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Der Kampf um den Meistertitel ist in dieser Saison überaus spannend - aber auch am anderen Tabellenende ist Feuer drin. bundesliga.de sucht nach den Faktoren, die über Abstieg und Klassenerhalt entscheiden und fragt dazu bei einem Fachmann in Sachen Klassenerhalt nach: Klaus Augenthaler.

Kein anderer Trainer hat mehr - positive - Erfahrung im Bundesliga-Abstiegskampf als der 27-malige Nationalspieler. In den vergangenen zehn Jahren landete er mit drei Clubs insgesamt vier Mal am Saisonende auf dem rettenden 15. Tabellenplatz.

So führte der Ex-Libero den 1. FC Nürnberg 2002, Bayer Leverkusen 2003 und den VfL Wolfsburg 2006 und 2007 zum viel umjubelten Klassenerhalt. Oft fiel die Entscheidung denkbar knapp an den letzten zwei Spieltagen.

Ruhe bewahren

Worauf also kommt es im Abstiegskampf an? "Man muss die Ruhe bewahren", erklärt Augenthaler. "Gerade an den letzten Spieltagen kommen viele ungute Strömungen von außen rein. Wenn man als Trainer da nicht seine Linie behält, dann wird es ein Lotteriespiel."

Den Druck von außen abzufedern, ist die eine Sache, die Stimmung im Team richtig zu deuten, die andere: "Gerade wenn es auf entscheidende Spiele zugeht, gibt es manchmal diese gespielte 'Das schaffen wir locker'-Attitüde im Team. Da muss man als Trainer dann mehr Druck erzeugen", erläutert der Weltmeister von 1990 - und fügt sogleich an: "Meistens muss man aber eher Druck wegnehmen."

"Sollen wir den Trainer beruhigen?"

Für Augenthaler ist es wichtig, in angespannten Situationen konzentriert weiterzuarbeiten: "Groß Dinge zu veranstalten, plötzlich Kegeln zu gehen oder einen Mental-Trainer einzustellen, das halte ich oft für Aktionismus."

Der größte Fehler, den ein Trainer machen kann, ist für den Ex-Coach von Nürnberg, Leverkusen und Wolfsburg, die Mannschaft zu verunsichern: "Fatal ist, wenn man zwei Spieltage vor Schluss erst dieses versucht und dann jenes, bis die Mannschaft plötzlich merkt: 'Hoppla, der Trainer ist sich unsicher! Wie sollen wir da sicher sein? Sollen wir etwa den Trainer beruhigen, dass wir das schon schaffen?'"

Paukenschlag in 42 Sekunden

So weit ließ es Augenthaler 2007 nicht kommen. Der VfL Wolfsburg stand zwei Spieltage vor Saisonende auf Rang 15 und benötigte noch einen Sieg für den Klassenerhalt. "Irgendwann ging es in den Medien nur noch um meine Person beziehungsweise darum, wer mein Nachfolger wird", erinnert sich Augenthaler. Und so kam es zur berühmten Pressekonferenz.

"Es gibt vier Fragen und vier Antworten. Die Fragen stelle ich - und die Antworten gebe ich auch", erklärte ein brodelnder Klaus Augenthaler den Pressevertretern. Nach 42 Sekunden war eine der kuriosesten Pressekonferenzen der Bundesliga-Geschichte beendet.

"Das habe ich nicht getan, um ins 'Guinness Buch der Rekorde' zu kommen", sagt der einstige Profi des FC Bayern München rückblickend. "Ich wollte die Leute wieder daran erinnern, worum es geht, nämlich drei Punkte zu holen. Wer mein Nachfolger wird, war mir egal. Ich wollte nicht absteigen mit der Mannschaft, darum ging es mir."

Wettrüsten in der Winterpause

Traditionell rüsten Abstiegskandidaten in der Winterpause personell nach. Das ist nicht immer sinnvoll, wie Klaus Augenthaler findet. "Es ist in der Winterpause oft wichtiger, sich von Spielern zu trennen", erklärt "Auge".

"Um Ruhe rein zu bekommen, muss ich Brandherde innerhalb der Truppe beseitigen, die etwa durch unzufriedene Spieler entstehen."

Favoritenkreis am Tabellenende

Wer die Bundesliga am Ende dieser Spielzeit verlassen muss, will der Ex-Profi nicht orakeln. Ein Favoritenkreis habe sich aber schon gebildet: "Frankfurt und Hannover werden mit dem Abstieg nichts zu tun haben, dafür sind beide Kader zu stark. Cottbus wird bis zum Schluss kämpfen müssen und auch Bielefeld wird es schwer haben."

Die anderen Abstiegskandidaten haben zuletzt kräftig Personal rekrutiert: "Bei Karlsruhe und bei Gladbach muss man sehen, ob die Verstärkungen auch zu den nötigen Ergebnissen führen. Ich denke aber, dass bei den fünf Mannschaften, die derzeit hinten stehen, auch die drei dabei sind, die absteigen beziehungsweise die Relegation spielen werden."

Ewige Weisheiten

Für seine Trainer-Kollegen, die eine nervenaufreibende Rückserie im Abstiegskampf erwartet, hat Klaus Augenthaler eine Weisheit von einem großen Fußballtrainer parat. "Wie Otto Rehagel immer so schön gesagt hat: 'Helm auf und durch!'. Mit einer klaren Linie", empfiehlt der abstiegskampferfahrenste Bundesliga-Coach der vergangenen zehn Jahre. Und er muss es ja wissen.

Norbert Obkircher