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München - Acht Spieltage sind gespielt. Spätestens jetzt ist erkennbar, wo es für die Teams in dieser Saison hingeht. Sind die Bayern unaufhaltbar? Wie lange hält der Höhenflug von Bremen und Gladbach an? Kommt Dortmund wieder zu alter Stärke zurück? Und ist der HSV mit seiner Weisheit am Ende?

bundesliga.de hat sechs hochkarätige Experten mit Bundesligaerfahrung nach ihrer Meinung zu den Aussichten der Top-3, Meister BVB und dem Schlusslicht aus Hamburg befragt - und dabei keineswegs einhellige Antworten erhalten. Rainer Bonhof, Youri Mulder, Klaus Augenthaler, Andi Möller, Klaus Toppmöller und Mirko Votava schätzen die Teams ein.

Kann die Bayern noch jemand stoppen?

Rainer Bonhof: Wenn sie keine langwierige Verletzungen haben, wird es ein Bayern-Jahr werden. Die Präsentation nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in der Champions League ist ja schon erschreckend. Wenn die Leistungsträger also gesund bleiben, wird da nichts mehr passieren.

Youri Mulder: Es wird schwierig, die Bayern noch von Platz eins zu stoßen. Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen sind schon etwas zurück. Vielleicht gelingt Schalke die Überraschung.

Klaus Augenthaler: Borussia Dortmund kann den Bayern noch gefährlich werden. Zwar haben sie den Bayern die Favoritenrolle zugeschoben, doch insgeheim werden sie sich auch noch etwas ausrechnen. Bremen, Schalke und Leverkusen habe ich auch noch auf dem Zettel. Ich hoffe generell für die Bundesliga, dass das Meisterrennen spannend bis zum Schluss bleibt und nicht schon frühzeitig entschieden wird.

Andreas Möller: Wenn alles normal läuft, ist Bayern München der große Meisterschaftsfavorit. Sie können sich nur selbst schlagen. Ich sehe keine Mannschaft, die eine solche Spielkultur hat und ähnliche Leistungen abruft. Sie sind sehr stark.

Klaus Toppmöller: Absolut nein. Die Bayern sind im Moment eine Klasse für sich. Wenn man zum Beispiel das Spiel gegen Villarreal nimmt, die eine sehr gute Mannschaft haben: Dort haben sie ganz locker und leicht gewonnen. Das ist europäische Spitzenklasse.

Mirko Votava: Für jede andere Liga in Europa würde ich sagen: Der Meisterschaftszug ist sicherlich schon abgefahren. Aber in der Bundesliga ist alles möglich, da bei uns der Tabellenletzte immer auch den Spitzenreiter schlagen kann.

Schafft es Bremen zurück in die Champions League?

Bonhof: Da kann man eine kleine Parallele mit Gladbach ziehen. Sie hatten in der vergangenen Saison ebenfalls Probleme in der Defensive, bedingt durch große Verletzungssorgen. Jetzt sind wieder die meisten Leistungsträger zurück - und Werder ist wieder in der Spur. Die Champions League zu erreichen, ist sicher das Ziel der Bremer, da sie dort über Jahre zuhause waren. Da wollen sie wieder hin und sie werden alles daran setzen, es zu schaffen. Und so wie sie momentan auftreten, glaube ich schon, dass das realistisch ist.

Mulder: Die Bremer dürfen stolz auf sich sein. Trotz der schlechten vergangenen Spielzeit haben sie Ruhe bewahrt. Das zahlt sich jetzt aus. Ich denke schon, dass sie am Ende der Saison einen Champions-League-Platz belegen werden.

Augenthaler: Ich denke, sie sind wieder stabil. Nun ist Naldo wieder fit und wenn sich Pizarro nicht verletzt, dann werden sie unter die ersten Drei kommen.

Möller: Nein, das glaube ich nicht. Aber Bremen hat sich nach dem schlechten Jahr wieder stabilisiert. Sie zeigen wieder sehr starke Leistungen. Es hat sich wieder einmal bewährt, dass der Verein die Ruhe bewahrt und ganz normal weitergearbeitet hat. Sie haben wieder die Erfolgserlebnisse und gute Chancen, sich für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren.

Toppmöller: Ich bezweifle, dass Bremen so weit oben landet, denn sie sind zu unbeständig.

Votava: Die Mannschaft steht nach einer enttäuschenden Saison wieder gut da. Es wäre sehr wichtig, dass wir uns wieder für das europäische Geschäft qualifizieren. Wenn es die Champions League wird, umso besser.

Kann Gladbach sein Niveau halten?

Bonhof: Ich denke schon. Es werden zwar mal Rückschläge kommen, aber die werden wir verarbeiten. In der Mannschaft steckt mittlerweile die Überzeugung der eigenen Leistungsstärke - und zwar im Kopf eines jeden einzelnen Spielers. Und dann sehen wir mal, was am Ende dabei heraus kommt. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass der Verein und die gesamte Bevölkerung hochgradig über die Stuation erfreut sind.

Mulder: Ja. Gladbach spielt unter Lucien Favre einen tollen Fußball mit einer guten Organisation. Für die ganz vorderen Plätze wird es nicht reichen, aber ich glaube, dass sie einen Platz in der oberen Tabellen-Hälfte erreichen werden.

Augenthaler: Das Niveau werden sie sicherlich nicht halten, aber es ist schon sensationell, was dort entstanden ist. Aus einer fast aussichtslosen Situation wurde der Klassenerhalt noch geschafft und nun dieser tolle Start. Favre hat ja auch schon vor der hohen Erwartungshaltung gewarnt. Sie werden ins ruhige Fahrwasser kommen und einen guten Mittelfeldplatz belegen.

Möller: Ich freue mich für die Fans, dass die Borussia nach so vielen Jahren wieder oben mitmischt. Das ist ein sehr sympathischer Club. Sie haben nach dem guten Start schon sehr viele Punkte gesammelt und müssen jetzt dranbleiben und durchhalten. Dann ist vieles möglich.

Toppmöller: Absolutes Kompliment an Lucien Favre, der hier wirklich etwas auf die Beine gestellt hat. Gladbach traue ich durchaus zu, am Ende in die Europa-Leauge-Ränge zu kommen.

Votava: Vielleicht war Gladbach in der vergangenen Saison ja auch schon so stark, hatte aber nur einen schlechten Lauf? Entscheidend wird sein, dass die Borussia von personellen Rückschlägen verschont bleibt. Sollten wichtige Spieler ausfallen, wird das schwer zu kompensieren sein. Das kann in der Bundesliga fast nur der FC Bayern.

Wo landet der Meister?

Bonhof: In der letzten Saison war Dortmund unbeschwert und ist dann Meister mit einem Hurra-Stil geworden, an dem sich wirklich jeder ergötzt hat. Jetzt kommt der BVB als Titelverteidiger daher und wird von jedem gejagt. Ich denke aber, dass die Dortmunder auch das bald in den Griff bekommen und in der Spitzengruppe mitmischen werden.

Mulder: Dortmund wird auf einem der ersten vier Plätze landen. Aber nach einer solch grandiosen Saison ist es immer schwierig, diese Leistungen in der darauffolgenden Spielzeit auch zu bestätigen. Mit der Champions League kommt zudem eine zusätzliche Belastung hinzu.

Augenthaler: Sie werden auch wieder vorne mitspielen und am Ende einen Champions-League-Platz belegen.

Möller: Die Qualifikation für Europa wäre eine tolle Leistung. Die Mannschaft ist immer noch sehr jung und sammelt gerade wichtige Erfahrungen, auch international. Sie harmoniert gut. Ich weiß nicht, ob es wieder für die Champions League reicht, aber es ist möglich. Ich sehe die Borussia auf einer Stufe mit Leverkusen.

Toppmöller: Dortmund wird auf Platz 3 landen. Der BVB hat eine fantastische Mannschaft, die richtig Spaß macht, aber sie sehen, wenn so ein Mann wie Mario Götze ausfällt, verliert man auch mal zwei, drei Spiele in Folge. Deshalb ist das alles ein bisschen abhängig von Sperren oder Verletzungen. Ich hoffe, dass die sympathische Mannschaft in der nächsten Saison wieder international vertreten ist.

Votava: Die jungen Spieler müssen sich in dieser Saison beweisen. Die Gegner gehen in der Bundesliga ganz anders gegen den Meister vor. Jede Mannschaft geht da über die Grenzen hinaus. Von daher wäre beim BVB die Teilnahme am Europapokal auch wieder ein Erfolg.

Kann der HSV den ersten Abstieg vermeiden?

Bonhof: Der HSV wird wieder auf die Beine kommen. Als wir neulich in Hamburg gespielt haben, habe ich die Bundesliga-Uhr gesehen, die anzeigt, wie lange der HSV schon in der Bundesliga dabei ist. Da stehen ja unendliche Tage drauf! Und ich bin mir sicher, dass die Uhr nicht angehalten werden muss.

Mulder: Der HSV hat in diesem Sommer viele Talente geholt, es gibt nur wenige Spieler wie Westermann oder Petric mit großer Erfahrung. Aber es sind noch viele Partien zu bestreiten, die Hamburger werden den Klassenerhalt auf jeden Fall schaffen.

Augenthaler: Der HSV wird mit dem Abstieg nichts zu tun bekommen und wird im gesicherten Mittelfeld landen. Es sind noch so viele Spiele zu bestreiten und in den vergangenen beiden Partien war schon ein Leistungsanstieg zu erkennen. Sie brauchen nur ein Erfolgserlebnis.

Möller: Ich habe das HSV-Spiel gegen Schalke gesehen und bin mir sicher, dass der HSV nicht absteigen wird. Sie werden sich im Mittelfeld etablieren. Aber es wird ein Kraftakt. Sie müssen den abstürzenden Aufzug stoppen. Der Kader hat die Qualität.

Toppmöller: Ich hoffe, dass der Abstieg vermieden werden kann. Frank Arnesen, der Jugendkoordinator bei Chelsea war, kennt die Bundesliga noch nicht so gut. Ich kann nur beten und hoffen, dass der HSV in der Bundesliga bleibt. Aber der Glaube daran fehlt mir.

Votava: Jetzt sind Typen gefragt, die die jungen Spieler führen. Nach acht Spieltagen sollte man noch nicht von Abstieg reden. Jetzt muss der HSV Gas geben und in einen positiven Lauf kommen. Die Spiele müssen gewonnen werden, egal wie. Dann kommen die Hamburger da auch wieder raus.



Die Experten-Interviews:

Klaus Augenthaler über Bayern München

Rainer Bonhof über Borussia Mönchengladbach

Andreas Möller über Borussia Dortmund

Youri Mulder über Schalke 04

Klaus Toppmöller über Bayer Leverkusen

Mirko Votava über Werder Bremen