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Die höchste englische Spielklasse, die Premier League, existiert seit 1992. Aus sportlicher Sicht gehört die Premier League zweifellos zu den besten Ligen der Welt. Aber aus Sicht vieler englischer Fans ist nicht alles Gold, was von den zahlreichen Siegerpokalen zu glänzen scheint.

Kevin Miles weiß das. Der 46-jährige Fan von Newcastle United gehört zu den Koordinatoren der englischen Football Supporters Federation (FSF), der rund 150.000 Mitglieder starken Vereinigung der organisierten Fans. Er begleitet die englischen Fans auch bei Auswärtsspielen durch Europa und ist ein exzellenter Kenner der Bundesliga.

Miles hat mit bundesliga.de über Unterschiede zwischen Premier League und Bundesliga gesprochen. "Dort ist viel vom früheren Charakter des Spiels verloren gegangen", urteilt Miles über Englands oberste Liga.

bundesliga.de: Die englischen Fans sind inzwischen besser als ihr Ruf.

Miles: Die überwiegende Mehrheit will einfach nur feiern, Bier trinken und vor allem Fußball gucken. Die Hooligans sind eine winzige Minderheit, außerdem dürfen rund 3500 von denen aufgrund so genannter "banning orders" nicht ins Ausland fahren. Das hilft unserer Organisation natürlich auch bei der Arbeit im Ausland. Wir können die Polizei überzeugen, dass unsere Fans fast alle friedlich sind und die Polizei die englischen Fans nicht automatisch als ein Problem sieht.

bundesliga.de: Dafür ist die Stimmung in den englischen Stadien schlechter als ihr Ruf.

Miles: Das ist richtig. Dafür gibt es auch viele Gründe. Erstens sind wesentlich weniger Jugendliche in den Stadien als in Deutschland. 1995 lag der Altersdurchschnitt der Dauerkartenbesitzer bei Newcastle United bei 35 Jahren. 2005 lag der Durchschnitt bei 45 Jahren!

bundesliga.de: Woran liegt das?

Miles: Die Premier League wurde 1992 gegründet, und bis heute sind die Eintrittspreise um 600 Prozent gestiegen. Obwohl die Liga das meiste Geld hat. Das können sich eben immer weniger Jugendliche leisten, so dass die Fanszene in den Stadien immer älter geworden ist.

In Newcastle kostet die billigste Dauerkarte für die 19 Ligaspiele 500 Pfund, das sind ungefähr 650 Euro. Die billigste Karte pro Spiel kostet 30 Pfund. Und in Newcastle sind die Preise noch vergleichsweise niedrig, die billigste Dauerkarte bei Arsenal kostet rund 800 Pfund.

Dazu kommt, dass in England Stehplätze verboten sind. Die Sitzplätze sind meist reserviert, deshalb sitzen Freunde überall zerstreut und können nicht wie bei Stehplätzen zusammen bleiben und Stimmung machen. Die Stimmung ist eigentlich überall schlechter geworden, selbst in Liverpool.

bundesliga.de: Bleiben die Fans denn alle sitzen?

Miles: Es ist alles sehr streng reglementiert in den Stadien. Man darf auf den Plätzen auch kein Bier trinken oder rauchen. Aber natürlich stellen sich die Fans bei aufregenden Momenten auch hin, die Auswärtsfans stehen auch meistens. Dafür sind die Stadien bequemer und die Toiletten besser geworden…

bundesliga.de: Viele Vereine schwimmen im Geld, selbst ein Durchschnittsclub wie Manchester City kommt plötzlich in den Genuss von Scheich-Millionen. Wie sehen das eigentlich die eigenen Fans?

Miles: Manche sagen: Super, wir sind jetzt der reichste Verein und können die teuersten und besten Spieler kaufen. Aber das ist nur eine kurzfristige Freude. Denn die Eintrittspreise sinken eigentlich nie. In England drehen sich die Gespräche schon mehr darum, welcher neuer Besitzer kommt und nicht, welcher neuer Torwart. Das ist eine sehr ungesunde Entwicklung.

Vor zehn Jahren konnte in England keiner Manchester United leiden – außer natürlich den eigenen Fans. Manchester hatte das meiste Geld, aber sie haben es durch Fußball verdient. Durch Siege kamen mehr Sponsoren und mehr verkaufte Fanartikel und so weiter.

Durch Chelsea und Abramowitsch hat sich das geändert, auf einmal war Chelsea der unbeliebte Club und mit Manchester City kann es genau so kommen.

bundesliga.de: Sie kennen die Bundesliga auch sehr gut und sind oft in den Stadien. Worin unterscheiden sich Spiele der Bundesliga und der Premier League?

Miles: In Deutschland gibt es noch ein richtiges Spiel- und Gemeinschaftserlebnis. Hier fahren hunderte Jugendliche ohne Eltern zum Stadion, sie stehen in den Kurven zusammen und schaffen Stimmung. Sie haben noch das Gefühl, der Verein gehört uns. Das ist in England nicht mehr der Fall, dort ist viel vom früheren Charakter des Spiels verloren gegangen.

bundesliga.de: Aber die englischen Clubs haben größere Chancen, die Champions League zu gewinnen.

Miles: Ja, aber den Fans ist die Premier League und die englische Meisterschaft viel wichtiger. Genau wie für die meisten Deutschen die Bundesliga wichtiger ist. Außerdem haben wir wegen der vielen starken Ausländer in der Premier League ein Problem für die Nationalmannschaft. Der eigene Nachwuchs hat kaum noch eine Chance, sich in der Liga durchzusetzen, es kommen nur noch rund 30 Prozent der Spieler aus der Premier League für die Nationalmannschaft in Frage.

Manchester City hat in diesem Jahr mit seiner Jugendmannschaft den Nachwuchspokal in England gewonnen und normalerweisen sollten es fünf, sechs Talente schaffen, in den Kader der ersten Mannschaft zu kommen. Aber wer soll an einem Robinho vorbei kommen, der mal eben für 40 Millionen Euro gekauft wurde?