Mönchengladbach: Ibrahima Traore hat nach langer Verletzungspause sofort wieder voll eingeschlagen bei Borussia Mönchengladbach. Daran aber, dass die Fohlen beim Kampf um die europäischen Plätze seit einigen Wochen ein wenig auf der Stelle treten, konnte der Flügelflitzer bisher auch nichts entscheidend ändern. Vor dem Duell mit Borussia Dortmund spricht Traore im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe für Borussias wechselhafte Auftritte, über die große Ausgeglichenheit der Bundesliga und über sein Leben neben dem Fußball.

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bundesliga.de: Ibrahima Traore, Borussia zählt noch immer zu den besten Rückrundenteams. Seit einigen Spielen aber wechseln sich Erfolg und Misserfolg in unschöner Regelmäßigkeit ab. Wo liegen die Gründe?

Ibrahima Traore: Ein wenig spiegelt sich darin unsere komplette Saison. Auch in der Hinrunde haben wir zum Teil sehr gute Spiele gemacht, etwa in der Champions League, in der Bundesliga aber bisweilen doch weniger gute Leistungen gezeigt. Keine Frage, die Rückrunde ist deutlich besser. Aber auch hier hat es einige Rückschläge gegeben, wie nun in Hoffenheim. Natürlich war das für die Zuschauer ein tolles Spiel, natürlich haben auch wir dort große Unterhaltung geboten. Am Ende aber hat Hoffenheim gewonnen. Und wir nicht.

bundesliga.de: Manche Experten sprechen von einer "Top 4-Allergie" der Borussia, weil gegen die vier besten Teams der Tabelle bisher nicht gewonnen werden konnte.

Traore: Man kann das sicher schreiben. Es ist ja ein Fakt, dass uns gegen einen der ersten Vier der Tabelle bisher kein Sieg gelungen ist. Ob wir deshalb in diesem Jahr weniger gut sind als Hoffenheim, Leipzig etc.? Kann sein, denn diese Mannschaften stehen ja die gesamte Saison über vor uns. Da muss man vielleicht auch einmal ehrlich zu sich selbst sein. Trotzdem würde ich die Qualität unserer Mannschaft nie in Frage stellen. Und ich glaube nicht, dass sich diese Teams darauf freuen, wenn sie wissen, dass sie gegen uns antreten müssen. Wir können für jeden Gegner unangenehm sein.

bundesliga.de: Eine Chance auf einen Sieg gegen ein Top 4-Team bleibt, am Samstag gegen den BVB.

Traore: Top 4-Team oder nicht, das interessiert uns gar nicht. Was zählt ist, dass wir dieses Spiel gewinnen. Es steht außer Frage, dass Borussia Dortmund eine überragende Mannschaft ist, mit Top-Top-Top-Spielern, die auf einem extrem hohen Niveau agieren. Wir müssen mehr als einhundert Prozent bereit sein, wenn wir gegen dieses Team bestehen wollen. Aber wir haben ein Heimspiel und noch immer die Möglichkeit, in dieser Saison etwas Großes zu erreichen.

bundesliga.de: Das ist nicht zuletzt deshalb der Fall, weil sich die anderen Anwärter auf die Europa League ebenfalls sehr schwer tun. Ist die Bundesliga noch ausgeglichener als in den Jahren zuvor?

Traore: Ich denke, dass das der Fall ist. Gefühlt ist die Bundesliga für mich sogar so ausgeglichen wie noch nie zuvor. Einige Clubs, die man zu Saisonbeginn als Favoriten für das Erreichen der europäischen Plätze auf der Rechnung hatte, haben in dieser Saison Probleme, ihre Ziele zu erreichen. Umgekehrt hätte wohl kaum einer gedacht, dass Leipzig als Aufsteiger im ersten Bundesliga-Jahr sofort eine so überragende Saison spielen würde. Auch mit Hoffenheim hätte in dieser Form wohl keiner gerechnet. Aber diese beiden Mannschaften stehen zurecht dort oben, das ist ganz gewiss kein Zufall.

bundesliga.de: Sie selbst spielen eine sehr gute Saison, auch wenn Sie wegen einer Verletzung lange ausgefallen sind. Sind Sie einigermaßen zufrieden?

Traore: Insgesamt ist diese Saison für mich selbst nur schwer zu beurteilen, denn ich habe – wie Sie richtig sagen – fast sechs Monate gefehlt. Da ist es schwierig, in der übrigen Zeit Konstanz zu finden. Trotzdem glaube ich, dass ich gute Einsätze hatte und der Mannschaft auch helfen konnte. Jetzt würde ich mir wünschen, dass ich einmal länger verletzungsfrei bleibe und meine Leistungen über eine gesamte Saison zeigen kann. 

Video: Gute Tipps von Traore

bundesliga.de: Sie sind bald drei Jahre bei der Borussia. Wenn Ihr Vertrag im Sommer 2018 ausläuft, haben Sie das Trikot der Borussia bereits länger als jedes andere getragen. Was spricht über 2018 hinaus für die Bundesliga im Allgemeinen und für die Borussia im Besonderen?

Traore: Die Ausgeglichenheit der Bundesliga habe ich als herausragendes Merkmal ja bereits genannt. Und ich glaube, dass sich das in der kommenden Saison sogar noch steigern lässt. Dann werden die Teams, die in dieser Saison ihre Ziele vielleicht nicht erreichen konnten, unbedingt erneut angreifen und dieses Ergebnis korrigieren wollen. Der Kampf um die internationalen Plätze dürfte noch spannender werden als er es jetzt ohnehin schon war bzw. im Augenblick ja noch ist.

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bundesliga.de: Und mögliche Argumente für die Borussia?

Traore: Mittlerweile bin ich – für einen Profi-Fußballer – nicht mehr der Jüngste und möchte es ruhiger haben als vielleicht noch vor vier, fünf Jahren. Mir ist wichtig, dass ich einen Verein habe, den ich selbst sehr schätze, bei dessen Verantwortlichen ich andererseits aber ebenfalls sehr geschätzt werde. Alles das finde ich bei Borussia. Und zumindest unter diesem Aspekt gibt es überhaupt keinen Grund, irgendwo anders hinzugehen.

bundesliga.de: Ihre Fähigkeiten stehen jedem Verein gut zu Gesicht: So hat vor einiger Zeit eine Statistik belegt, dass Sie in den fünf großen europäischen Ligen nach u. a. Neymar und Messi der Spieler mit den viertmeisten Dribblings sind. Werden Dribblings immer schwieriger in einer Zeit, in der auch Abwehrspieler technisch immer stärker sind?

Traore: Zu dribbeln, das ist nicht einfach. Das kann nicht jeder. (lacht) Nein, mal ernsthaft. Zu dribbeln, das ist mein Spiel. Ein Dribbling sieht fast immer schön aus, aber es sollte auch zum Erfolg führen. Zu dribbeln nur um des Dribbelns Willen, das kann es nicht sein, und das ist auch nicht mein Ding. Ob Dribblings schwieriger geworden sind? Ich glaube schon, weil das Niveau im Fußball insgesamt mittlerweile so hoch ist, dass es immer schwieriger wird, mit dem Ball am Fuß an einem Gegenspieler vorbeizukommen.

bundesliga.de: Welcher Bundesliga-Spieler begeistert Sie aktuell am meisten?

Traore: In der Bundesliga hat Ousmane Dembele in dieser Saison gezeigt, dass er ein fantastischer Spieler und ein toller Dribbler ist. Und Ähnliches gilt auch für meinen Nationalmannschaftskollegen Naby Keita. Was beim ihm ganz besonders auffällt: Normalerweise sind Dribbler Spieler, die auf dem Flügel agieren. Naby Keita aber kommt eher durch die Mitte. Trotzdem ist er kaum aufzuhalten, dribbelt und macht erfolgreich Slaloms durch die gegnerischen Abwehrreihen – das ist noch mal eine ganz besondere Qualität.

bundesliga.de: Sie sind jemand, der nicht nur in Bezug auf den Fußball durchaus eine eigene Sicht auf die Dinge hat und haben sich kürzlich mit der Mönchengladbacher Schriftstellerin Susanne Goga getroffen. Was haben Sie mitgenommen aus diesem Gespräch?

Traore: Mir ist es als Mensch wichtig zu verstehen, in welcher Welt wir alle leben. Und das beinhaltet, dass ich mich nicht nur für Fußball, sondern auch für andere Menschen interessiere und dafür, wie die leben. Sie wissen vielleicht, dass ich früher selbst davon geträumt habe, Schriftsteller zu werden. Wie ein Schriftsteller aber tatsächlich arbeitet, das wusste ich nicht. Ich wusste nicht, ob man als Schriftsteller vielleicht lieber nachts arbeitet, wenn alles ruhig ist. Oder wie man überhaupt ein Thema und dann, wenn man eins hat, einen Anfang findet. Deshalb war dieses Treffen mit Susanne so interessant für mich.

bundesliga.de: Sie haben den Profi-Fußball als "Traumwelt, die total gläsern ist" bezeichnet. Kann diese Traumwelt auch schon mal zu einer Alptraumwelt werden?

Traore: Zunächst einmal möchte ich den Begriff "Traumwelt" relativieren. Wir alle, Spieler und Fans, wir lieben den Fußball und würden nie auf ihn verzichten wollen. Fußball soll uns allen doch vor allem Freude schenken. Vor einer Woche, bei den Ereignissen in Dortmund, haben wir aber erfahren müssen, dass wir am Ende alle nur Menschen mit denselben Ängsten sind. Spätestens eine solche Realität macht uns alle gleich.

Das Gespräch führte Andreas Kötter