Leverkusen - Bayer 04 Leverkusen liegt in dieser Saison hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Mittelfeld-Ass Julian Brandt über die Gründe für das bisherige Abschneiden, er erläutert, was sich unter dem neuen Trainer Tayfun Korkut bereits verändert hat, und er erklärt, warum er nicht tätowiert ist und für ein Paar Schuhe keine tausend Euro ausgeben mag.

>>> Hast du Julian Brandt schon im Fantasy Manager?

bundesliga.de: Herr Brandt, lässt sich auf dem Unentschieden gegen den FC Bayern München vom vergangenen Wochenende aufbauen?

Julian Brandt: Ja. An den Bayern sind viele andere Teams gescheitert, so dass man dieses Ergebnis durchaus positiv bewerten darf. Ich denke, dass ein Punkt wie der gegen die Bayern enorm wichtig ist, weil im Vorfeld wohl kaum einer damit gerechnet hatte, dass wir überhaupt eine Chance haben würden.

bundesliga.de: Gewonnen hat Bayer 04 von den jüngsten zehn Pflichtspielen aber nur eins, gegen Darmstadt 98. Dabei lautete das Saisonziel, den BVB als Bayern-Jäger Nummer Eins anzugreifen. Warum konnte man diesem Anspruch nie gerecht werden?

Brandt: Wir haben nie zu einer Konstanz gefunden und haben kaum einmal ein Spiel gewinnen können, das nicht so gut war – was aber unabdingbar ist, wenn man oben dabei sein will. Die Selbstverständlichkeit fehlt uns einfach und gerade in der Hinrunde haben wir viele Punkte liegen lassen. Das nagt am Selbstvertrauen, wie man auch in der Rückrunde gesehen hat. Dabei hatten wir im Winter die Hoffnung, doch noch einmal angreifen zu können, weil in der Tabelle alles so eng war. Und selbst jetzt ist noch etwas möglich - zwar nicht mehr die Champions League, aber die Europa League ist immer noch machbar. Es wäre gut, wenn wir wenigstens in den letzten fünf Spielen unsere Probleme in den Griff bekommen würden.

>>> Werkself erkämpft Remis gegen die Bayern

bundesliga.de: Roger Schmidt musste gehen und wurde durch Tayfun Korkut ersetzt. Was hat sich seitdem geändert – außer, dass die Mannschaft weniger Gegentreffer bekommt, aber auch weniger Tore schießt?

Brandt: Dass sich bezüglich des Spielstils einiges verändert hat, ist offensichtlich. Das sind zwei verschiedene Welten. Dass wir weniger Gegentore bekommen, ist schon mal gut. Wenn du keine Gegentore bekommst, kannst du auch nicht verlieren. Es stimmt aber auch, dass wir momentan zu wenig Tore schießen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass sich stetig etwas entwickelt, seitdem Tayfun Korkut im Amt ist – unabhängig davon, dass die Ergebnisse das noch nicht hundertprozentig widerspiegeln. Der Trainer gibt alles und macht meiner Meinung nach eine Top-Arbeit. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Mannschaft das umsetzt und sich selbst aus der Krise befreit. Es muss bei uns Spielern jetzt einfach ‚klick’ machen und die Glocken müssen vorne endlich wieder rein.

>>> Alle Infos zum Duell #SCFB04 im Matchcenter

bundesliga.de: Sie haben derzeit 36 Punkte auf dem Konto. Zu einem Europa-League-Platz sind es vier Zähler, zum Relegationsplatz auch. Denken Sie und Ihre Kollegen eher an Europa oder doch an Abstiegskampf?

Brandt: Ich habe dazu ein passendes Zitat von Max Kruse gelesen. Bei Werder läuft es momentan wirklich gut. Max hat dennoch gesagt, dass man erst an höhere Ziele und daran denken sollte, was nach oben noch möglich ist, wenn man die 40-Punkte-Marke erreicht. Das passt auch für uns ziemlich gut. So lange wir diese 40 Punkte nicht erreicht haben, brauchen wir uns über Europa überhaupt keine Gedanken zu machen. Für machbar halte ich es aber auf jeden Fall. Sollte es uns gelingen beim SC Freiburg einen Sieg einzufahren, könnten wir allmählich wieder etwas mehr nach oben schielen.

bundesliga.de: Ein Sieg in Freiburg ist alles andere als ein Selbstläufer...

Brandt: Nicht nur, wenn man bedenkt, welche finanziellen Möglichkeiten Freiburg hat bzw. nicht hat, muss man ihnen zugestehen, dass sie eine sehr gute Saison spielen. Freiburg ist wirklich ein gutes Team, gerade auch zu Hause. Die Mannschaft spielt sehr effektiv und benötigt nicht sehr viele Chancen. Und Spieler wie Vincenzo Grifo oder Nils Petersen, der ein guter Knipser ist, verfügen über große Qualität. Deshalb rechne ich mit einer sehr umkämpften Partie, ähnlich wie im Hinspiel in Leverkusen, als wir uns beim 1:1 schwer getan haben.

>>> Video: So lief das Hinspiel gegen Freiburg

bundesliga.de: Um Ihre eigene Person gibt es viele Diskussionen. Belastet Sie das, bzw. hat das Einfluss auf Ihr Spiel?

Brandt: Nein. Ich denke nicht, dass mein Spiel darunter leidet. Richtig ist, dass viel berichtet und spekuliert wird. Das gehört aber zum Geschäft. Die meisten dieser Berichte gehen mir nicht nahe. In gewisser Weise sind sie ja sogar eine Anerkennung für meine Leistungen. Was mich persönlich aber wirklich stört ist, wenn Dinge kolportiert werden, die null Prozent Wahrheitsgehalt haben. Das war zuletzt häufiger der Fall. Darunter leide ich zwar nicht gleich, aber es nervt, wenn man in der Familie, bei Verwandten und Freunden die Dinge immer wieder richtign stellen muss. Zudem können solche Gerüchte Unruhe bei Verantwortlichen und Fans schüren. Gerade in der Situation, in der wir uns befinden, ist das extrem störend. Das können wir jetzt überhaupt nicht brauchen.

Video: Julian Brandt knipst

bundesliga.de: Wie sehen Sie Ihre Entwicklung in dieser Saison?

Brandt: Richtig zufrieden bin ich nie. Es geht immer noch besser. Ich bin sehr kritisch mit mir, auch dann, wenn ich vielleicht mal ein Spiel besonders gut drauf bin. Denn ich sehe ja, dass bei uns momentan die Tore fehlen. Und ich bin nun mal einer derjenigen, die dafür verantwortlich sind, Tore zu erzielen. Also bin ich auch ein Stück weit verantwortlich dafür, dass wir zurzeit nicht auf dem Tabellenplatz stehen, auf dem wir gerne stehen würden.

>>> Das enge Rennen um Europa

bundesliga.de: Nichtsdestotrotz bereiten Sie die meisten Großchancen der Liga vor. Andererseits aber wirken Sie im Vergleich mit anderen Spielern Ihrer Güte noch nicht zweikampfstark genug. Gehen Sie zu selten in den Kraftraum?

Brandt: Ganz im Gegenteil! Ich bin oft im Kraftraum. Unser Fitnesstrainer hat mir sogar geraten, etwas weniger zu machen, weil ich sonst zu massig werden könnte. Körperbau, Gewicht, Fettanteil – alles ist optimal. Die Power wäre also vorhanden. Bloß muss ich diese Power im Spiel auch häufiger auf den Platz bringen, sie besser einsetzen. Daran muss ich arbeiten.

bundesliga.de: Sie haben über sich selbst gesagt "Ich bin kein Mentalitätsmonster". Liegt da Ihr Problem?

Brandt: Ich war eigentlich nie der Spielertyp, der ausschließlich über Zweikämpfe kommt und ständig seine Knochen riskiert. Das ist sicherlich nicht optimal, weil es Spiele gibt, in denen genau das gefragt ist. Ich weiß auch, dass mein Spiel manchmal so rüberkommt, als fehlte es mir ein bisschen an Engagement. Das ist aber absolut nicht der Fall. Ich bereite mich auf jede Partie optimal vor und gebe für Bayer 04 immer alles, was mir möglich ist. Und ich bin überzeugt, dass man seine Mentalität als Spieler nicht nur über die Körpersprache, sondern ebenso über den Kopf zeigen kann. Jeder ist nun mal anders. Nichtsdestotrotz ist mir klar, dass ich in dieser Hinsicht weiter hart an mir arbeiten muss.

>>> Kampf um den Klassenerhalt - das Restprogramm

bundesliga.de: Sie wirken sehr reflektiert und selbstkritisch. Wie bleibt man in der Glitzerwelt des Fußballs so – im besten Sinne – normal?

Brandt: Wie gesagt, jeder ist anders. Die einen mögen diese glamouröse Welt mehr, und ich finde das auch okay. Nur ist es eben nicht unbedingt meine Welt. Ich bin nicht tätowiert und brauche keine dicken Uhren, sondern ich bin ein ausgewiesener Familienmensch, der in der Familie immer den nötigen Halt findet. Ich glaube, dass das bei vielen Menschen ganz gut ankommt. Und so gesehen gewinne ich gleich doppelt: Ich verbiege mich nicht und werde dennoch bzw. gerade dafür gemocht. Entscheidend ist doch, wie man sich in der Öffentlichkeit gibt. Wenn du dich von oben bis unten mit Gold behängst, ein arrogantes Auftreten hast und mit niemandem redest, ist es verständlich, wenn die Leute dich nicht mögen. Gehst du aber auf sie zu und bist freundlich, sehe ich kein Problem darin, wenn sich einer ein schönes Auto oder was auch immer gönnt. Das würden wohl die meisten machen, wenn sie die Möglichkeit hätten.

bundesliga.de: Was gönnen Sie sich zum Beispiel?

Brandt: Ich fahre auch gerne ein schönes Auto. Vor allem aber lege ich Wert auf eine schöne Wohnung. Wenn ich zu Hause bin, möchte ich mich wohlfühlen. Nur dann kann ich auch meine besten Leistungen abrufen. In Sachen Wohnung bin ich also gewiss nicht geizig. Andererseits würde ich mir keine Schuhe und keine Hose für tausend Euro kaufen. So bin ich einfach nicht. Und wahrscheinlich würde ich von meinen Eltern heute noch was auf den Hinterkopf bekommen, wenn ich mein Geld so verbrennen würde. Vermutlich würden die Klamotten nach drei Monaten sowieso nur noch irgendwo ganz weit hinten im Schrank liegen (lacht).

Das Gespräch führte Andreas Kötter