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Rottach-Egern - Er ist gerade erst 24 Jahre alt und doch schon einer der ganz erfahrenen Spieler bei Borussia Mönchengladbach. Im Interview mit bundesliga.de spricht Tony Jantschke über schöne und weniger schöne Trainingslager, über die Erziehungsmethoden der Älteren und über die neue alte Rolle von Weltmeister Christoph Kramer.

bundesliga.de: Herr Jantschke, Trainingslager sind für Sie nach sechs Jahren bei Borussia Mönchengladbach längst Alltag. Empfindet man diese Zeit als lästige Routine oder doch eher als gelungene Abwechslung?

Tony Jantschke: Viel kommt auf die Umgebung an. Auf das Trainingslager und das Hotel am Tegernsee, das wir jetzt bereits zum dritten Mal besuchen, freut man sich sogar immer wieder. Das Hotel ist sensationell, der See und die Umgebung sind wunderschön, und die Trainingsbedingungen sind auch hervorragend! Wenn aber die Gegebenheiten mal nicht so optimal sind oder das Wetter nicht mitspielt wie vor einigen Jahren in der Türkei, als es tagelang wie aus Eimern geschüttet hat, dann könnte man auf diese Veranstaltung ganz gut verzichten (lacht).

bundesliga.de: Fällt Ihnen nach einer längeren Sommerpause der Einstieg ins Training sehr schwer?

Jantschke: Nein. Wir bekommen am Ende einer Saison Trainingspläne für den Urlaub, sodass man später nicht völlig unvorbereitet ins Training einsteigt. Dass es am Beginn einer Saisonvorbereitung auch mal etwas mehr weh tun kann, ist aber normal.

bundesliga.de: Wie sieht ein typisches Trainingslager bei Borussia aus? Lässt Lucien Favre hier schon an taktischen Details feilen oder steht die Ausdauer noch im Vordergrund?

Jantschke: Das hängt ein wenig davon ab, wann im Verlauf der Vorbereitung das Trainingslager stattfindet. Ist es eher früher angesetzt, finden sich im Programm immer wieder auch Laufeinheiten. Aktuell sind wir in der dritten Woche der Vorbereitung, da gehören das Laufen und die Konditionsarbeit einfach noch dazu. Zum Glück ist Lucien Favre aber ein Trainer, der sehr viel mit dem Ball arbeiten lässt. Und das mögen die Spieler natürlich.

"Ich laufe sehr gerne"

bundesliga.de: Ein Boulevardblatt hat gemeldet, Favre sei „so hart wie nie“. Ist das mehr als mediale Übertreibung?

Jantschke: Der Trainer ist hart, aber das war er die vergangenen dreieinhalb Jahre auch. Und ich glaube, dass wir stets gezeigt haben, dass wir eine sehr fitte Mannschaft sind.

bundesliga.de: Manche Spieler scheuen die härteren Laufeinheiten regelrecht, sie dürften dazu aber kaum gehören...

Jantschke: Nein, ich laufe eigentlich sehr gerne, zum Beispiel auch im Urlaub, wenn ich gar nicht müsste. Allerdings hat sich mein konditioneller Zustand ein wenig verändert, seit ich in der Innenverteidigung spiele und nicht mehr auf Außen die Linie hoch und runter rennen muss. Das macht sich wirklich bemerkbar. Im Training laufe ich nun nicht mehr in der ersten Gruppe, sondern in der zweiten. Für die erste reicht es einfach nicht mehr (lacht). Na ja, aber wenn ich wieder fünfmal auf Außen spielen würde, würde sich das sicher wieder ändern.

bundesliga.de: Ein Trainingslager bietet den neuen Spielern die Chance sich zu profilieren. Achtet ein alter Fuchs wie Sie ganz besonders darauf, wie vorwitzig oder vielleicht auch zurückhaltend einer ist?

Jantschke: Ich glaube nicht, dass die Neuen bei uns kritisch beäugt werden. Eher schon ist es ein gegenseitiges Abtasten, bei dem man herausfinden möchte, wie der andere tickt. Dafür bietet sich ein Trainingslager in der Tat an, weil man ja tagelang zusammen ist. Wenn man ein paar Wochen aufeinander hockt, bekommt man die etwaigen Macken des anderen irgendwann mit.

bundesliga.de: Wie ist diesbezüglich Ihr Eindruck von den Neuen?

Jantschke: Traoré, Hahn, Hazard - das sind Spieler, die uns vor allem im Bereich Schnelligkeit einen echten Push geben können. Vor allem aber sind alle Neuen nette Kerle, mit denen man auch Spaß haben kann. Und das ist im Trainingslager ganz besonders wichtig.

bundesliga.de: Ein Erfolgsfaktor für den WM-Titel der deutschen Nationalmannschaft soll gerade der Zusammenhalt im Trainingslager gewesen sein...

Jantschke: Stimmt, viele Medien schreiben jetzt, wir hätten den Titel gewonnen, weil die Jungs in den sechs, sieben gemeinsamen Wochen zu einer echten Einheit geworden wären. Aber mal ganz ehrlich: Ich glaube, dass die deutsche Nationalmannschaft diesbezüglich in den vergangenen Jahren noch nie ein Problem hatte. Ausnahme vielleicht 2000...

bundesliga.de: ...bei der EM in Belgien und den Niederlanden...

Jantschke: Ja. Alles aber, was ich - ob nun als Fan oder als einer, der viele Beteiligte kennt - über die Weltmeisterschaften 2006 und 2010 oder die Europameisterschaften 2008 und 2012 gehört habe, sagt mir, dass unsere Mannschaft immer eine Einheit war. 2008 haben wir das Finale gegen Spanien ganz sicher nicht verloren, weil der Teamgeist nicht gestimmt hätte, sondern weil die Spanier die bessere Mannschaft waren. Und 2014 sind wir deshalb Weltmeister geworden, weil wir durch die Bank weg auf überragende Spieler setzen konnten. Bei dieser Mannschaft ist richtig, richtig viel Qualität im Vergleich zu anderen Teams.

"Ich bin vom alten Schlag"

bundesliga.de: Wird Christoph Kramer als Weltmeister nach seiner Rückkehr einen anderen Status im Borussen-Team haben?

Jantschke: Ich glaube, nein. Wir freuen uns selbstverständlich alle für ihn, er hat das ohne Frage toll gemacht. Aber Christoph ist Realist genug, um zu wissen, dass ihm das hier nicht weiterhilft (lacht). Unseren Trainer interessiert das überhaupt nicht, und so muss das auch sein. Die WM ist das eine, die Bundesliga das andere. Einen Bonus gibt es da zu null Prozent.

bundesliga.de: Geht man sich nicht auch schon mal auf die Nerven, wenn man wochenlang zusammen ist?

Jantschke: Klar, das kann passieren, dass dir der eine oder andere mal auf die Nerven fällt. Aber dann geht man sich eben abseits des Trainings eine zeitlang aus dem Weg. In einer Fußball-Mannschaft ist es nicht anders als überall, wo Menschen zusammenkommen. Mit dem einen kommst du besser klar, mit dem anderen vielleicht nicht ganz so gut.

bundesliga.de: Wer sind die Spieler, mit denen Sie in der Freizeit häufiger zusammen sind?

Jantschke: Das sind die älteren Spieler, wie mein Zimmerkollege Christofer Heimeroth, und wie Martin Stranzl, Filip Daems, Thorben Marx oder Roel Brouwers. Wir sitzen zum Beispiel auch beim Essen zusammen an einem Tisch.

bundesliga.de: Obwohl Sie schon ein erfahrener Bundesliga-Spieler sind, sind Sie selbst gerade erst 24 Jahre alt. Woher kommt diese Affinität zu den älteren Spielern?

Jantschke: Die Frage habe ich mir selbst auch schon wiederholt gestellt. Ich vermute, dass es damit zusammenhängt, dass mich damals, als ich aus der zweiten Mannschaft zu den Profis kam, gerade die älteren Spieler wie Oliver Neuville und Thomas Kleine gefördert haben.

bundesliga.de: Wie sah diese Förderung aus?

Jantschke: Die sah so aus, dass sie mich regelmäßig angemeckert haben (lacht). Wenn wir damals ein Trainingsspiel hatten, war für Oliver Neuville immer ich der Schuldige, wenn wir verloren hatten. Dabei war es völlig egal, ob das Gegentor über meine Seite gefallen war oder über die andere - für Olli war immer ich schuld. So lernt man (lacht). Das hat mich geprägt, und wahrscheinlich denke ich deshalb heute, dass ich selbst schon zur älteren Generation gehöre.

bundesliga.de: Okay. Und wer wird heute von Ihnen angemeckert?

Jantschke: Ich mache beim Meckern keinen Unterschied zwischen Jung und Alt (lacht). Heute läuft doch ohnehin alles ein wenig anders. Wenn einer früher mit 23 in der Bundesliga Stammspieler war, war das ein Phänomen. Heute aber spielen 18-, 19-jährige regelmäßig. Und wenn junge Spieler nachrücken, ist es längst nicht mehr selbstverständlich, dass die auch das Tor oder die Bälle tragen. Früher musste der Trainer überhaupt nicht sagen „Holt mal das Tor“ - die Jungen sind schon vorher losgeflitzt. Heute dagegen wird erst diskutiert, bis sich mal ein paar Spieler in Bewegung setzen. Die heutige Generation ist eben anders, während ich trotz meiner jungen Jahre noch beziehungsweise schon vom alten Schlag bin (lacht).

Das Gespräch führte Andreas Kötter