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Köln - Seit mittlerweile vier Jahren ist Jürgen Klinsmann nun schon Nationaltrainer der USA. Vor dem Testspiel der US-Boys gegen Deutschland in Köln stand der 50-Jährige Rede und Antwort. Im Interview mit bundesliga.de spricht über die Entwicklung der Bundesliga und darüber, was der amerikanische Fußball noch von uns lernen kann.

bundesliga.de: Herr Klinsmann, Sie sind als “Deutscher Fußball-Botschafter 2015“ ausgezeichnet worden. Was bedeutet ihnen diese Auszeichnung?

Klinsmann: Ich denke, es ist ein ganz liebes Kompliment, weil der Fußball rund um den Globus Völkerverbindend ist. Er macht den Menschen ungeheuren Spaß, ist emotional und kann so unendlich viele Brücken bauen. Dann so eine Auszeichnung zu bekommen, das ehrt mich natürlich enorm. 

bundesliga.de: Heute Abend geht es für sie mit den US-Boys in Köln gegen das DFB-Team. Wie fühlt es sich an, wieder in der Heimat zu sein?

Klinsmann: Es fühlt sich natürlich sehr gut an, da ich hier auch eine Menge Freunde wiedersehe. Vor allem ist es schön, wenn man die Möglichkeit hat, auch mal beruflich im Heimatland unterwegs zu sein. 

"Die Nachwuchsarbeit ist entscheidend"

bundesliga.de: Ob Johnson, Green, Brooks oder Chandler, auch die Zahl der US-Nationalspieler, die in Deutschland ebenfalls beruflich unterwegs sind, steigt stetig. Viele sind sogar hier aufgewachsen. Das kann ja kein Zufall sein oder?

Klinsmann: Für uns ist das eine tolle Sache, mit Spielern, die in Deutschland aufgewachsen sind, zu arbeiten. Zum einen, weil wir sie für unseren Weg überzeugen konnten und zum andern, weil sie die Nachwuchs-Leistungszentren der Bundesliga durchlaufen haben. Diese Spieler haben sich Schritt für Schritt hochgearbeitet und ein ganz anderes Lernpotenzial entwickelt als Spieler, die bei uns ausgebildet wurden. Wir sind einfach noch nicht so weit in den USA. Mit jedem Spieler, der in Europa Fuß fasst, wächst unser Potenzial und hoffentlich in Zukunft auch die Qualität des Fußballs allgemein in den USA.

bundesliga.de: Also braucht es in den USA eine Reform der Jugendarbeit? 

Klinsmann: Egal in welchem Land, die Nachwuchsarbeit ist entscheidend. Sie ist das Fundament von allem und da haben die Bundesliga und der DFB sensationelle Arbeit geleistet in den vergangenen Jahren. Es ist ja kein Zufall, dass die Nationalmannschaft so gut dasteht und so viele junge Spieler nachbringt. Es ist ja schon fast beängstigend, wenn man das von außen sieht. Der Grund dafür sind die Nachwuchsleistungszentren, wo hervorragende Trainer arbeiten, es eine gute Zielsetzung gibt und natürlich organisatorisch und infrastrukturell alles gegeben ist. Davon profitiert die Bundesliga weltweit mit einem sehr, sehr hohen Ansehen. Viele Länder schauen auf Deutschland und versuchen Anschluss zu finden. So ist es auch mit uns.

"Viele Jungs könnten in der Bundesliga bestehen"

bundesliga.de: Bislang gibt es wenige Spieler, die den direkten Weg aus den USA in die Bundesliga genommen haben. Denken Sie, dass sich das in Zukunft ändern wird?

Klinsmann: Der amerikanische Markt ist sehr interessant, weil er natürlich noch nicht so etabliert ist, wie die großen Fußballnationen in Europa oder auch Brasilien und Argentinien. Dennoch wird das Spiel von Millionen von Kinder gespielt und die Spieler, die sich über das College zum Beispiel in die Major League Soccer arbeiten und Profi werden, haben natürlich Potenzial. Aber das sind Roh-Diamanten, die erst noch geschliffen werden müssen. Auf und außerhalb des Platzes, da haben wir definitiv noch Defizite. Aber das Talent haben sie. Wir haben viele Jungs, die in der Bundesliga bestehen könnten, wenn man ihnen die Chance gibt. Was sie aber lernen müssen, ist konstante Arbeit. 

bundesliga.de: Deutschland liegt in der Fünfjahreswertung hinter England und Spanien, das mit dem FC Barcelona den amtierenden Champions-League-Sieger stellt, auf Rang drei. Wie sehen sie die Bundesliga im internationalen Vergleich?

Klinsmann: Ich denke, die Bundesliga hat sich ganz oben etabliert und steht vor allem in Konkurrenz mit der Premier League. Aber auch mit Spanien und Italien, auch wenn die Italiener doch Nachholbedarf haben. Die Clubs haben vor allem infrastrukturelle Probleme. Zu meiner Zeit war das anders, da war Italien das Traumland. Alle Topspieler der Welt waren dort. Dann ging es in Richtung England und jetzt ist die Bundesliga ganz oben. Aber um dort zu bleiben, muss man die harte Arbeit weiterführen und sich immer wieder hinterfragen.

"Da geht der Punk ab"

bundesliga.de: Wie nehmen die Fans in den USA die Bundesliga wahr?

Klinsmann: Die Art und Weise wie der deutsche Fußball in den USA gesehen und sogar bewundert wird, ist eine kleine Trendwende. Die Premier League hat eine starke Präsenz, aber immer mehr Fans sich die Bundesliga reinziehen. Angefangen natürlich beim FC Bayern, der jede Menge Fans hat.

bundesliga.de: Wie steht es denn um die Fankultur im US-Sport? Ist diese mit der europäischen vergleichbar? 

Klinsmann: Da gibt es große Unterschiede. Die Amerikaner sehen den Profisport wie Basketball, Baseball oder Football eher als Entertainment, als Event, Das ist das große Ganze im Vordergrund. Sie wollen einfach eine gute Zeit haben. Ihre Emotionen liegen hingegen eher im College-Sport, da geht der Punk ab. Das Schulsystem ist das, was sie trägt, damit ist ihr Leben verbunden. Das ist eine ganz andere Denkweise als in Deutschland. Es ist noch nicht so, dass dein ganzes Wochenende kaputt ist, wenn dein Club verliert (lacht).

bundesliga.de: Dennoch glauben sie an eine goldene Zukunft für den Fußball in den USA?

Klinsmann: Ja, der Fußball ist angekommen in den USA. Die WM hat uns da weit nach vorne gebracht. In den letzten Jahren hat sich eine echte Fankultur für die Nationalmannschaft entwickelt. Wir waren die zweitgrößte Fan-Base in Brasilien, wir hatten auch mehr Fans in Deutschland im Stadion in Recife. Und die sind schon emotional dabei. Sie haben verstanden, dass der Fußball das braucht.