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Berlin – Es wird langsam wieder bei der Alten Dame: Nach sechs Spielen unter Pal Dardai zeigt Hertha BSC einen klaren Aufwärtstrend.

Es war eine Art Freudscher Versprecher, der Herthas Trainer Pal Dardai auf der Pressekonferenz nach dem 2:2-Untentscheiden gegen den FC Schalke 04 (Spielbericht) unterlief. Mit Blick auf das Tor der Gäste in der 90. Minute sagte der Ungar: "Wenn man schon verliert, dann bitte nicht so." Dabei war es doch nur der Ausgleichstreffer gewesen. Aber natürlich - in dem Moment fühlte es sich für die Herthaner ein bisschen wie eine Niederlage an.

Fast gewonnen gegen den Champions-League-Sieger-Besieger

"Vor dem Spiel hätten wir uns sicherlich gefreut über einen Punkt", brachte es Mittelfeldmotor Per Ciljan Skjelbred auf den Punkt, "aber am Ende war es schade, dass es nicht drei geworden sind." Dennoch: Mindestens dieser eine Punkt war absolut verdient gewesen. Zwar hatte Hertha weniger Ballbesitz und gewonnene Zweikämpfe zu verzeichnen, doch nach Torschüssen war das Spiel nahezu ausgeglichen. Und das gegen ein Team, das unter der Woche 4:3 beim Champions-League-Sieger Real Madrid gewonnen hatte.

Sicher, die Knappen waren von ihrem Spanien-Trip auch ein bisschen müde gewesen. Aber trotzdem muss man es erst mal schaffen, über sechs Kilometer mehr als die gegnerische Mannschaft zu laufen. Es war nicht das erste Mal unter Dardai, das die Hertha das laufstärkere Team war (Topdaten). In Stuttgart liefen die Hauptstädter sogar über 125 Kilometer und damit Ligabestwert. Unter Luhukay waren die Blau-Weißen noch eines der laufschwächsten Teams gewesen. Die neu gewonnene Bewegungsfreude ermöglicht einen unglaublich starke Kompaktheit des Teams in der Defensive.

Auch nach vorne läuft es wieder

Doch die Partie gegen Schalke zeigte noch mehr: Inzwischen hat Hertha auch im Spiel nach vorn wieder etwas zu bieten. Unter der Woche hatte Dardai immer wieder die Offensive trainieren lassen. Zwar überlässt die Alte Dame dem Gegner weitestgehend den Ballbesitz. Aber nach der Eroberung des Spielgerätes geht es inzwischen mit schnellen, durchdachten Spielzüge in Richtung des gegnerischen Gehäuses.

Damit einher geht ein weiterer Faktor: Die BSC-Spieler verfügen wieder über Selbstbewusstsein. Sei es Stürmer Salomon Kalou, der unter Luhukay praktisch abgemeldet war, und nun gesetzt ist. Sei es der Schweizer Nationalspieler Valentin Stocker, der mittlerweile an neun Toren beteiligt war. Oder Youngster John Anthony Brooks, der zwar gegen Schalke bei beiden Gegentoren nicht wirklich gut aussah, aber dennoch insgesamt wesentlich souveräner agiert als vor dem Trainerwechsel. Der Deutsch-Amerikaner lobt das Klima in der Mannschaft: "Wir haben uns als Team gefunden, alle ziehen an einem Strang."

Ben-Hatira und Cigerci nehmen Fahrt auf

Zwei Personalien sind aber vielleicht noch wichtiger: Die beiden Langzeitverletzten Änis Ben-Hatira und Tolga Cigerci nehmen langsam aber sicher wieder Fahrt auf. Ben-Hatira brachte die Hertha gegen Schalke mit 1:0 in Führung. Für den in Berlin geborenen tunesischen Nationalspieler war es das zehnte Tor im 50. Bundesligaeinsatz für die Alte Dame. Und das erste Spiel in der Startelf in diesem Kalenderjahr.

Da will Tolga Cigerci erst noch hin. Der türkische Nationalspieler fiel mit einer komplizierten Zehenverletzung fast ein Dreiviertel Jahr aus. Nun wurde er zwei Mal in Folge eingewechselt. Bald könnte die Fitness des 22-Jährigen endlich auch wieder für die Startelf reichen. Zeit wird es für Herthas spielintelligentesten Akteur. Denn nun kommen die Wochen der Wahrheit. Bereits am Freitag geht es zum Hamburger SV. Danach folgen die Spiele gegen Hannover, Paderborn und Köln – allesamt direkte Konkurrenten der Berliner im Kampf um den Klassenerhalt. Jay Brooks gibt für die Partie beim HSV schon mal die Marschroute vor: "Da spielen wir auf Sieg", um schnell hinzuzufügen: "Wie bei jedem Spiel."

Aus Berlin berichtet André Anchuelo