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Köln - Als Düsseldorfer beim 1. FC Köln arbeiten? Für Jörg Schmadtke kein Problem. Im zweiten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de spricht der Geschäftsführer Sport des Bundesliga-Aufsteigers über den Charme seines Clubs, warum der FC mindestens drei Jahre brauchen wird, um sich in der Bundesliga zu etablieren und über sein Verhältnis zu Geißbock Hennes. Teil eins erschien bereits vor dem 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund.

bundesliga.de: Herr Schmadtke, wahrscheinlich zu Recht sagen alle Fans, dass ihr Club etwas ganz Besonderes ist. Bei den Kölner Fans hat man bisweilen den Eindruck, dass sie ihren FC für noch "besonderer" halten. Welches Bild hatten Sie vom 1. FC Köln, als Sie 2013 in die Domstadt kamen, und wie sieht dieses Bild heute aus?

Jörg Schmadtke: Für mich wirkte das aus der Distanz alles sehr charmant, vielleicht auch ein wenig chaotisch. Die Innensicht aber ist eine ganz andere. Denn tatsächlich war der Laden schon damals sehr strukturiert, mit Kompetenz in den eigenen Reihen. Was den FC besonders macht, ist die ganz eigene Kultur im Stadion, die ein Stück weit ansteckend und euphorisierend wirkt. Und das kölsche Liedgut und die Enge des Stadions verfehlen ihre Wirkung auch auf die Gäste nicht.

"Der richtige Zeitpunkt, um nach Köln zu kommen"

bundesliga.de: Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, darf man sagen, dass Sie nicht der Typ sind, der auf dem Tisch tanzt. Der feierfreudige Kölner auf der einen und Jörg Schmadtke, der auch noch Düsseldorfer ist, auf der anderen Seite - wie konnte das funktionieren?

Schmadtke: Ich bin sehr freundlich empfangen worden, und glaube, dass alle akzeptiert haben, dass ich als Rheinländer auch in Köln arbeiten kann - selbst wenn ich in Düsseldorf geboren bin. Von daher haben die Dinge von Beginn an relativ gut zusammen gepasst. Und vielleicht ist es einfach der richtige Zeitpunkt gewesen, um hierher zu kommen.

bundesliga.de: Für Sie oder für den Verein?

Schmadtke: Für beide Seiten. Die Voraussetzungen wären möglicherweise vor zehn Jahren noch anders gewesen. Und für den Verein ist es wohl ganz gut, dass jetzt jemand hier ist, der ein bisschen nüchterner an bestimmte Dinge herangeht als es der Ur-Kölner wohl tun würde. Wir ergänzen uns gut, und es hat von Beginn an funktioniert.

"Gebe der Meinung der Medien wenig Gewicht"

bundesliga.de: Gilt das auch für das Verhältnis zu den Medien? Die Medienlandschaft gilt schließlich als ähnlich aufgeheizt wie in Hamburg oder München?

Schmadtke: Ich nehme äußere Einflüsse natürlich wahr, aber sie lenken nicht mein Tun und Handeln. Das mag ein deutlicher Unterschied zu dem einen oder anderen Protagonisten in diesem Geschäft sein. Es mag zwar bisweilen auch mal Dinge geben, bei denen ich auf etwaige Berichterstattung sauer reagiere, aber in der Regel gebe ich der Meinung der Medien relativ wenig Gewicht.

bundesliga.de: Und wie kommen die Journalisten mit Ihnen zurecht?

Schmadtke: Ich glaube nicht, dass die sich alle freuen, wenn sie sich mit mir unterhalten müssen. Der eine oder andere wird sich das überlegen, weil ich – je nach Frage – so deutlich antworte, wie ich das in diesem Augenblick für richtig halte. Und nicht, wie die Journalisten vielleicht glauben, dass die Antwort aussehen sollte. Das mag für manch einen schon mal ein bisschen anstrengend sein.

"Die Dinge müssen reifen"

bundesliga.de: Wenn man beobachtet wie Sie den FC nicht nur sportlich, sondern gerade auch was das Image betrifft reformiert haben, fragt man sich, warum man in Köln nicht viel eher auf diese Idee gekommen ist?

Schmadtke: Um eine bestimmte Entscheidung zu treffen, müssen die Dinge reifen. Wie soll ich das erklären? Sind Sie Familienvater?

bundesliga.de: Nein.

Schmadtke: Wären Sie einer, würde ich Ihnen sagen, dass Sie Ihrem Kind noch so oft erklären können, dass eine Herdplatte heiß ist - die größte Lehre wird es leider immer bleiben, wenn man selbst einmal auf die heiße Platte gefasst hat. Irgendwann weiß man dann "Heiß! Da fasse ich besser nicht drauf!" Oder ein anderes Beispiel: Ich habe mich kürzlich mit einem jungen Trainer unterhalten. Der sagte mir, dass er einige Entscheidungen vielleicht etwas früher hätte treffen sollen. Ich habe ihm geantwortet: "Die Entscheidung, die Du heute getroffen hast, scheint doch die richtige zu sein! Hättest Du Dich vielleicht vor acht Wochen so entschieden, weiß a) niemand wie es damals ausgegangen wäre, und b) hätte diese Entscheidung in Deinem Umfeld möglicherweise für Unverständnis gesorgt." Die Dinge müssen reifen, und das war beim FC wohl ähnlich.

"Wir haben nicht nur ein tolles Stadion"

bundesliga.de: Apropos Entscheidungen treffen: Aktuell diskutiert man, ob ein Wintertrainingslager in den USA für den FC Sinn macht. Können Sie bitte kurz skizzieren, was dafür und was dagegen sprechen könnte?

Schmadtke: Dagegen sprechen die Zeitverschiebung und die lange An- und Abreise. Dafür sprechen eine andere Arbeitsatmosphäre, die neue Impulse geben würde, und die klimatischen Voraussetzungen, die ideale Trainingsbedingungen garantieren. Die können wir hier im Winter nicht bieten. Die Jungs würden mal aus dem üblichen Trott herauskommen.

bundesliga.de: Diese Trainingslager helfen den Bekanntheitsgrad der Bundesliga per se weiter zu steigern. Hat auch der FC selbst das Zeug zu einer internationalen Marke, oder versteht man den Klub nur um Rheinland?

Schmadtke: Eine aktuelle Studie zeigt, dass wir im Ausland sicherlich noch Steigerungspotenzial haben. Umso mehr möchten wir zeigen, dass der 1. FC Köln eine Marke ist, die es lohnt, dass man sich mit ihr beschäftigt. Denn wir haben nicht nur ein tolles Stadion, sondern sind tatsächlich ein Verein, der sich ein gutes Stück weit von anderen unterscheidet. Zum Beispiel sind wir einer von zwei Klubs, die ein lebendiges Maskottchen haben (lacht)...

"Hennes hat mich noch nicht gebissen"

bundesliga.de: Haben Sie ein gutes Verhältnis zum Geißbock?

Schmadtke: Bisher hat er mich noch nicht gebissen, das passt also (lacht). Ein weiterer, deutlicher Unterschied ist, dass wir aktiv am kulturellen Gut des Karnevals teilnehmen. Und es gibt da draußen, außerhalb von Köln oder gar Deutschland, bestimmt noch eine Menge Menschen, die man dafür begeistern könnte.

bundesliga.de: Bei anderen Traditionsklubs wie dem Hamburger SV oder dem VfB Stuttgart, die aktuell nicht an die großen Erfolge vergangener Zeiten anknüpfen können, spricht man gerne von "schlafenden Riesen". Ist der FC auch ein solcher Riese?

Schmadtke: Ich kann mit dem Bild vom "schlafenden Riesen" nicht allzu viel anfangen. Natürlich ist Tradition grundsätzlich keine schlechte Voraussetzung. Aber auch mit Tradition funktionieren die Dinge nicht von allein. Und beim HSV sprechen die vergangenen drei Jahre sicher nicht für einen Riesen.

"Wir werden drei bis fünf Jahre brauchen"

bundesliga.de: Wie lange also braucht ein Aufsteiger, selbst wenn es ein Traditionsklub wie der 1. FC ist, um sich in der Bundesliga wieder zu etablieren?

Schmadtke: Drei Jahre plus. Ich gehe mal davon aus, dass wir drei bis fünf Jahre brauchen werden, um alles so auf die Schiene zu bringen, dass wir neue Entwicklungsschritte angehen können. Man darf nicht vergessen, dass wir einen relativ hohen Schuldenberg vor uns haben, den es abzubauen gilt.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Hier geht es zu Teil 1 des Interviews vor dem Spiel gegen Dortmund