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Mönchengladbach - Das Erbe, das Josip Drmic bei Borussia Mönchengladbach antritt, hat es in sich. Der Schweizer Nationalstürmer soll Max Kruse ersetzen, der in den vergangenen zwei Jahren bei Borussia wegen seiner großen Effizienz gesetzt war. Im launigen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Drmic über seine Eingewöhnungsphase, über die Zusammenarbeit mit Trainer Lucien Favre und über den Traum Champions League.

bundesliga.de: Herr Drmic, seit etwa drei Wochen sind Sie Borusse. Wie haben Sie sich eingelebt?

Josip Drmic: Schon mein allererster Eindruck war sehr positiv. Ich bin von allen herzlich empfangen worden, jeder hat mir sofort das Gefühl gegeben, dass man sich freut, dass ich hier bin. Zudem trainieren wir auch in der Vorbereitung meist mit dem Ball, das kommt mir sehr entgegen (lacht). Und ich habe große Freude daran, mit diesen Jungs zu trainieren: Hier kann wirklich jeder richtig gut kicken. Ja, man kann sagen, dass ich rundum glücklich bin bei Borussia.

"Sogar die Kämpfertypen haben es drauf"

bundesliga.de: „Hier kann jeder richtig gut kicken“: Ist das so ungewöhnlich, bzw. war das z. B. in Leverkusen nicht der Fall?

Drmic: Das will ich damit nicht sagen. Auch in Leverkusen gibt es tolle Fußballer. Aber mir ist nun einmal aufgefallen, dass bei Borussia alle richtig gut zocken können. Hier ist jeder technisch brutal versiert, sogar die Kämpfertypen haben es drauf. Vielleicht fällt das jemandem, der die Jungs jeden Tag erlebt, gar nicht mehr so sehr auf. Wenn man aber ganz neu hierher kommt und dann das erste Mal gemeinsam auf dem Rasen steht, denkt man sofort: „Diese Jungs können wirklich mit der Kugel umgehen“.

bundesliga.de: Solches Lob hören Ihre Kollegen sicherlich sehr gerne. Das Vorsingen, ein beliebtes Aufnahmeritual für die Neuen, hat man Ihnen dennoch nicht erspart...

Drmic: Nein, das ist mir nicht erspart geblieben (lacht). Im Trainingslager musste ich nach dem Abendessen auf einen Stuhl klettern und vor versammelter Mannschaft ein Lied zum Besten geben. Nicht wirklich meine Stärke und kein besonders gutes Gefühl (lacht). Etwas erträglicher wurde es nur, weil ich ein kroatisches Lied gewählt habe. So wollte ich vermeiden, dass die Jungs merken, wenn ich einen Fehler mache, weil ich den Text nicht richtig kenne. Das hat ganz gut funktioniert, war aber auch dringend notwendig. Denn natürlich habe ich ein paar Fehler gemacht (lacht).

bundesliga.de: Wie war es vor dem ersten Trainingsspielchen: Überlegt man sich als Neuer vorher, wie man die richtige Mischung hinbekommt zwischen engagiert auf der einen, aber nicht zu übermütig auf der anderen Seite?

Drmic: Nein. Ich habe einfach versucht, authentisch zu sein und mich nicht zu verstellen. Auf jeden Fall sollte man vermeiden, gleich beim ersten Mal die tollsten und kompliziertesten Hackentricks zeigen zu wollen. Das kommt bei keinem gut an, und wenn es vielleicht auch noch schief geht, ist es besonders peinlich. Nein, ich habe mir ganz einfach gesagt „Josip, mach’ dein Spiel und tu’ einfach nur das, was der Trainer sagt!“.

bundesliga.de: Sind Sie anfangs grundsätzlich eher etwas zurückhaltend?

Drmic: Stimmt schon. Ich brauche ein wenig Zeit, um mich an alles und alle zu gewöhnen. Deshalb wirke ich anfangs auf den einen oder anderen vielleicht etwas distanziert. Aber wie schon gesagt, hier hat man mir das Eingewöhnen unglaublich leicht gemacht. Da gab es keinen Grund, wirklich nervös zu sein. Zudem haben mir Granit (Xhaka; d. Red.) und Yann (Sommer; d. Red.) sehr geholfen.

bundesliga.de: Welche Rolle hat bei Ihrer Entscheidung für die Borussia gespielt, dass Sie hier auf eine ganze Reihe Schweizer Landsleute treffen?

Drmic: Ich würde sagen, dass das für meine Entscheidung durchaus eine große Rolle gespielt hat, gleichzeitig aber auch ein sehr angenehmer Nebeneffekt ist. Ich wollte unbedingt zur Borussia. Das Wissen, dass mit Yann und Granit hier Landsleute und Spieler sind, die ich aus der Nationalmannschaft gut kenne, hat mir die Entscheidung aber noch leichter gemacht. Es ist einfach klasse, solche guten Typen um sich zu haben und mit ihnen arbeiten zu dürfen.

bundesliga.de: War einer von beiden Ihr Zimmergenosse im Trainingslager?

Drmic: Nein, dort habe ich mir das Zimmer mit Roel Brouwers geteilt.

Roel ist auch ein ganz feiner Kerl. Ich mag ihn sehr. Er hat sehr viel Erfahrung und ist schon lange in Gladbach. Auch das hat mir geholfen.

"Zehn Tore sollten es schon sein"

bundesliga.de: Kommen wir noch einmal auf die Schweizer zurück.

Mit Xhaka, Sommer, Elvedi, Sow Ihnen und Trainer Lucien Favre sind Sie nun schon zu Sechst bei Borussia. Überhaupt haben in den vergangenen Jahren immer mehr Eidgenossen den Weg in die Bundesliga gefunden, etwa Bürki, Hitz, Rodriguez, Mehmedi, Schär oder Seferovic, um nur einige zu nennen. Wie erklärt sich dieser Schweizer Fußball-Boom?

Drmic: Ich glaube, dass die Jugendarbeit und Jugendförderung in der Schweiz ein sehr hohes Niveau haben und jungen Menschen, die Fußball-Profi werden wollen, eine Super-Ausbilddung garantieren. Mit dem 92er-Jahrgang (zu dem neben Drmic z. B. auch Xhaka, der Wolfsburger Ricardo Rodriguez und der Frankfurter Haris Seferovic gehören; d. Red.) haben wir einen ganz besonders guten Jahrgang, aus dem sehr viele starke Spieler hervorgegangen. Und vielleicht hat uns auch der liebe Gott ein wenig beschenkt (schmunzelt). Ich glaube sogar, dass wir Schweizer eine eigene Mannschaft in der Bundesliga stellen könnten. Eine, die eine richtig gute Rolle spielen würde.

 

bundesliga.de: Als Sie vor zwei Jahren in die Bundesliga, zum 1. FC Nürnberg, wechselten, wurden Sie gleich drittbester Torschütze, während Sie dann in Leverkusen wegen weit geringerer Einsatzzeiten „nur“ sechsmal trafen. Was haben Sie sich diesmal vorgenommen?

Drmic: Wenn man öffentlich eine Quote nennt, die man erreichen möchte, die aber - aus welchen Gründen auch immer - verfehlt, gerät man schnell in Erklärungsnot. Trotzdem setze ich mir vor jeder Saison ein Ziel. Und zehn Tore sollten es schon sein. Wir werden sehen...

"Ich verstehe Favres Äußerung als Kompliment"

bundesliga.de: Das Erreichen dieses Ziels hängt auch davon ab, wie schnell Sie verinnerlichen, was Favre von einem Stürmer verlangt. Gerade hat er allerdings nach einem Testspiel gesagt, dass Sie noch viel lernen müssten. Was genau meint er?

Drmic: Ich denke, dass es bei mir noch Einiges zu verbessern gibt. Technisch und taktisch muss ich auf jeden Fall noch dazu lernen. Wie heißt es so schön: Ein Rohdiamant muss erst noch geschliffen werden, um seine ganze Pracht entfalten zu können (lacht). Nein, ernsthaft, man kann und sollte doch in jedem Alter noch dazu lernen. Und ich möchte noch sehr, sehr viel lernen von Lucien Favre. Ich bin überzeugt, dass wir eine sehr gute, fruchtbare Zusammenarbeit haben werden.

bundesliga.de: Waren Sie dennoch ein wenig enttäuscht, dass der

Trainer sich öffentlich so deutlich geäußert hat?

Drmic: Überhaupt nicht! Im Gegenteil: Ich verstehe das sogar als eine Art Kompliment und als Hilfestellung. Mir ist sehr wichtig, dass der Trainer mir sagt, wenn ich etwas falsch mache bzw. was ich ändern muss. Ich hatte in der Vergangenheit auch schon Trainer, die kaum mit mir gesprochen und mich mehr oder weniger ignoriert haben.

bundesliga.de: Wie interpretieren Sie selbst Ihre Stürmerrolle?

Drmic: Ich sehe mich als zentrale Spitze, als Strafraumstürmer, weiß aber auch, dass ich meine Rolle hier verändern und anpassen muss. Denn Borussia hat in den vergangenen Jahren mit einem etwas anderen Stürmertyp gespielt, der sich immer wieder zurückfallen lässt, besser ins Spiel eingebunden ist und auch viel nach hinten arbeitet. Das zu verinnerlichen ist jetzt meine Aufgabe. Und ich glaube, dass wir dann gemeinsam sehr viel erreichen können.

"Wir spielen nicht nur Champions League, weil das Gefühl so schön ist"

bundesliga.de: Eine Aufgabe lautet Champions League, und Sie sind einer der wenigen Borussen, der auf diesem Terrain schon Erfahrung hat. Beschreiben Sie bitte das Gefühl dort zu spielen?

Drmic: Das ist ein großartiges Gefühl. Ein sehr schönes Gefühl, das ich jedem wünsche, der Fußball-Profi ist. Wenn die Hymne erklingt, bekomme ich noch immer jedes Mal eine Gänsehaut. Und das Gute ist, dass wir dieses Gefühl dank der Gruppenphase mindestens sechsmal erleben dürfen. Da ist selbst eine Niederlage kein Beinbruch und bedeutet nicht gleich das Aus. Ich will jeden Moment genießen und freue mich auch riesig für unsere Fans, die auf die Champions League brennen.

bundesliga.de: Wie sähe für Sie eine Wunschgruppe aus ganz großen Namen und lösbaren Aufgaben aus?

Drmic: Ganz ehrlich, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht - mit einer Ausnahme: Ich würde alles dafür geben, einmal im Camp Nou gegen Barca spielen zu dürfen. Zwar würde es dort wahrscheinlich wahnsinnig schwierig für uns. Dieses Erlebnis, einmal gegen die Besten der Welt anzutreten und von ihnen zu lernen, das könnte uns aber niemand mehr nehmen! Aber keine Sorge, wir spielen nicht nur Champions League, weil das Gefühl so schön ist. Wir werden richtig Vollgas geben und alles daran setzen weiterzukommen. Die meisten Gegner kennen uns noch nicht, und vielleicht gelingt uns ja die eine oder andere Überraschung.

bundesliga.de: Auch in der Bundesliga bekommt es Borussia zum Start mit einem Schwergewicht zu tun, dem BVB. Wie groß ist Ihre Hoffnung in der Startelf zu stehen?

Drmic: Es macht keinen Sinn, darüber bereits jetzt nachzudenken. Ich habe auch überhaupt keine Ahnung, wie der Trainer darüber denkt. Einen Fingerzeig gibt es bis jetzt jedenfalls noch nicht. Das ist aber kein Problem für mich. Ich werde jedenfalls alles dafür tun, dass ich am 15. 8. in jeder Hinsicht bereit bin für Borussia!

Das Gespräch führte Andreas Kötter