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Hannover - Trotz der Niederlage beim starken Aufsteiger aus Paderborn hat Hannover 96 einen ordentlichen Saisonstart hingelegt. Im Interview mit bundesliga.de spricht Cheftrainer Tayfun Korkut über seine eigenen Erfahrungen als Profi in Spanien und in der Türkei.

Er lässt sein erstes halbes Jahr als Trainer einer Profi-Mannschaft Revue passieren und er gewährt einen tiefen Einblick in sein Innenleben.

bundesliga.de: Herr Korkut, Sie haben einmal in einem Interview gesagt: „Wie wichtig man ist, hängt von einem selbst ab“; ein Satz, der das Zeug zum geflügelten Wort hat.

Tayfun Korkut: In welchem Zusammenhang habe ich das gesagt?

bundesliga.de: Sie waren damals Co-Trainer der türkischen Nationalmannschaft und betonten, wie sehr Sie sich über Jahre auf die Rolle im Profi-Bereich vorbereitet hätten...

Alles für den Erfolg mit 96 geben

Korkut: Ich habe die feste Überzeugung, dass, wenn man über längere Zeit die richtigen Schritte macht und zielgerichtet arbeitet, irgendwann eine Tür aufgeht. "Bereite Dich auf den Tag X vor, damit Du dann durch diese Tür gehen kannst“ - das ist meine Mentalität. So bin ich erzogen worden und später zunächst Profi geworden.

bundesliga.de: Experten waren Sie durchaus ein Begriff, dennoch war bei vielen die Überraschung groß, als Hannover 96 Sie im Winter als Cheftrainer verpflichtete.

Korkut: 96 hat mir im Winter die Möglichkeit gegeben, Bundesliga-Trainer zu werden. Ich wusste, dass es darum gehen würde, gut auf diese Situation vorbereitet zu sein. Ich kann nachvollziehen, dass meine Verpflichtung für viele überraschend war. Damit hatte ich überhaupt kein Problem. Die Leute haben vielleicht gedacht "Korkut hat nicht mal in der Bundesliga gespielt, wieso soll er der richtige Trainer für 96 sein?“.

bundesliga.de: In der Primera Division, der spanischen, und der SüperLig, der türkischen Liga...

Korkut: Ja. Damit aber war ich - medial betrachtet - in Deutschland nicht im Fokus. Da ist es ganz normal, dass es zunächst bei vielen Fragezeichen gibt.  Ich aber habe mir gesagt "Okay.Tayfun. Jetzt bekommst du die Chance, auf die du gewartet hast. Also ist es deine Pflicht, alles dafür zu tun, mit 96 erfolgreich zu sein“.

"Jeder weiß, wie schnelllebig dieses Geschäft ist"

bundesliga.de: Das ist Ihnen - trotz der Niederlage beim sehr starken Aufsteiger in Paderborn - bisher so gut gelungen, dass Ihr Präsident Martin Kind Ihre Arbeit wiederholt öffentlich gelobt hat. Bei einem Mann, der nicht gerade bekannt ist für große Gefühlsausbrüche, kommt das einem Ritterschlag gleich.

Korkut: Wenn wir von Martin Kind sprechen, sprechen wir zunächst einmal von einem ganz erfolgreichen Unternehmer mit einer starken Persönlichkeit. Dass er mich öffentlich lobt und von mir überzeugt scheint, spricht für sein Vertrauen in meine Arbeit. Dass dieses Vertrauen zudem aber auch in einer schwierigen Phase Bestand hat, hat sich in der vergangenen Saison nach dem verlorenen Spiel in Braunschweig gezeigt, als der Präsident dem gesamten Trainerteam wiederholt das Vertrauen ausgesprochen hat.

bundesliga.de: Manch anderer Bundesliga-Trainer dürfte von solchem Rückhalt nur träumen; kann das dennoch auch zur Last werden?

Korkut: Nein. Selbstverständlich weiß jeder, wie schnelllebig dieses Geschäft ist, und dass man auf Dauer abhängig ist von Ergebnissen. Wenn man aber jemanden hinter sich weiß, der nicht nur im Erfolgsfall lobt, sondern die Ruhe auch dann bewahrt, wenn es einmal schwierig wird, stärkt das enorm das eigene Selbstvertrauen. Dennoch bin ich mir bewusst, dass der Präsident mit seinem Lob auch eine Erwartungshaltung verbindet. So tickt er, darauf beruht sein eigener Erfolg. Das Leben ist und bleibt nun mal ein "Geben und Nehmen“. Das weiß ich, und damit komme ich sehr gut zurecht.

bundesliga.de: Nicht nur der Präsident, auch die Fachpresse lobt Sie und hat - vor der Niederlage in Paderborn - sogar einen "Angriff auf die Spitze“ prognostiziert; wer Sie aber in den vergangenen Monaten beobachtet hat, mag kaum glauben, dass so viel Euphorie in Ihrem Sinne ist?

Korkut: Ja, das stimmt. Ich weiß sehr wohl, dass es schnell auch wieder in die andere Richtung gehen kann. Deshalb ist es mir nicht Recht, wenn man uns als eine der Mannschaften nennt, die ganz oben angreifen könnte. So weit sind wir noch nicht. Das hat die unnötige Niederlage am Samstag in Paderborn gezeigt. Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass es bei uns vor ein paar Monaten noch ganz anders ausgesehen hat. Es ist häufig ein sehr schmaler Grat zwischen Selbstbewusstsein auf der einen und Selbstgefälligkeit und Übermut auf der anderen Seite. Zudem sollte man nicht vergessen, dass wir nach dem Umbruch im Sommer eine ganz neue Mannschaft stellen müssen.

"Jeder ist absolut leistungsbereit"

bundesliga.de: In der Tat mussten Sie im Sommer mit Ya Konan, Diouf, Huszti und Rudnevs die Offensivpower der vergangenen Spielzeiten ziehen lassen; sind Sie selbst ein wenig verblüfft, wie schnell der Umbruch gelungen scheint?

Korkut: Wenn man unsere Vorbereitung und die ersten Pflichtspiele betrachtet, wirkt es tatsächlich so, als wären wir bereits viel länger zusammen. Mir gefällt aber besonders, dass jeder Spieler sein Ego für den Erfolg der Mannschaft zurückstellt. Und dennoch gibt es einen gesunden Konkurrenzkampf, weil jeder absolut leistungsbereit ist.

bundesliga.de: Sie kennen die Psyche der Profis aus dem Effeff, weil Sie selbst auf höchstem Niveau gespielt haben; wie sehr hat Ihnen das z. B. geholfen, als es während der Vorbereitung bereits leise Zweifel an Joselu gab, Ihrem Königstransfer?

Korkut: Diese Erfahrungen helfen mir im täglichen individuellen Umgang mit den Spielern. Ich selbst hatte einerseits Trainer, die keine Ex-Profis waren, aber dennoch hervorragende Arbeit geleistet haben. Und ich hatte solche, die wie Joachim Löw oder Vicente del Bosque selbst auf höchstem Niveau gespielt haben. Zudem hatte ich - im Nachhinein darf ich das sagen - das große Glück, dass ich nicht nur, wie in der Türkei mit Fenerbahce, um Meistertitel gespielt habe, sondern, wie in Spanien, auch zwei Jahre gegen den Abstieg.

Für alle Spieler gelten dieselben Regeln

bundesliga.de: Gibt es dennoch Augenblicke, in denen Sie sich wünschten, Ihre Spieler nicht so gut zu verstehen, weil Verständnis einerseits Konsequenz andererseits im Weg stehen könnte?

Korkut: Nein, es geht immer nur um Struktur und Organisation. Und auch diesbezüglich hatte ich gute Vorbilder. Denn meine Trainer, die früher selbst Profis waren, hatten immer eine ganz klare Linie. Deshalb kommt es eigentlich kaum vor, dass ich einmal anfange zu grübeln oder zu zweifeln. Der Umgang mit dem einzelnen Spieler darf zwar durchaus individuell sein. Trotzdem müssen für alle jederzeit dieselben Regeln gelten. Anders ist Erfolg nicht möglich. Auch das habe ich von diesen Trainern gelernt.

bundesliga.de: Haben Sie bereits als Spieler ganz bewusst darauf geachtet, wie Weltmeister-Trainer wie Löw, del Bosque oder Carlos Alberto Parreira damals agiert haben?

Kontakt besteht zu del Bosque und Löw

Korkut: Ich meine, es waren vor allem die persönlichen Erfahrungen, die mich geprägt haben. Zum Beispiel dann, wenn man sich gefragt hat "Warum begründet mir der Trainer seine Entscheidung nicht, warum spricht er ausgerechnet heute nicht mir?“. Ich erinnere mich, dass ich in einem wichtigen Spiel nicht für die Startelf nominiert wurde, obwohl ich damit fest gerechnet habe.

bundesliga.de: Welche Gründe kann es dafür geben, einem Spieler seine Nichtnominierung nicht zu erklären?

Korkut: Das ist ganz einfach: Ich erinnere mich an eine Aussage von Vicente del Bosque, die er mir gegenüber in einer solchen Situation einmal gemacht hat. "Wenn du nichts zu sagen hast, dann halte auch den Mund.“ Oder positiv ausgedrückt: "Rede nur, wenn du wirklich etwas zu sagen hast“. Insbesondere im Umgang mit Spielern. Denn ein Trainer kann seine Entscheidung auch einem Bauchgefühl heraus treffen, das mit Worten nicht zu begründen ist. Del Bosques Worte habe ich mir zu Herzen genommen und berücksichtige sie bis heute.

bundesliga.de: Haben Sie noch Kontakt zu Löw, del Bosque und Parreira?

Korkut: Ich habe tatsächlich zu fast allen noch Kontakt. Vicente del Bosque habe ich in Madrid besucht und schreibe ihm auch schon einmal eine SMS. Und zu Jogi Löw gibt es ohnehin immer wieder mal telefonischen Kontakt.

Das Gespräch führte Andreas Kötter