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Frankfurt - Über Eintracht Frankfurt staunen die Experten. Viele Fachleute haben den Hessen eine harte Saison im Abstiegskampf prophezeit. Doch die Eintracht erlebt unter dem neuen Trainer Thomas Schaaf einen überraschenden Höhenflug, der sie aktuell auf Platz 5 geführt hat.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Eintracht-Legende und Bundesliga-Rekordspieler Karl-Heinz Körbel über die Gründe für den guten Start.

bundesliga.de: Herr Körbel, wie erstaunt sind Sie über den guten Auftakt von Eintracht Frankfurt?

Karl-Heinz Körbel: Dieser gute Start war nicht unbedingt zu erwarten, weil wir viele neue Spieler geholt haben. Aber man hat deutlich gemerkt, dass die Mannschaft zusammengewachsen ist und eine geschlossene Einheit bildet. Die ersten Spiele gegen Freiburg oder Augsburg liefen noch nicht so gut. Gegen Augsburg und Schalke haben wir Punkte liegen lassen. Aber auf einmal läuft’s dann. Alex Meier wurde besser integriert, die Neuzugänge haben eine bessere Rolle gespielt. Jetzt strotzen alle vor Selbstbewusstsein und die Mannschaft steht auf Platz 5 (Startcheck der Eintracht).

bundesliga.de: Ein Umbruch im Kader, ein neuer Trainer - trotzdem läuft es ausgezeichnet. Wo liegen die Gründe dafür?

Körbel: Mit ein bisschen Glück hätten wir sogar noch einige Punkte mehr holen können, man denke nur an das Mainz-Spiel. Aber dann würden hier alle durchdrehen. So gut sind wir nicht. Es ist super, dass wir zwölf Punkte haben. Unser Ziel ist, nichts mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben. Man hat ja vor der Saison gesagt: Paderborn ist ein sicherer Absteiger. Aber jetzt holen sie Punkt für Punkt. Statt dessen rutscht der VfB Stuttgart unten rein. Freiburg wird sich mit seiner Kampfkraft auch wieder berappeln. Die Kölner spielen diszipliniert und haben einen guten Trainer. Die werden auch nicht total einbrechen. Ich frage mich: Wer soll dieses Jahr eigentlich absteigen? Jeder Punkt, den wir holen, bringt uns nach vorne.

bundesliga.de: Auch der Spielplan hat es mit der Eintracht gut gemeint. Die Kracher kommen erst später.

Körbel: Ja. Die Situation ist für uns optimal. Wir fahren jetzt nach Paderborn. Da ist für die Eintracht auch etwas drin. Dann kommt es zum großen Spiel gegen Stuttgart. Auf das Spiel bin ich besonders gespannt. Die Ausgangsposition ist gut.

bundesliga.de: Wie erleben Sie den neuen Trainer Thomas Schaaf?

Körbel: Thomas Schaaf ist ein Trainer, der von Spiel zu Spiel denkt. Gegen Köln wollten wir in erster Linie nicht verlieren, haben aber auch versucht, das Spiel zu gewinnen. Es gilt: Ein Punkt ist erstmal besser als keiner. Und dann gewinnt man so ein Spiel auch. Wir sind auswärts noch ungeschlagen (Eintracht-Ergebnisse). Nach dem Stuttgart-Spiel kommen dann die Großen. Wir hatten uns vor der Saison alle erhofft, dass wir dann schon einen Abstand nach unten haben. Die Bayern sind wieder im Hoch. Gegen die Bayern hat die Eintracht aber eigentlich immer gut ausgesehen, vor dem Spiel mache ich mir die wenigsten Sorgen.

bundesliga.de: Was zeichnet Schaaf aus?

Körbel: Thomas Schaaf hat einen genauen Plan, wie er die Mannschaft verbessern will. Man sieht seine Handschrift. Die Jungs sind fit. Und wenn die Ergebnisse stimmen, ist es für einen Trainer auch viel leichter. Bei uns läuft es. Das ganze Trainerteam passt (Hintergrund: Entwicklung von Trainerstäben). Wir hatten im Vorfeld der Saison Schwierigkeiten, Spieler zu bekommen. In der Phase herrschte eine gewisse Unruhe in Frankfurt. Die Leistungsträger waren alle weg, die Vorbereitungsspiele liefen nicht so wie gewünscht. Wir haben ja nur ein Spiel gewonnen. Im Jahr davor hatten wir alle Testspiele gewonnen und dann zum Bundesliga-Auftakt in Berlin 1:6 verloren. In diesem Jahr war es genau umgekehrt. Wir haben in der Vorbereitung keine guten Ergebnisse, sind aber gut in die Bundesliga gestartet. Der Fußball ist schon verrückt. Thomas Schaaf ist immer ruhig geblieben. Er hat gesagt: "Wir bekommen schon noch Spieler und holen bis zur Winterpause genügend Punkte."

bundesliga.de: Es kam der Mannschaft auch sicher entgegen, dass die Erwartungshaltung nicht so hoch war.

Körbel: Das stimmt, zumal wir Spieler wie Jung, Rode, Schwegler, Joselu und andere abgegeben haben. Man darf auch nicht vergessen, dass wir großes Verletzungspech haben. Djakpa ist weggebrochen, Trapp ist verletzt, ebenso Valdez. Darüber spricht schon gar keiner mehr.

bundesliga.de: Bei den Neuzugängen scheint die Eintracht einige Volltreffer gelandet zu haben. Bei Haris Seferovic schnalzen die Fans mit der Zunge.

Körbel: Der passt zu uns. Er macht nicht nur Tore, sondern bereitet auch welche vor und reibt sich auf (Video: Seferovic - gefeierter Neuzugang). Das greift auch. Und andere Spieler sind wieder da, wie Inui, der letztes Jahr schlecht war. Der war völlig weg. Jetzt harmoniert er mit einem Alex Meier. Auch ein Stefan Aigner ist wieder zurück und kommt langsam wieder dahin, wo er einmal war. Wir haben einige Alternativen. Auch Hasebe ist eine Granate. Ich hoffe, dass er bei uns durchhält, nachdem er in Nürnberg in der letzten Saison nur 17 Spiele gemacht hat. Er ist ballsicher und verfügt über eine hohe Spielintelligenz. Auch die anderen Spieler haben sich weiterentwickelt. Unsere Innenverteidigung mit Andersson und Zambrano gehört zu den besten der Liga. Marco Russ ist gereift und übernimmt Verantwortung. Momentan macht es richtig Spaß bei der Eintracht.

bundesliga.de: Wo geht die Reise hin?

Körbel: Das Wichtigste ist, Punkt für Punkt zu holen und nicht unter Druck geraten. Vielleicht haben wir dann auch irgendwann wieder die Chance, an die Tür zur Europa League zu klopfen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski