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Köln - Sie haben es geschafft. Nach dem 2:1-Sieg im zweiten Relegationsspiel beim KSC brechen bei den Rothosen alle Dämme. Doch die Verantwortlichen wissen ganz genau, dass ihnen noch viel Arbeit bevorsteht, um eine weitere Zittersaison zu vermeiden.

Aus der Mannschaftskabine der Hamburger drangen alle Klassiker, die auch die Fankurve für solche Fälle parat hält. Slogans wie "Niemals zweite Liga“ waren also im Hintergrund zu hören, als die Karlsruher Spieler in der Interviewzone ihrer Enttäuschung Luft machten – auch über den Freistoß-Pfiff aus der 90. Minute, der den HSV nach 0:1-Rückstand wieder ins Spiel gebracht hatte, ehe  Nicolai Müller dem HSV in der Verlängerung ein weiteres Jahr erste Liga bescherte. 

Klarer Aufwärtstrend 

Im Hamburger Lager waren Diskussionen über eine Schiedsrichterentscheidung hingegen verständlicherweise nicht das Hauptthema. "Das ist jetzt einfach nur eine Riesenerleichterung“, sagte Nicolai Müller, der mit seinem 2:1 in der Verlängerung alles klargemacht hatte. „Von uns fällt gerade der ganze Druck dieser Saison ab.“ Auch aus  René Adler, der sein Team in den letzten Minuten der regulären Spielzeit schon in der Zweiten Liga gesehen hatte, sprudelte die Freude nur so heraus: "Das war heute ein Sieg des ganzen Teams. Ich bin stolz darauf, was die Mannschaft in den letzten Wochen geleistet hat." 

Tatsächlich war beim HSV spätestens seit Bruno Labbadia das Steuer übernommen hat, ein klarer Aufwärtstrend festzustellen. Kämpferisch und taktisch war schon in den letzten Saisonspielen eine Weiterentwicklung festzustellen, auch beim ersten Relegationsspiel in Hamburg konnte man dem Team zumindest in Sachen Lauf- und Einsatzbereitschaft keinen Vorwurf machen.

Nun, in Karlsruhe, stimmte auch im spielerischen Bereich einiges. Statt langer Bälle sah man gelungene Kombinationen, an denen auch zwei Spieler Anteil hatten, die in den vergangenen Wochen viel Kritik hatten einstecken müssen: Lewis Holtby und  Rafael van der Vaart zeigten im Mittelfeld eine gute Partie und hatten ihren Anteil an der starken ersten Hamburger Hälfte. Holtby gab auch nach seiner Auswechslung alles: nach dem Ausgleichtreffer durch Marcelo Diaz spurtetet er schnurstracks über den Rasen zur Gästekurve und feierte dort mit seinen Kollegen. Dass er dafür die gelbe Karte sah, dürfte er verschmerzt haben.

"Abstiegskampf ist Scheiße“

Als das Spiel beendet war, musste sein Coach einen wahren Interview-marathon abarbeiten. Er tat das souverän und sympathisch und vergaß auch nicht, dem Gegner Respekt zu zollen "Es ist unglaublich, was ihr uns in den beiden Spielen abverlangt habt. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie ich mich fühlen würde, wenn wir das Spiel nicht gewonnen hätten.“ Auch aus seinem eigenen Gefühlsleben machte er kein Hehl: "Die letzten Wochen waren brutal. Abstiegskampf ist einfach Scheiße. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Trainer. Ich habe großen Respekt für die Kollegen, die das öfter mitmachen müssen.“

Damit das in der kommenden Saison anders wird, muss sich beim HSV einiges ändern. Doch das scheint niemandem bewusster zu sein als den Verantwortlichen, die für die kommenden Tage und Wochen viele Gespräche ankündigten. "Wir werden uns zusammensetzen“, sagte Dietmar Beiersdorfer, der Vorstandsvorsitzende und bat wie Trainer Labbadia um Verständnis, dass ihm so unmittelbar nach Spielschluss der Sinn nach Feiern stehe. Der Plan wurde prompt umgesetzt: Noch in den Morgenstunden des Dienstag sah man Offizielle und Spieler dann auch in der Kneipe "Erikas Eck“ am Hamburger Schlachthof. Mittendrin: Beiersdorfer und Bruno Labbadia. 

Aus Karlsruhe berichtet Tobias Schächter