roman Weidenfeller 2012 einen Elfmeter von Arjen Robben gehalten hat. So eine Gefühlsexplosion habe ich in diesem Stadion selten erlebt. Das bleibt mir in guter Erinnerung. Damals sorgte die Tabellensituation für einen besonderen Reiz. Aufgrund nicht nur der jüngeren Vergangenheit, sondern auch der älteren hat das Spiel eine große Tradition. Es ist kein 0815-Bundesliga-Spiel, sondern ein Hit.

bundesliga.de: In der Rückrunde ist es sportlich fast schon wieder ein Duell auf Augenhöhe. Im Jahr 2015 haben die Bayern nur einen Punkt mehr geholt als der seit sieben Spielen ungeschlagene BVB. Ist die Chance der Borussia jetzt größer, die Bayern zu packen?

Ricken: Natürlich haben gerade die Ergebnisse in der Bundesliga dafür gesorgt, dass Dortmund wieder eine gewisse Portion Selbstvertrauen besitzt. Vorher hatte man der Mannschaft die Tabellenregion, in der sie stand, angesehen. Daraus haben wir uns jetzt ein bisschen befreien können. Insofern ist es ganz gut, dass der Rucksack nicht mehr ganz so schwer ist. Aber am Ende des Tages geht es beim Spiel Dortmund gegen Bayern darum, wie die Tagesform ist, wie man sich auf das Spiel einstellt. Unabhängig vom Tabellenstand sind Ergebnisse in beide Richtungen offen.

"Werden versuchen, das sportlich Maximale zu erreichen"

bundesliga.de: Was macht die Borussia in der Rückrunde besser? Wenn man sich die Zahlen ansieht, fällt auf, dass die Mannschaft in neun Spielen nur noch sieben Gegentore bekommen hat. War das der Schlüssel zum Erfolg?

Ricken: In der jüngeren Vergangenheit hat Borussia Dortmund sich sicherlich darüber definiert, dass die Mannschaft wenig Gegentore bekommen hat. Das ist jetzt auch wieder der Fall. Darüber hinaus haben wir auch offensiv immer noch wirklich extreme Qualitäten, die dann teilweise mit Einzelaktionen Spiele entscheiden können. Hinzu kommt, dass Spieler, die längere Zeit verletzt waren, eine gewisse Zeit brauchen, um sich wieder einzugewöhnen. Die hatten sie jetzt. Es steht wieder ein eingespieltes Team auf dem Platz, das immer noch die Gier und den Hunger hat, etwas Außergewöhnliches zu leisten. Diese Gier wird man auch gegen Bayern München im eigenen Stadion spüren.

bundesliga.de: Außergewöhnlich wäre es, wenn Borussia Dortmund sich noch für die Europa League qualifizieren würde. Es hat in der Bundesliga-Geschichte noch kein Verein geschafft, sich nach Platz 17 in der Hinrunde noch für den internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Ist das ein Anreiz für den BVB oder wäre es nach den Jahren in der Champions League eher eine lästige Pflichterfüllung?

Ricken: Wir würden den Platz sicherlich nicht ablehnen, wenn wir diesen Platz tatsächlich noch erreichen sollten. Erfolge oder Titel zu feiern, ist auch in diesem Wettbewerb durchaus möglich. Aber es gilt nach wie vor die sportliche Marschroute unserer sportlichen Führung um Michael Zorc, Hans-Joachim Watzke und Jürgen Klopp, genügend Punkte zu holen, um dann auch rechnerisch sicher zu sein, nicht mehr absteigen zu können. Auch wenn das für manche ganz weit weg ist, für uns im Verein waren es keine einfachen Zeiten. Deshalb sind wir froh, wenn es irgendwann auch rechnerisch nicht mehr möglich ist. Dann werden wir versuchen, das sportlich Maximale zu erreichen.

"Es wird nicht einfacher für Borussia Dortmund"

bundesliga.de: Was muss man in Dortmund für Lehren aus dieser Saison ziehen, auch wenn sie noch nicht vorbei ist? Wird ein personeller Umbruch nötig sein?

Ricken: Wir haben jetzt schon April, so lange geht die Saison nicht mehr. Danach beginnt die kommende Spielzeit relativ schnell. Insofern macht sich die sportliche Führung über die Personalplanung der nächsten Jahre ihre Gedanken. Fakt ist, dass es nicht einfacher wird für Borussia Dortmund, 2016 automatisch wieder Champions League zu spielen. Man hört ja immer mal wieder, dass der BVB nun halt mal eineinhalb Jahre keine Champions League spielt. Aber das ist keine Selbstverständlichkeit und wird ein hartes Stück Arbeit. Man braucht einen sehr guten Kader. Man hat als Konkurrenten Bayern München, die in einer anderen Liga spielen. Wolfsburg hat extrem und auch sinnvoll investiert. Dort sind fähige Leute am Werk. Dazu kommen die üblichen Verdächtigen mit Leverkusen und Schalke, Gladbach, das eine richtig gute Entwicklung nimmt. Da müssen wir uns gut aufstellen, um uns im nächsten Jahr wieder in diesen Tabellenregionen festsetzen.

bundesliga.de: Wer gewinnt das Spiel am Samstag?

Ricken: Wenn ich mich festlegen soll, tippe ich auf einen 1:0-Sieg des BVB.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski