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Wolfsburg - Er gilt manchen als Enfant terrible. Im Gespräch mit bundesliga.de aber erweist sich Nicklas Bendtner als aufgeräumter, reflektierter und auch höflicher Gesprächspartner. Der Däne spricht mit uns über die rasante Entwicklung der Bundesliga, über seine Schwierigkeiten, in der Startelf des starken VfL Wolfsburg Fuß zu fassen und über elegante Anzüge, schräge Hüte und Hosen mit Latz.

bundesliga.de: Herr Bendtner, Sie kennen die Serie A, die Premier League und seit neun Monaten nun auch die Bundesliga; wie ist Ihr Eindruck von der Liga und vom Fußball, der hier gespielt wird?

Nicklas Bendtner: Ich glaube, dass in der Serie A noch immer besonders großer Wert auf taktische Arbeit gelegt wird, während in der Bundesliga der intensiven Laufarbeit ein großer Stellenwert zukommt. Viel gelaufen wird zwar in jeder Profi-Liga, die Bundesliga dürfte hier aber führend sein. Trotzdem ist die Premier League meiner Meinung nach noch schneller als die Bundesliga und bleibt die schnellste Liga, in der ich gespielt habe.

bundesliga.de: Gibt es etwas, das Sie an der Bundesliga ganz besonders positiv überrascht hat?

Bendtner: Für mich bedeutet die Bundesliga eine großartige neue Erfahrung. Es gibt hier enorm viel Qualität, und die Fans sind einfach fantastisch.

"Alles an diesem Verein ist top"

bundesliga.de: Besser als in England?

Bendtner: Ich würde nicht unbedingt sagen „besser“. Der große Unterschied ist, dass die Fans in England kaum Zugang zu ihren Stars bekommen. In der Bundesliga können die Fans dagegen nahezu bei jedem Training anwesend sein. Sie können mit den Spielern sprechen und Fotos machen. Diese Möglichkeit gibt es in England nicht, dort läuft fast alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab.

bundesliga.de: Mussten Sie sich an diese 'Öffentlichkeit' erst gewöhnen?

Bendtner: Nein, das ist für mich kein Problem. Es gibt Tage, da freut man sich geradezu über dieses Interesse, an anderen wiederum wäre es einem vielleicht lieber, wenn man etwas weniger im Mittelpunkt stehen würde. Aber wie gesagt, ein Problem ist das nicht.

bundesliga.de: Sprechen wir über den VfL Wolfsburg: Welches Image genießt der VfL z. B. in England, nimmt man den Klub wahr als Herausforderer des FC Bayern München?

Bendtner: Man erkennt an, dass wir bisher eine sehr gute Saison in der Liga gespielt und auch auf europäischem Parkett einen guten Job gemacht haben. Den FC Bayern München aber nimmt man als eines der weltbesten Teams wahr. Als Bayern-Herausforderer sah man lange Zeit nur Borussia Dortmund. Aber in den vergangenen fünf Jahren hat der deutsche Fußball einen weiteren riesigen Schritt nach vorne gemacht. Ich zähle die Bundesliga zu den absoluten Top-Ligen. Einige der besten Spieler der Welt spielen heute in der Bundesliga.

bundesliga.de: Hat Wolfsburg mittelfristig das Potenzial zum Bayern-Herausforderer?

Bendtner: Die Münchner haben sich über Jahrzehnte die Reputation aufgebaut, immer auf die besten Trainer und die besten Spieler setzen zu können. Alles an diesem Verein ist top. Wer da mithalten will, der muss über Jahre, ja Jahrzehnte Ähnliches leisten. Schauen Sie nach England: Liverpool ist - neben Manchester United - über Jahrzehnte die erfolgreichste Mannschaft. Und obwohl die "Reds" seit einiger Zeit kaum noch mithalten können, genießen sie weiter den Ruf als einer der besten Clubs der Premier League. Eine solche Reputation aufzubauen, das braucht Erfolge, vor allem aber Zeit. Dass der VfL Wolfsburg über großes Potenzial und Ressourcen verfügt, hat schon der Titel 2009 gezeigt. Und geht es weiter wie in dieser Saison, in der wir viele Tore erzielen und sich fast jeder, vom linken Außenverteidiger bis zum Mittelstürmer, in die Torschützenliste einträgt, bin ich sehr zuversichtlich. Dann wird man in Zukunft über den VfL als eine der besten Mannschaften der Bundesliga sprechen.

bundesliga.de: Dass Wolfsburg in der kommenden Saison Champions League spielen wird, ist so gut wie sicher,... aber auch mit Nicklas Bendtner?

Bendtner: Ich hoffe doch. Mein Vertrag läuft jedenfalls bis 2017.

"Ich möchte kein Öl ins Feuer genießen"

bundesliga.de: Man tut Ihnen kaum Unrecht, wenn man sagt, dass Ihre erste Bundesliga-Saison nicht nach Wunsch verlaufen ist; sind Sie ein wenig enttäuscht?

Bendtner: Ich glaube eher, dass man sagen sollte "derzeit ziemlich enttäuscht".

bundesliga.de: Wie gehen Sie damit um, wenn Sie in der Länderspielpause für Dänemark beim 3:2 gegen die USA alle drei Treffer erzielen, im Pokal gegen Freiburg aber erneut nur wenige Minuten Einsatzzeit bekommen?

Bendtner: Ich denke, dass ich in dieser Sache meine Fehler gemacht habe, und man es am besten dabei belassen sollte. Ich möchte kein Öl ins Feuer genießen, sondern mich im Training weiter anbieten.

bundesliga.de: Gibt es eine Strategie, mit der Sie solchen Enttäuschungen begegnen?

Bendtner: Ich denke, der einzige Weg ist, immer weiterzumachen,  vorwärts zu gehen. Etwas anderes bleibt einem auch nicht übrig.

bundesliga.de: Sie haben nirgendwo eine bessere Treffer-Quote als in der dänischen Nationalmannschaft; braucht also selbst ein sehr selbstsicherer Spieler wie Sie ein besonders familiäres Umfeld, um erfolgreich sein zu können?

Bendtner: In der dänischen Nationalmannschaft spiele ich in nahezu in jedem Spiel, hier nicht. Wenn ich regelmäßig spiele, treffe ich auch. Man sieht doch, wie viele Chancen wir uns in dieser Saison herausgearbeitet haben und wie viele Tore, wir in der Lage sind zu erzielen.

"Ich habe mich akklimatisiert"

bundesliga.de: Ist es in dieser Situation besonders schwierig für jemanden, der lange in London gelebt hat, Zerstreuung in Wolfsburg zu finden?

Bendtner: Man muss sich anpassen. Aber es stimmt schon, dass es schwieriger wird, wenn man nicht spielt und viel mit sich selbst zu tun hat. Andersherum wäre es sicher einfacher. Aber, wie gesagt, ich habe mich akklimatisiert. Ich habe ein schönes Haus gefunden, und meine Familie und meine Freunde besuchen mich häufig.

bundesliga.de: In einem Interview haben Sie gesagt "ich bin ein ganz normaler Typ in einem herausgehobenen Job"; bedeutet dieses Rampenlicht für Sie Druck?

Bendtner: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, der entscheidende Punkt ist, dass Menschen, die viel in der Öffentlichkeit stehen wie Sportler, Filmstars oder Musiker, es deshalb früher leichter hatten, weil es das Internet nicht gab. Wir sitzen hier in Wolfsburg, und wenn sie wollten, könnten Sie umgehend mit zwei, drei Tasten-Klicks einen Live-Kontakt mit jemand in den USA herstellen. Egal, was einer heute macht, ob es richtig oder falsch ist, kurz darauf findet man es im Internet wieder. Damit wird man jeden Tag konfrontiert. So ist nun mal die Welt heute, damit komme ich klar. Trotzdem überlegt man sich bisweilen, ob man dieses oder jenes tut oder doch besser lässt. Denn am Ende hängt vieles davon ab, wie die Medien dich erscheinen lassen.

bundesliga.de: Die Medien gehen nicht immer freundlich mit Ihnen um...

Bendtner: Wer ein seriöses Interview möchte, der bekommt von mir auch ein seriöses Interview. Wer ein Micky Maus-Interview führen will, der wird am Ende ohnehin eine Micky Maus-Story daraus machen (lacht).

bundesliga.de: Sie sind 27, da sollten noch eine ganze Reihe Jahre als Profi folgen; denken Sie dennoch bisweilen darüber nach, was Sie später einmal machen könnten?

Bendtner: Ja. Geschäfte (schmunzelt).

bundesliga.de: Was für Geschäfte? Mode? Sie sollen ein echter Fashionista sein...

Bendtner: Ja, das könnte zum Beispiel ein Mode-Label sein. Oder auch Immobilien oder Investments. Keine Ahnung, bis dahin ist ja noch etwas Zeit.

bundesliga.de: Sie tragen besonders gerne Anzüge...

Bendtner: Ich bevorzuge in der Tat eher den klassischen Stil. Grundsätzlich hängt das aber vom Anlass ab. So wie man sich kleidet, so erscheint man seinem Gegenüber. Wenn man ein Business-Meeting hat, ist es für mich ein Zeichen von Respekt, einen Anzug zu tragen. Denn die Sachen, die man trägt, sind immer auch ein Statement.

bundesliga.de: Woher kommt diese Begeisterung für Mode?

Bendtner: Die habe ich schon, seitdem ich 13 bin. Damals habe ich Zeitungen ausgetragen, um mir die Dinge kaufen zu können, die mir gefallen. Einmal hat es drei Monate gedauert, bis ich das Geld für das Teil, das ich unbedingt haben wollte, zusammen hatte. Während andere sich für dieses Geld vielleicht acht, neun, zehn weit billigere Teile gekauft haben, wollte ich nur dieses eine, ganz besondere Stück.

bundesliga.de: Sie sollen auch Hüte sammeln. Was für Hüte, 1940er-Hollywood-Amercian-Gangster-Movie-Style-Hüte?

Bendtner: Die auch (lacht). Grundsätzlich aber besitze ich alle möglichen Hüte. Und bisweilen trage ich sie auch, das kommt ganz auf den Anlass und die Umgebung an. Kennen Sie dieses alte Foto aus den 30er Jahren, das Bauarbeiter zeigt, die während ihrer Mittagspause in schwindelerregender Höhe auf dem Stahlgerüst eines noch nicht fertigen Wolkenkratzers sitzen? So würde ich z. B. auch gerne einmal herum laufen, mit einer dieser tollen Schirmmützen, mit einer Latzhose und im Unterhemd. Oder auch mal mit einem Cowboy-Hut! Den hätte auch noch im Schrank!

Das Interview führte Andreas Kötter