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München - Gerhard Poschner kennt Pep Guardiola noch aus Spielerzeiten. Zwischen 1999 und 2001 war der 43-Jährige in der Primera Division für Rayo Vallecano aktiv, Guardiola spielte für den FC Barcelona. Einige Jahre später, in der Saison 2009/10, liefen sich die beiden erneut über den Weg. Poschner stand bei Real Saragossa als Sportdirektor unter Vertrag, Guardiola trainierte den FC Barcelona.

Im Sommer beerbt Guardiola Jupp Heynckes als Trainer des FC Bayern. Spanien-Experte Poschner kann die Münchner zu ihrer Verpflichtung nur beglückwünschen: "Ich halte ihn für einen der drei besten Trainer der Welt".

Poschner lebt heute noch in Spanien, kennt die Primera Division und auch Guardiola selbst. Im Interview spricht der 43-Jährige über den Menschen Guardiola, seine Spielphilosophie und seinen Umgang mit Topstars.

bundesliga.de: Herr Poschner, welchen Stellenwert genießt Pep Guardiola in Spanien?

Gerhard Poschner: Guardiola hat in Spanien einen unglaublichen Stellenwert. In allen Belangen. Nicht nur, was das Fachliche, sondern auch, was das Menschliche angeht.

bundesliga.de: Was macht den Menschen Guardiola aus?

Poschner: Ihm sind nicht alle Mittel recht, um zu gewinnen. Er hat einen Respektanspruch, einen Ethikanspruch, gegenüber seiner Mannschaft und der des Gegners, auch außerhalb des Platzes. In diesem Bereich geht er als absolute Vorbildfunktion voran. Deshalb habe ich unglaublich hohen Respekt vor ihm.

bundesliga.de: Wie hat man seinen Wechsel in Spanien aufgenommen?

Poschner: Aufgrund der Offerten aus dem Ausland war es einerseits überraschend. Andererseits aber auch nicht, wenn man Guardiola kennt und weiß, wie er tickt. In München arbeitet er für einen Verein mit sportlicher Perspektive und Stabilität in der Führung. Das war für ihn ausschlaggebend.

bundesliga.de: Was bedeutet Guardiolas Wechsel für die Bundesliga?

Poschner: Mit Guardiola wechselt ein Guru unter den modernen Trainern nach Deutschland. Das ist für die Bundesliga ein absolutes Ausrufezeichen und ein Aushängeschild. Ich halte ihn für einen der drei besten Trainer der Welt.

bundesliga.de: Wie groß ist seine Strahlkraft? Glauben Sie, dass wegen ihm Topstars zum FC Bayern kommen?

Poschner: Das glaube ich nicht. Der FC Bayern war schon immer einer der ganz großen Vereine in Europa, der auch in der Vergangenheit große Trainer gehabt hat. Außerdem geht es Guardiola nicht um Stars. Er würde die F-Junioren meines Heimatvereins mit derselben Leidenschaft trainieren wie die Bundesligamannschaft des FC Bayern. Er liebt einfach das Spiel, er geht darin auf. Jeder Star, der sich bei ihm in dieses Puzzle einfügen will, ist herzlich willkommen. Aber es spielt für ihn keine Rolle, ob das ein Talent aus Unterhaching ist oder ein Spieler von Weltformat. Es werden die spielen, die seine Art, Fußball spielen zu lassen, am besten verkörpern.

bundesliga.de: Guardiola hat beim FC Barcelona eine ganz klare Philosophie verfolgt. Viel Ballbesitz und schnelles Kurzpassspiel bestimmten das Spiel der Katalanen. Wird er versuchen, dieses System auch beim FC Bayern durchzusetzen?

Poschner: Guardiola hat das Spiel des FC Barcelona ja nicht neu erfunden. Er hat diese Spielweise verfeinert und perfektioniert. Er wird seiner Philosophie auch beim FC Bayern treu bleiben, aber auch so intelligent sein, zu wissen, dass er sich den Gegebenheiten auch anpassen muss. Aber er wird sein Spiel nicht grundlegend verändern.

bundesliga.de: Werden es Spielertypen, die technisch sehr stark sind, bei ihm leichter haben als andere?

Poschner: Jeder Trainer hat Vorlieben für eine gewisse Art von Spielern. Man kann natürlich nicht wegdiskutieren, dass Spieler wie Schweinsteiger und Kroos eher dem Ideal Guardiolas entsprechen. Aber jeder wird bei ihm seine Chance bekommen.

bundesliga.de: Guardiola kannte den FC Barcelona vor seinem Trainerengagement wie seine Westentasche, er war dort elf Jahre als Spieler aktiv. Die Bayern und die Bundesliga muss er erst kennenlernen. Welche Risiken birgt das?

Poschner: Ich würde nicht von Risiken sprechen, sondern von Herausforderungen. Guardiola muss sich an ein neues Land, eine neue Liga, eine neue Sprache und an eine neue Medienlandschaft gewöhnen. Sowohl er als auch die Verantwortlichen des FC Bayern sind sich dieser Herausforderungen bewusst und werden nicht die Erwartungen haben, dass vom ersten Moment an jedes Rädchen ins andere greift.

bundesliga.de: In Barcelona steht immer das Team im Vordergrund. Der Star ist die Mannschaft. Könnte es beim FC Bayern zu Reibereien zwischen Topstars wie Robben oder Ribery und Guardiola kommen?

Poschner: Bei Barcelona gibt es genau einen Spieler, der sich gewisse Freiheiten erarbeitet und verdient hat. Das ist Messi. Immer in dem Wissen, dass er seine Freiheiten in den Dienst der Mannschaft stellt. Guardiola wird niemals auf die Qualität eines außergewöhnlichen Spielers verzichten, solange er das Gefühl hat, dass er seine Freiheiten dazu nutzt, die Mannschaft besser zu machen. Das wird auch bei Robben und Ribery so sein.

bundesliga.de: Hat Guardiola die richtige Mentalität für den FC Bayern?

Poschner: Ich gebe dieser Zusammenarbeit eine sehr große Chance. Eine Garantie, dass verschiedene Kulturen miteinander auskommen, gibt es nie. Verschiedene Elemente können sich gut ergänzen, wenn man vernünftig miteinander umgeht. Und diese Chance sehe ich bei dem Verhältnis zwischen Guardiola und dem FC Bayern definitiv.

Das Gespräch führte David Schmidt