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München - Am Samstag empfängt im Spitzenspiel der Bundesliga der Tabellenzweite Borussia Mönchengladbach den Spitzenreiter und Titelverteidiger Borussia Dortmund. Bernd Krauss hat für beide Traditionsvereine gespielt und beide auch trainiert.

Mit Gladbach wurde er 1995 DFB-Pokalsieger, beim BVB lief es weniger gut. bundesliga.de bat den 54-Jährigen um seine Einschätzungen zum Topspiel.

bundesliga.de: Herr Krauss, hätten Sie sich vor einem halben Jahr vorstellen können, dass die Paarung zwischen Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund das Spitzenspiel des 15. Spieltages sein würde

Bernd Krauss: Nein, es konnte wirklich niemand damit rechnen, dass da der Tabellenführer beim Zweiten gastieren würde. Sicherlich konnte man davon ausgehen, dass der BVB wieder oben mit dabei sein würde. Allerdings ist es auch für Dortmund schwer, die sehr gute letzte Saison zu bestätigen. Aber das haben sie nach ihren anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut hinbekommen. Sie sind stabil und spielen einen Klassefußball.

bundesliga.de: Und Mönchengladbach?

Krauss: Die Mönchengladbacher Borussia hat dagegen in der letzten Saison so gerade eben noch den Kopf aus der Schlinge gezogen. Der extreme Abstiegskampf mit Happy End hat die Mannschaft sehr zusammengeschweißt. Das wollte niemand noch einmal erleben. Die Borussia profitiert sicher auch davon, dass ihr gleich zum Auftakt der überraschende Sieg in München gelungen ist.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die Arbeit von Borussia-Trainer Lucien Favre?

Krauss: Unter Lucien Favre hat sich die Borussia sehr gut entwickelt. Es ist noch die gleiche Mannschaft, die beinahe abgestiegen wäre. Aber die Mannschaft hat jetzt einen Plan, die Ergebnisse stimmen, der Kopf ist frei. Jetzt freut sich jeder auf das nächste Spiel, jeder will den Ball haben. Favres Verdienst ist, dass er die Schießbude geschlossen hat und die ganze Mannschaft sehr gut nach hinten arbeitet.

bundesliga.de: Die "Fohlen" haben bereits 29 Punkte auf dem Konto und reden trotzdem immer noch vom Klassenerhalt. Können Sie das verstehen?

Krauss: Noch wollen die Offiziellen in Mönchengladbach die Saisonziele nicht korrigieren. Sie sprechen immer noch davon, nicht in Abstiegsgefahr geraten zu wollen. Ich bin mir aber sicher, dass sie intern ganz anders sprechen. Es geht jetzt nicht mehr um den Klassenerhalt. Sie könnten das auch offensiver formulieren und sich andere Ziele setzen. Denn niemand würde ihnen doch den Kopf abreißen, wenn es nicht für einen Spitzenplatz reichen sollte.

bundesliga.de: Trauen Sie der Borussia die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb zu?

Krauss: Auf jeden Fall. Sie können genauso überraschen, wie das Mainz und Hannover im vergangenen Jahr getan haben. Ich freue mich darüber, wie toll sich Marco Reus entwickelt hat. Er ist sehr wichtig für die Borussia und es wäre gut, wenn er dem Verein noch eine Weile erhalten bleiben würde. Ich bin auch gespannt, wie er sich verhält, wenn er einmal in eine Phase gerät, in der es nicht so läuft.

bundesliga.de: Neben Reus blüht auch Mike Hanke auf. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?

Krauss: Es ist sensationell, wie sich Mike Hanke entwickelt hat. Er arbeitet unheimlich viel, bringt sich in die Mannschaft ein und opfert sich auf. Er hatte zwar lange kein Tor erzielt, aber Räume geschaffen.

bundesliga.de: Die Dortmunder schieben nach wie vor den Bayern die Favoritenrolle zu. Understatement oder realistische Selbsteinschätzung?

Krauss: Borussia Dortmund kann auch in dieser Saison wieder Deutscher Meister werden. Die Mannschaft hat sich wieder gefangen, mit ihr muss man immer rechnen. Trotzdem bleibt für mich der FC Bayern der Titelfavorit. Aber wie man gesehen hat, können auch die Bayern ins Straucheln kommen.

bundesliga.de: Und Werder Bremen?

Krauss: Auch Werder Bremen habe ich noch auf der Rechnung. Der Verein ist seit vielen Jahren eine Macht im deutschen Fußball und spielt nach dem Motto "Sekt oder Selters". Ich habe sie beim 0:5 in Mönchengladbach gesehen, da lief gar nichts zusammen. Sie können aber auch selbst einen Gegner auseinander nehmen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski