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Dortmund - Sven Bender hatte nach dem 3:2-Pokalsieg des BVB über Hoffenheim gut lachen. "Da hab' ich ja heute den Sieg eingewechselt", sagte der Mittelfeldspieler mit Blick auf Sebastian Kehl, der ihn nach 63 Minuten auf dem Platz abgelöst und die Borussia mit seinem Hammer in der 107. Minute ins Halbfinale geschossen hatte (XL-Galerie: Das Traumtor zum Durchklicken).

Der Routinier selbst, der seine Karriere nach dieser Saison beenden wird, zeigte sich im Interview nach dem Spiel glücklich, zufrieden und auch ein bisschen stolz. Für Kehl war es der erste (!) Treffer im DFB-Pokal in seinen mehr als 13 Jahren bei der Borussia. Ein Gespräch über Torjubel ohne Choreo, den Traum vom Pokal und die familiäre Unterstützung auf der Tribüne.

Frage: Sebastian Kehl, wie war es nach Ihrem Treffer ganz unten in der Jubeltraube? Anstrengend?

Sebastian Kehl: Ach, so oft habe ich das ja nun auch nicht. Das könnte ich eigentlich noch ein paar Jahre mitmachen. Aber auf den Knien rutschen wie bei meinem Torjubel sollte ich besser nicht mehr so häufig.

Frage: War dieser Hammer das schönste Tor Ihrer Karriere?

Kehl:(lacht) Ach, ich hab' doch schon ein paar ganz schöne Tore gemacht. Ganz im Ernst, mir ist es nicht so wichtig, selbst die Tore zu schießen. Das können Sie mir abnehmen. Aber ich weiß natürlich auch, dass es mein erstes Tor war für Borussia Dortmund in diesem Wettbewerb. Und es tut gut, weil es für die ganze Mannschaft ein wichtiger Sieg und ein wichtiger Schritt war. Und manchmal braucht es einfach solche Situationen, um ein Spiel zu entscheiden.

"Ein bisschen Glück gehört immer dazu"

Frage: Beschreiben Sie doch bitte mal die Szene.

Kehl: Der Ball fällt runter, ich will ihn volley nehmen und einen Dropkick versuchen. Ich habe auch gar nicht so fest geschossen, sondern einfach versucht, ihn sauber zu treffen. Das ist mir ganz gut gelungen, das habe ich direkt gesehen. Und dann ist er einfach gut geflogen, hat sich noch ein bisschen gedreht, geht gegen den Innenpfosten und war drin. Es war ein super Schuss, und ein bisschen Glück gehört halt immer dazu. Ich habe es in der Situation einfach mal versucht. Mir wird ja gerne nachgesagt, ich würde lieber nochmal abspielen statt zu schießen. Aber manchmal muss man einfach draufhalten.

Frage: Ihr kleiner Sohn Luis hat sich ja schon mal beschwert, dass der Papa so selten Tore schießt. Dieses Mal dürfte er wohl auch zufrieden sein?

Kehl: Er war sogar im Stadion, was für ein Glück. Er hat Schulferien und durfte dabei sein. Er hat mir von der Tribüne aus zugewunken. Als ich ihn gesehen habe, hat es mich stolz gemacht, dass er dabei war. Mal sehen, was ich an Kommentaren zuhause von ihm noch zu hören bekomme.

"Zu viel träumen sollten wir nicht"

Frage: War Ihnen nach dem Treffer schnell klar, was für ein wichtiges Tor Sie da geschossen haben?

Kehl: Natürlich war mir das sofort klar. Ich hatte zwar keine Choreo für das Tor einstudiert... (lacht) Es gibt ja Spieler bei uns, die haben für solche Fälle irgendwelche Sachen in den Stutzen. Ich hatte mich vor dem Spiel nicht unbedingt darauf eingestellt, zu treffen. Aber es hat halt gut geklappt. Für uns war es wirklich ein ganz wichtiges Tor, weil die Phase im Moment nicht so einfach ist. Auch nach dem Spiel am letzten Wochenende gegen die Bayern gab es wieder Kritik. Daher war das jetzt für die Mannschaft sehr wichtig. Und die Chance, über das Endspiel in Berlin und vielleicht einen Titel den internationalen Wettbewerb zu schaffen, die wollen wir natürlich aufrecht erhalten.

Frage: Der BVB konnte auch kämpferisch ab der zweiten Halbzeit voll überzeugen.

Kehl: Die zweite Halbzeit war deutlich besser als die erste. Wir hatten Hoffenheim viel besser im Griff und haben kaum etwas zugelassen. Insgesamt haben wir das Spiel sicher  verdient gewonnen, auch wenn wir am Ende über 120 Minuten gehen mussten.

Frage: Es schien, als sei in der Pause ein Ruck durch die Mannschaft gegangen. Was war da los?

Kehl: Manchmal ist so etwas nicht zu beschreiben und auch nicht zu erklären. Wir haben uns immer wieder gesagt, dass wir an uns glauben müssen. Dass der Rückstand generell noch umzubiegen war, das wussten wir. In der zweiten Halbzeit hatten wir dann ein paar gute Aktionen. Das gibt dir neues Selbstvertrauen, das gibt dir Aufwind. Dann kamen die Zuschauer auch wieder mehr. Es sind dann oft kleine Dinge, die so ein Spiel letztlich drehen. Hoffenheim hat dann keinen richtigen Zugriff mehr bekommen, ist vorne nicht mehr so aggressiv drauf gegangen.

Frage: Jetzt steht der BVB dank Ihres Treffers im Pokal-Halbfinale. Sehen wir Sebastian Kehl im letzten Spiel seiner Karriere im Finale in Berlin?

Kehl: Das wäre schon ganz gut. Das Champions-League-Finale kommt ja für uns nicht mehr in Frage. Ganz ehrlich: Finale in Berlin und dann noch einmal den Pokal hochrecken - das ist ein schönes Ziel! Aber zu viel träumen sollten wir nicht. Das haben wir uns in dieser Saison abgeschminkt.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte