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Köln - Ingo Anderbrügge kennt beide Seiten. Vier Jahre spielte er für Borussia Dortmund, elf für Schalke 04. Vor dem Ruhrpottderby ist er daher immer ein gefragter Mann. Im Interview mit bundesliga.de spricht der 50-Jährige über die Besonderheiten des Derbys, die aktuelle Form seiner beiden Ex-Vereine und die "Luxusprobleme" beim BVB.

bundesliga.de: Herr Anderbrügge, vor dem 85. Bundesliga-Ruhrpottderby zwischen Schalke und Dortmund plagen beide Vereine personelle Sorgen. Wie sehr wird sich das Fehlen wichtiger Spieler auswirken?

Ingo Anderbrügge: Das wird keine große Rolle spielen. Die Kader umfassen 30 Spieler. Es fehlt mal ein Leistungsträger mehr oder weniger. Ersatzgeschwächt zu sein, wird sich in den kommenden Jahren durch alle Bundesliga-Vereine ziehen. Das ist nichts Besonderes. Man hat bei Schalks Sieg in Bremen gesehen, dass selbst diese vermeintlich schlechtere Mannschaft das Spiel gewinnen konnte. In der zweiten Halbzeit hat Schalke ein sehr gutes Spiel gemacht. Warum sollte dies auch nicht im Derby passieren? Verletzungen oder Ausfälle zählen eigentlich nicht mehr. Wenn man in die Interviews der Trainer reinhört, wollen die das auch gar nicht mehr hören.

bundesliga: Also steht das Derby unter keinen besonderen Vorzeichen?

Anderbrügge: Nein. Das Derby wird genauso spannend wie die letzten werden. Wichtig ist mir, dass sich die Fans sich untereinander respektieren. Das war im letzten Derby in Dortmund sehr gut. So muss das sein im Ruhrpott. Freuen wir uns auf ein schönes, spannendes Spiel.

"Bei Schalke müssen junge Spieler ran"

bundesliga.de: Haben Sie den Eindruck, dass Schalke durch den Sieg in Bremen die Kurve gekriegt hat und auf dem richtigen Weg ist?

Anderbrügge: So weit würde ich noch nicht gehen. Schalke hat in Bremen wie gesagt in der zweiten Halbzeit die Kurve gekriegt, die Mannschaft stand hinten gut und hatte einen überragenden Roman Neustädter. Sie sind durch einen Torwartfehler in Führung gegangen und haben direkt nachgelegt. An die Leistung muss Schalke anknüpfen. Ob sie die Kurve gekriegt haben, wird sich Woche für Woche entscheiden. Die verletzten und gesperrten Spieler werden zurück kommen, Uchida und Boateng stehen wohl fürs Derby zur Verfügung. Es hilft, wenn die Mannschaft punktet. Und im Derby hat Schalke jetzt die Gelegenheit, die Fans zu beruhigen und Sicherheit zurückzugewinnen. Das wünsche ich der Mannschaft.

bundesliga.de: Borussia Dortmund ist ebenfalls nicht optimal gestartet. Wie sehen Sie den BVB zurzeit?

Anderbrügge: Ich habe das Spiel gegen Mainz gesehen, das verloren wurde. Das hätte auch andersherum ausgehen können. Der BVB hatte die erste große Chance, verschießt dann einen Elfmeter. Trotzdem glaube ich, dass die Dortmunder sehr stabil  und lauffreudig sind und sehr schnell spielen. Das wird für Schalke eine schwere Nummer. Aber Dortmund wird trotz alledem der schärfste Verfolger der Bayern sein. Auch die verletzten Spieler des BVB werden nach und nach zurückkommen. Und auch Jürgen Klopp jammert nicht über die verletzten Spieler, sondern akzeptiert das und rochiert trotzdem. Er hat Kagawa nach dessen tollen Comeback in der Champions League nicht eingesetzt. Das sind Luxusprobleme. Bei Schalke werden die jungen Spieler reinkommen. Beide Mannschaften werden das Derby gewinnen und insgesamt stabiler werden wollen. Das geht schon noch.

"Bin immer stolz vor dem Derby Interviews zu geben"

bundesliga.de: Ist Kagawa ein Schlüsselspieler dieses Derbys? Er hat bislang alle seine drei Derbys gegen Schalke gewonnen.

Anderbrügge: Das wusste ich gar nicht. Statistiken hin oder her. Das sind Zahlenspiele, auch wenn sie interessant sind. So wie Schalke in den letzten Jahren immer gegen Bremen gewonnen hat. Oder die Gladbacher in Köln immer gut aussehen. Das ist schon kurios.

bundesliga.de: Wie sind Ihre Sympathien verteilt? 60:40 für Schalke?

Anderbrügge: Das kann ich nicht in Prozentzahlen ausdrücken. Ich bin immer wieder stolz, vor dem Derby ein Interview geben zu dürfen, weil ich als Junge aus dem Ruhrpott in beiden Clubs sehr gerne gespielt habe. Die richtige Leidenschaft, die ich über Jahre bekommen habe, ist auf Schalke entstanden. Ich habe zwölf Jahre für Schalke gespielt, vier Jahre als Profi und Juniorenspieler für Dortmund. Auf Schalke habe ich einen Titel gewonnen, wäre beinahe aus der 2. Bundesliga abgestiegen. Aber ich vergesse auch nie den Club in schwarzgelb.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski