ANZEIGE

Mönchengladbach - Als die Schlacht geschlagen und der TV-Marathon samt Pressekonferenz absolviert war, gesellte sich Lucien Favre noch einmal zu den Medienvertretern der schreibenden Zunft. Gelöst wirkte er, stolz auf seine Mannschaft, aber auch etwas müde nach den anstrengenden letzten Tagen.

Dennoch lauschte er wachsam den Fragen, gewohnt gestenreich beantwortete er sie, auch mit Anleihen bei der Comicsprache. "Puh“, sagte er oder "boah“, wenn ihm die Worte ausgingen.

Boah! Puh! Zack!

"Die Bayern waren immer brandgefährlich. Es war, boah“, ordnete Favre die Begegnung sympathisch ein. "Puh, es war sehr schwer.“ Aber, zack, die Borussia konnte sich aus der frühen Umklammerung der bayrischen Übermacht immer besser befreien und ihr im zweiten Durchgang das eigene Konterspiel aufzwingen. Da konnten die Bayern nur noch "Argh“ machen und sich bei ihrem Torhüter Manuel Neuer bedanken, dass sie den Platz nicht als Verlierer verlassen haben. Würde man das Spiel als Comic herausbringen, es hätte das Zeug zum Verkaufsschlager.

Doch Spaß beiseite. Es war ein mitreißendes Spiel, in dem die Borussen ihr Vorhaben eindrucksvoll in die Tat umsetzten. "Bock“ auf das Spiel hatten sie, wie Patrick Herrmann treffend formulierte, ohnehin gehabt, mit "Respekt aber ohne Angst“ waren sie die Aufgabe angegangen. Am Ende war kein großer Unterschied zwischen den Mannschaften zu erkennen. In dieser Form kann die Elf vom Niederrhein ganz sicher auch um die Champions-League-Plätze konkurrieren.

Großes Lob von Lahm

"Borussia Mönchengladbach werden wir als Verfolger so schnell nicht los“, sagte Philipp Lahm nach dem Topspiel im Borussia-Park. Der Kapitän des FC Bayern muss es wissen, schließlich wurde sein Team vielleicht noch in keiner Partie dieser Saison so gefordert wie beim zwar torlosen, aber dennoch äußerst spektakulären 0:0.

Keines der 15 Pflichtspiele in dieser Saison ging verloren, nur einmal, in Freiburg, stand eine Partie auf der Kippe. Doch beim 0:0 im Breisgau am 2. Spieltag vergab der Sport-Club einen Elfmeter. Danach ließ Gladbach fast nichts mehr anbrennen, zeigte Topspiele wie gegen Schalke, Hannover oder die Bayern und nahm routiniert in den Spielen Punkte mit, in denen die Durchschlagskraft einmal fehlte, wie beim ebenfalls torlosen Remis im rheinischen Derby in Köln.

"Hätte ein 1:0 für uns werden können"

Erst vier Gegentore kassierte Borussia in neun Bundesliga-Spielen (neuer Vereinsrekord), Platz 2 hat sie sich verdient. "Die Tabelle lügt nicht. Wir sind derzeit die zweitbeste Mannschaft in Deutschland“, sagt Weltmeister Christoph Kramer entsprechend selbstbewusst. "Mich hat gefreut, dass wir über 90 Minuten gut verteidigt haben. Man darf gegen Bayern keinen Millimeterfehler machen. Wir haben es gut gemacht“, lobte Lucien Favre seine Mannschaft, die nach dem Seitenwechsel auch bewusst mehr Risiko ging und sich einige Großchancen erspielte.

"In der zweiten Halbzeit sollte die Mannschaft spielerisch und im Spielaufbau mehr wagen, die Lücke finden und nach vorne kombinieren“, lautete Favres Ansage frei nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung. "Das haben wir besser gemacht. Wir haben höher gespielt und mehr gewagt, waren mehr am Mann. Es hätte ein 1:0 für uns werden können.“

Vorbild für andere Bayern-Gegner

Mönchengladbach hat der Liga vorgemacht, wie man gegen den FC Bayern agieren muss und dass es möglich ist, gegen die Übermannschaft zu bestehen (Taktik-Analyse: Das kann die Bundesliga von Gladbach lernen). Als Bayern-Jäger sehen sich die Borussen dennoch nicht. „Wir sind in der Tabelle die Nummer 2. Aber Hoffenheim und Wolfsburg haben genauso viele Punkte“, sagte Favre. "Es ist so eng bis Platz 10.“

Der Blick ist lieber auf die Konkurrenz dahinter gerichtet als auf die Tabellenspitze, von der die Rheinländer vier Punkte getrennt sind. Die Selbsteinschätzung ist realistisch, schließlich wissen die Gladbacher auch aus eigener Erfahrung, dass Rückschläge immer möglich sind. Im vergangenen Jahr hatte Borussia nach 15 Spielen zehn Siege und 31 Punkte auf dem Konto. Es folgte eine Durststrecke von neun Spielen ohne Dreier.

In dieser Saison hat der Verein daher den Kader noch breiter aufgestellt und qualitativ verbessert. Lucien Favre kann viel mehr rotieren und macht davon auch reichlich Gebrauch, ohne dass die Mannschaft dadurch geschwächt wird. "Wir versuchen, uns weiter zu verbessern und unsere Punkte zu holen“, sagt Sportdirektor Max Eberl. "Das tun wir momentan mit einer unglaublichen Stabilität und auch völlig verdient. Wir wollen das so lange wie möglich ausweiten. Ich hoffe, dass Philipp Lahm dann mit seiner Wahrsagung auch recht behält.“

Tobias Gonscherowski