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Wolfsburg - Auf Naldo ist beim VfL Wolfsburg Verlass. Der Brasilianer steht wie gewohnt seinen Mann in der Abwehr der "Wölfe“ und nutzt seine überragende Physis zudem immer wieder für erfolgreiche Vorstöße in die Hälfte des Gegners. Im Interview mit bundesliga.de spricht Naldo über den Saisonstart des VfL, über die Anforderungen im modernen Fußball und über seine Pläne, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben.

bundesliga.de: Naldo, Sie sind aktuell nicht nur der notenbeste Spieler des VfL, sondern auch der gefährlichste Verteidiger aller aktiven Bundesligaprofis; da fragt man sich, warum Sie angesichts dieser Torgefährlichkeit nicht Stürmer geworden sind?

Naldo: Als Kind wollte ich in der Tat immer nur Stürmer sein. Als ich dann aber zu meinem ersten Klub kam, wurde ich zum Innenverteidiger umgeschult. Dennoch haben alle meine Trainer erkannt, dass ich vor allem bei Freistößen und Eckbällen für den Gegner sehr gefährlich werden kann. Unter Thomas Schaaf in Bremen hat mich z. B. immer einer der beiden Sechser abgesichert, wenn ich nach vorne gestürmt bin. Und auch Dieter Hecking vertraut mir. Ich hoffe, dass ich noch viele Tore für den VfL machen werde und so sein Vertrauen rechtfertigen kann.

"Es kann vorkommen, dass man mal ein paar Spiele nicht trifft"

bundesliga.de: Überhaupt könnte man meinen, dass beim VfL zurzeit die Verteidiger die besseren, weil effektiveren Stürmer sind, denn auch Ricardo Rodriguez hat bereits mehrfach getroffen...

Naldo: Sie vergessen Ivica Olic! Der ist ein Topstürmer und trifft eigentlich immer. Er hat in der vergangenen Saison viele Tore für uns gemacht und auch in dieser Spielzeit bereits dreimal getroffen. Trotzdem kann es vorkommen, dass ein Stürmer oder ein Offensivspieler mal ein paar Spiele lang nicht trifft. Dann müssen ihm die anderen alle Unterstützung geben, damit das Selbstvertrauen schnell zurückkehrt. Wenn wir alle gemeinsam hart arbeiten, sollte das auch klappen.

bundesliga.de: Sie beziehen sich auf Nicklas Bendtner?

Naldo: Nicht ausschließlich. Aber was Nicklas betrifft, bin ich überzeugt, dass für ihn alles einfacher wird, wenn er sein erstes Tor für uns gemacht hat. Er ist ein sehr guter Spieler, der sich vom ersten Moment an gut integriert hat. Wir sind froh, dass er da ist, und ich bin sicher, dass er uns noch sehr helfen wird.

"Die Bundesliga ist die stärkste Liga der Welt"

bundesliga.de: Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf?

Naldo: Wir können es sicher noch besser machen als das bisher der Fall war. Aber die Bundesliga ist nun mal die stärkste Liga der Welt, da gibt es keine einfachen Spiele. Trotzdem gibt es keinen Grund sich Sorgen zu machen. Wir können darauf vertrauen, dass wir einen sehr guten Kader haben. Ich sehe uns jedenfalls auf einem guten Weg.

bundesliga.de: Sie sprechen die Stärke und Ausgeglichenheit der Bundesliga an: Ist der Fußball während Ihrer zehn Profi-Jahre komplexer und vielleicht auch komplizierter geworden?

Naldo: Auf jeden Fall ist der Fußball noch einmal besser und taktisch anspruchsvoller geworden. Als ich 2005 aus Brasilien nach Deutschland kam, bedeutete das für mich eine große Umstellung. Seitdem hat sich die Bundesliga noch einmal deutlich weiterentwickelt und ist, wie ich schon gesagt habe, heute die stärkste Liga der Welt.

"Wichtig ist nur, dass alle immer an einem Strang ziehen"

bundesliga.de: Sind die Zeiten vorbei, als man, wie Franz Beckenbauer, nur sagen musste "Geht’s raus und spielt’s Fußball“?

Naldo: Es stimmt natürlich, dass man heute viel mehr über System und taktische Ausrichtung spricht, über 4-3-3 oder 4-4-2 oder auch 4-3-2-1, über Pressing und Gegenpressing und über Laufwege. Ich glaube aber, was Franz Beckenbauer damals gemeint hat, als Deutschland Weltmeister wurde, war, dass Spieler auf dem Platz nicht so viel grübeln, sondern vor allem auch Spaß haben sollten. Nur dann kann man hundert Prozent geben. Das war damals so und ist heute nicht anders.

bundesliga.de: Wie lange dauert es, bis Laufwege etc. stimmen, wenn im Sommer viele neue Spieler integriert werden müssen?

Naldo: Das ist schwer zu sagen. Manchmal passt es auf dem Rasen vom ersten Moment an, manchmal dauert es einige Zeit. Dann müssen wir umso härter daran arbeiten. Das ist aber kein Problem. Wichtig ist nur, dass alle immer an einem Strang ziehen.

"Unsere Zukunft liegt in Deutschland"

bundesliga.de: Sie selbst arbeiten hart auch am Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft; haben Sie den geplanten Einbürgerungstest bereits absolviert?

Naldo: Nein. Aber ich denke, dass es noch im November klappen sollte.

bundesliga.de: Viele Ihrer brasilianischen Landsleute kehren nach der aktiven Karriere in die Heimat zurück; warum wollen Sie in Deutschland bleiben?

Naldo: Die Kinder sind hier geboren, und wir alle fühlen uns hier wohl und sind sehr zufrieden. Unsere Zukunft liegt in Deutschland.

"Deutschland muss Vorbild für den brasilianischen Fußball sein"

bundesliga.de: Wie hat der "deutsche Brasilianer“ Naldo das 1:7 der Selecao gegen Deutschland bei der WM aufgenommen?

Naldo: Meine Kinder haben sich riesig für Deutschland gefreut! Ihre Sympathien lagen ganz klar auf der deutschen Seite. Ganz so einfach war es für mich dann aber doch nicht. Letztlich bin ich ja in erster Linie Brasilianer. Und ein 1:7 im Halbfinale einer WM, fünf Gegentore in zwanzig Minuten, noch dazu im eigenen Land, das kommt schon einer Demütigung gleich! Ich habe später mit Luiz Gustavo gesprochen, und er hat mir gesagt, dieser Tag sei für ihn als Fußballer der schlimmste seines Lebens gewesen. Andererseits habe ich überhaupt kein Problem zuzugeben, dass die deutsche Mannschaft eine tolle WM gespielt und den Titel absolut verdient hat. Deutschland und seine Nachwuchsarbeit müssen jetzt unbedingt ein Vorbild sein für den brasilianischen Fußball.

bundesliga.de: Ihre letzte Nominierung für die Selecao datiert aus 2009, damals war Carlos Dunga brasilianischer Nationaltrainer. Seit der verpatzten WM ist Dunga zurück und setzt auch auf ältere Spieler wie Kaka; steigert das auch Ihre Chancen?

Naldo: Ganz ehrlich, ich schaue nur auf den VfL! Sollte ich meine Leistung regelmäßig abrufen können, wer weiß, vielleicht kommt dann tatsächlich noch einmal eine Chance. Aber noch mal, für mich zählt jetzt nur der VfL!

Das Gespräch führte Andreas Kötter