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Hannover – In der 84. Minute der Partie Hannover 96 gegen den 1. FC Köln wurde es mucksmäuschenstill in der Fankurve der Gastgeber. Vielen 96-Anhängern stockte der Atem.

Was war passiert? Leon Andreasen hatte vergeblich versucht im Kölner Strafraum mit langem Bein den Ball zu erreichen und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Der Däne musste betreut und vom Platz geführt werden.

Zur Erleichterung der Fans konnte er nach kurzer Behandlung weiterspielen. Das war nicht immer so in der Karriere des defensiven Mittelfeldspielers, der in der Winterpause 2008/09 vom FC Fulham nach Hannover gewechselt war.

Nach elf Spielen begann das Drama

Elf Spiele absolvierte er in der Rückrunde und stellte seine Vielseitigkeit unter Beweis. Neben der Sechser-Position kam er auch in der Innenverteidigung zum Einsatz. Und schaltete sich auch immer wieder in die Offensive ein. Zwei Treffer standen zu Buche.

Und das Leiden begann: Die Vorrunde der Spielzeit 2009/10 verpasste Andreasen mit einer Schambeinentzündung. Und auch den Rückrundenauftakt verpasste er. In der Vorbereitung hatte Andreasen sich einen Muskelfaserriss zugezogen.

Auszeit für zwei Spielzeiten

Am 21. Spieltag (2:1 in Hoffenheim) kehrte er in den Kader zurück, bevor eine Woche später gegen Bremen (1:5) das Schicksal erneut zuschlug. Zunächst traf er per Eigentor zum 0:3, und in der 51. Minute setze ihn erneut ein Muskelfaserriss außer Gefecht.

Zwar stand er vom 25. bis 30. Spieltag noch einmal  auf dem Feld, aber das 0:0 beim Hamburger SV soll für lange Zeit sein letztes Spiel im Dress der Roten gewesen sein. Mit Leistenproblemen verpasste Andreasen nicht nur die abschließenden fünf Saisonspiele, sondern musste zwei Spielzeiten pausieren. 2010/11 und 2011/12 absolvierte er kein Bundesliga-Spiel.

Nichts ging mehr. Er wurde in Dänemark an der Leiste operiert, doch der Schmerz ließ nicht nach. Weisheitszähne wurden gezogen, erneute Operationen an der Leiste folgten. Ohne Erfolg. "Ich habe allein ein halbes Jahr gebraucht, um keine Schmerzen mehr von der Operation zu haben", war Andreasen verbittert.

Erst bei weiteren Untersuchungen in Kopenhagen entdeckten die Ärzte Narbengewebe, das auf den Muskel drückte. Sieben Operationen waren nötig, das Narbengewebe zu entfernen. Die Schmerzen waren verschwunden.

Comeback nach 28 Monaten

Andere Spieler hätten wohl angesichts dieser Leidenszeit ihre Karriere beendet, aber Andreasen tat das, was ihn auch dem Platz auszeichnete. Er kämpfte um seine Karriere. Und der Verein zog mit. Hannover 96 verlängerte den 2012 auslaufenden Vertrag frühzeitig und setzte ein Signal: "Wir glauben an dich!"

Am 26. März 2012 schnürte Andreasen nach 28 Monaten Leidenszeit endlich wieder die Stiefel – für Hannover II feierte er in der Regionalliga Nord sein Comeback für 45 Minuten beim 1:0 in Meppen. Das Ende der Leidenszeit schien in Sicht.

"Es war mein Ziel, den alten Leon wiederzufinden. Aber ich hätte nicht geglaubt, dass es so schnell geht", freute sich Andreasen nach seiner Rückkehr in den Bundesliga-Kader.

"Warum immer ich?"

Doch aller Optimismus war verfrüht. Nach drei Spielen zu Beginn der Saison 2012/13 zwangen ihn Oberschenkelproblem zu einer Pause in Hoffenheim. Am 5. Spieltag beim 4:1 in Minute erwischte es in der 10. Spielminute den (Verletzungs)pechvogel erneut. Ein Kreuzbandriss setze Andreasen für lange Zeit außer Gefecht.

"Ich war gerade in Schwung gekommen. Mir geht es beschissen. Warum immer ich?", so ein niedergeschlagener Andreasen nach der Partie, um sofort wieder in die Zukunft zu schauen: "Ich muss nach vorn schauen, das Positive sehen."

Erst am 34. Spieltag feierte er das dritte Comeback seiner Karriere nach langer Leidenszeit. Unter dem Jubel der Fans wechselte Trainer Mirko Slomka den Dänen zehn Minuten vor Ende der Partie ein.

Erst 68 Bundesliga-Spiele

Seither gehört Andreasen auch unter Slomka-Nachfolger Tayfun Korkut zum Stammpersonal. Gegen Köln bewies er erneut, wie wichtig er für die Mannschaft ist. Den 1:0-Siegtreffer von Joselu leitete er ein und mit seiner Lufthoheit (66,7% gewonnene Kopfball-Duelle) in beiden Strafräumen und seinem Einsatz (knapp zwölf Kilometer legte er zurück) ist er enorm wichtig für die Mannschaft.

Es war erst das 68. Bundesliga-Spiel in sechseinhalb Jahren für die Roten. Seine 13 Treffer in der Zeit sind Top-Wert für einen Defensiv-Strategen. Hannovers Fans hoffen, dass der 31-Jährige noch lange durchhält – und verletzungsfrei bleibt.

Aus Hannover berichtet Jürgen Blöhs