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Wolfsburg - "Wir haben zwei Mal 45 Minuten ein Spiel gesehen, dass ich meinen sehbehinderten Zuschauern nicht schönreden konnte", beschrieb Paul Beßler in einem Gespräch mit bundesliga.de seinen Job beim .

Der Sehbehinderten-Reporter hätte sich seine Kommentare auch sparen können. Am Samstagnachmittag hätte es durchaus genügt, Ohrenzeuge beim Geschehen in der Volkswagen Arena zu sein. Bereits nach 15 Minuten gab es Pfiffe gegen die "Wölfe".

Zehn Minuten später war den Fans der Kick ihrer Mannschaft völlig egal geworden. "Europapokal, Europapokal..." und "Deutscher Meister VfL..." schwelgten die Fans ironisch in vergangenen Zeiten. Aber auch das Sich-Selbst-Feiern wird irgendwann langweilig. Ab der 30. Minute sah das Publikum dem Geschehen auf dem Rasen mit schweigendem Entsetzen zu. Zu hören waren nur die rund 70 angereisten Hoffenheim-Fans.

Fünf Minuten nach Wiederanpfiff ein weiterer Versuch der Anhänger der Grün-Weißen: "Wir woll'n euch kämpfen seh'n, wir woll'n euch kämpfen seh'n..." forderten sie das Minimum an Arbeitseinsatz von den Berufsfußballern.

Jubiläum geht in die Hose

Der Appell verhallte im Nichts - und so hatten die Fans nach einer Stunde Spielzeit "die Schnauze voll". Selbst der Ausgleich durch einen von Patrick Helmes verwandelten Foulelfmeter in der 69. Minute wurde zwar eher instinktiv bejubelt, aber Hoffnung ließ der Treffer nicht aufkommen. Weitere Anfeuerungsrufe blieben aus. Verabschiedet wurden die Gastgeber mit einem gellenden Pfeifkonzert.

"Die Fans haben das Recht, kritisch zu sein, wenn's nicht läuft", zeigte Felix Magath nach der "verdienten Niederlage" Verständnis für die Unmutsäußerungen: "Das war vielleicht das schlechteste Spiel der Saison." Dabei hatten sich die Norddeutschen das Jubiläum des 250. Heimspiels ihrer Bundesliga-Geschichte keineswegs nicht vorgestellt.
"Die Unsicherheit nach dem schnellen 0:1 haben wir das ganze Spiel mitgeschleppt", sah der Trainer als Hauptgrund für die Niederlage. "Da helfen solche Reaktionen der Mannschaft nicht."

"Wollten Reaktion zeigen"

Dabei hatten sich die "Wölfe" "nach Schalke so viel vorgenommen", wie Askhan Dejagah verriet: "Ich bin traurig und enttäuscht. Wir haben nicht eine Minute gezeigt, was wir können." Enttäuscht war auch Diego Benaglio. "Wir wollten eine Reaktion zeigen nach dem Spiel gegen Schalke. Das Spiel war ein Schritt zurück. Ich kann mir das nicht erklären. Die ersten drei Spiele der Rückrunde hatte ich das Gefühl, es geht voran. Aber die letzten beiden Spiele...", war der Keeper ratlos. Die Verunsicherung in Wolfsburg ist groß. Das mit nur vier Punkten schwächste Auswärts-Team der Liga schwächelt nun auch auf heimischem Rasen. Und Magath hat auch nach 23 Spielen seine Formation noch nicht gefunden.

Top-Torschütze Mario Mandzukic fand sich gegen die Hoffenheimer auf der Tribüne wieder, der schon ausgemusterte Patrick Helmes durfte erstmals seit dem 1:3 bei seinem Ex-Club Bayer Leverkusen am 1. Oktober wieder das grüne-weiße Trikot überstreifen. Insgesamt hatte Magath seine Startelf auf vier Positionen gegenüber dem 0:4 auf Schalke geändert. Besondere Probleme bereitet dem 58-Jährigen die Position des zweiten "Sechsers" neben Petr Jiracek.

Auf der Suche nach dem "Sechser"

Fünf verschiedene Profis hatte Magath in den ersten fünf Spielen der Rückrunde auf dieser Position ausprobiert. Gegen Hoffenheim durfte Magaths Musterschüler aus dem Meisterjahr, Josue, zum zweiten Mal ran. "Josue ist immer eine Lösung", so so der Coach auf die Frage von bundesliga.de, ob Josue die Lösung nach den fünf Versuchen sei oder ihm ganz einfach die Alternativen ausgegangen seien.

"Ich war mit seiner Leistung zufrieden", so Magath weiter. Gesetzt sei der Brasilianer aber nicht. "Jan Polak ist leider verletzt. Ich glaube, er ist der beste Partner für Jiracek. Die beiden können sich auf tschechisch verständigen."

In Wolfsburg geht die Angst vor einem erneuten Abstiegskampf um. Das Spiel beim 1. FC Kaiserslautern (Platz 17) ist für Benaglio richtungweisend. "Wir müssen gucken, dass wir schnellstens die Kurve kriegen", so der Torwart. Das wünscht sich auch Paul Beßler. Gern würde der Sehbhinderten-Reporter "meinen acht bis zehn Zuhörern" wieder mal eine schöne Partie schildern.

Aus Wolfsburg berichtet Jürgen Blöhs