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Hannover - Auf "Wolke Sieben" schwebt zurzeit Hannover 96, weisen die Niedersachsen doch die beste Bilanz seit 46 Jahren auf. In den ersten acht Spielen verließen sie nur beim VfB Stuttgart den Rasen als Verlierer, das gab es nie zuvor. Der Lohn: 15 Punkte und Rang 5. Diese Erfolgsserie soll am Sonntag beim 1. FC Köln fortgesetzt werden. Doch Vorsicht: Die Rheinländer entpuppten sich schon in der vergangenen Spielzeit als Euphoriebremse für die Elf von Trainer Mirko Slomka.

Am 25. Spieltag der Vorsaison feierten die Leinestädter mit einem 3:1-Heimerfolg gegen den FC Bayern München ihren dritten Sieg in Folge und schielten mit einem Auge sogar auf Rang 3 und die damit verbundenen Champions-League-Qualifikation. In der Woche darauf wurden sie auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt - vom 1. FC Köln, der die Hannoveraner mit 4:0 klar in die Schranken wies. Eine Wiederholung wollen die Niedersachsen unbedingt vermeiden.

96 gewinnt die wichtigen Zweikämpfe

Gegen einen erneuten Einzug in den internationalen Wettbewerb hätte in der Landeshauptstadt Niedersachsens dagegen wohl niemand etwas einzuwenden. Dabei hatten zu Saisonbeginn nur wenige dem Vorjahres-Vierten zugetraut, das Niveau zu halten. 96-Trainer Mirko Slomka setzt dabei weiter auf sein Erfolgsrezept: Aus einer kompakten Defensive heraus mit so wenig Pässen wie möglich schnell nach vorne spielen und zum Torabschluss kommen.

Bisher kommt Hannover insgesamt nur auf 2356 Zuspiele, einzig der VfL Wolfsburg (2329) sowie der FC Augsburg (2123) haben noch weniger Pässe gespielt. Die 96er schieben den Ball also nicht lange quer, sonden setzen auf die bewährten überfallartigen Angriffe nach Balleroberung.

Dabei sind die Niedersachsen in den Zweikämpfen noch nicht einmal besonders dominant. Mit nur 46,4 Prozent gewonnenen Zweikämpfen hat die Slomka-Elf in dieser Statistik sogar die "Rote Laterne" inne. Doch wichtig ist offenbar nicht, wie viele Zweikämpfe man gewinnt, sondern welche.

Abdellaoue ist "Mr. Effektiv"

Auch das Offensivspiel der Hannoveraner erinnert stark an die vergangene Saison. Die Effektivität in der Chancenauswertung hat nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Mit einer Trefferquote von 11,7 Prozent rangieren die "Roten" im oberen Tabellen-Drittel. Von den insgesamt 94 Torschüssen flogen zudem starke 43,6 Prozent auch auf den Kasten, nur der FC Bayern München hat in dieser Kategorie eine bessere Quote (44,6 Prozent).

Acht der elf Saisontore gehen dabei auf das Konto der drei etatmäßigen Angreifer. Und das, obwohl Mohammed Abdellaoue und Didier Ya Konan oftmals angeschlagen waren. Vor allem Abdellaoue ist an Effektivität kaum zu überbieten. Der norwegische Nationalspieler stand nur 358 von 720 Minuten auf dem Feld, traf dabei aber schon sechs Mal. Sein Teamkollege Ya Konan, der in der vergangenen Spielzeit 14 Treffer erzielte, stand nicht viel länger auf dem Platz. Bei ihm zappelte der Ball bisher erst ein Mal im Netz.

Dieses eine Tor war aber ein enorm wichtiges, machte er damit doch den späten 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund perfekt. Ausgerechnet der dritte im Bunde, Jan Schlaudraff, der in der Vergangenheit durch einige Verletzungen immer wieder zurückgeworfen wurde, lief als einziger in allen acht Spielen von Beginn an auf. Er kommt auf ein Tor und eine Vorlage.

Anspruch ist gestiegen

Flexibler sind die Hannoveraner in ihrer taktischen Ausrichtung geworden. So stellte Slomka beim torlosen Remis gegen den FC Augsburg in der Halbzeitpause von einem 4-4-2 auf ein 4-1-4-1-System um. Dadurch sollte seine Elf mehr Torgefahr entwickeln, was auch gelang. Allerdings nutzte sie ihre Chancen nicht. "Diese taktische Maßnahme könnte immer mal wieder Anwendung finden", kündigte der Übungsleiter an.

Hannover 96 ist also dabei, sich im oberen Tabellen-Drittel festzusetzen. Doch damit geben sich die 96er nicht mehr zufrieden. Im Gegenteil. "Natürlich hätten wir schon gerne mehr Punkte auf dem Konto und hatten auch die Chance dazu", merkte Mittelfeldspieler Sergio Pinto mit Blick auf die Unentschieden gegen Mainz, Hertha und Augsburg kritisch an. "Insgesamt kann man schon zufrieden sein, aber wir müssen uns auch noch weiter einspielen und lernen."

Lernen müssen sie nicht mehr viel bei den eigenen Standardsituationen. Dort sind sie gemeinsam mit dem Hamburger SV und dem FC Bayern Bundesliga-Spitze. Gleich sechs der elf Treffer entstanden nach einem ruhenden Ball.

Köln als Gradmesser

Keine Frage, das Vertrauen in die eigenen Stärken ist bei Hannover 96 gestiegen, auch nach einer Führung lässt die Konzentration nicht nach. Vier Mal gingen die "Roten" bislang mit 1:0 in Front, dabei sprangen drei Siege und ein Remis heraus.

In der Domstadt steht Hannovers Erfolgsrezept nun auf dem Prüfstein. In der Vorsaison griffen all diese Mittel gegen die "Geißböcke" nämlich nicht. Dort wird sich zeigen, wie weit Hannover in seiner Entwicklung zu einem Spitzenteam tatsächlich schon ist.

Robin Schmidt