ANZEIGE

München - Gerhard Poschner spielte zwischen 1987 und 1998 sieben Jahre für den VfB Stuttgart und vier Jahre für Borussia Dortmund. Mit dem VfB gewann er 1997 den DFB-Pokal, mit dem BVB wurde er Vizemeister.

Kurioserweise wurde der heute 42-Jährige niemals Deutscher Meister, obwohl die beiden Vereine in dieser Zeit drei Mal den Titel holten. Doch da stand Poschner immer beim jeweils anderen Club unter Vertrag. Im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de analysiert der Experte die Kontrahenten vom kommenden Samstag.

bundesliga.de: Herr Poschner, am Samstag treffen im Topspiel des 11. Spieltags Ihre beiden Ex-Vereine, der VfB Stuttgart und Borussia Dortmund, aufeinander. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Abschneiden des VfB?

Gerhard Poschner: Der VfB Stuttgart hat bislang eine sehr zufriedenstellende Saison gespielt, auch wenn Spiele dabei waren, die nicht so überzeugend waren. Die Punkteausbeute und der Tabellenplatz sind sehr gut. Es gibt derzeit nicht viel zu meckern. Die Mannschaft wirkt schon gefestigt und steht hinten relativ sicher. Am Spielerischen muss noch etwas gefeilt werden. In der Offensive verfügt der VfB über hervorragende Einzelspieler wie Martin Harnik oder Cacau, die mit einer Aktion ein Spiel entscheiden können. Ich mag die Spielweise von Harnik, der für mich kein ausgesprochener Stürmer sondern eher eine sehr torgefährliche hängende Spitze ist.

bundesliga.de: Wie überraschend kommen für Sie die bislang recht guten Leistungen der Schwaben?

Poschner: Der VfB Stuttgart war schon immer ein großer, ambitionierter und etablierter Verein in der Bundesliga. Im vergangenen Jahr musste er ein holpriges Jahr mit Abstiegsangst überstehen. Aber das Thema ist abgehakt. Normalerweise ist der VfB im oberen Drittel der Tabelle zu finden. Deshalb ist das gegenwärtige gute Abschneiden für mich auch nach der guten Rückrunde keine so große Überraschung.

bundesliga.de: Was macht den VfB so stark?

Poschner: Die Schwaben sind erfolgreich, weil die ganze Mannschaft und nicht nur die vier, fünf Defensivspieler ein gutes Abwehrverhalten an den Tag legt. Das hat sie deutlich verbessert. Das ist die Basis. Wenn die stimmt, geht die ganze Mannschaft, die ja auch eine sehr junge ist, entspannter in ein Spiel. Der Neuzugang William Kvist passt gut in die Truppe und hat dem Mittelfeld Stabilität gegeben. Außerdem hält er Kuzmanovic den Rücken frei, der die Stürmer unterstützt.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass Bruno Labbadia in Stuttgart sein Image, nur kurze Zeit erfolgreich arbeiten zu können, korrigieren kann?

Poschner: Ich würde mich freuen, wenn Bruno Labbadia diesmal längerfristig arbeiten kann. Ich schätze ihn als einen sehr fleißigen, akribischen und verbissenen Arbeiter ein. Er ist immer noch ein junger Trainer, der noch keine 20 Jahre im Geschäft ist. Er hat in der Vergangenheit sicherlich Fehler gemacht, aber nach meinem Eindruck daraus gelernt.

bundesliga.de: Kommen wir zu Ihrem anderen ehemaligen Verein Borussia Dortmund, dessen Saisonstart nicht so gut war. Hat sich der BVB nun wieder gefangen?

Poschner: Die Kritik an Borussia Dortmund kann ich nicht verstehen. Für mich ist die Mannschaft nicht aus der Spur gekommen. Auch die Dortmunder haben nach wie vor eine sehr junge Mannschaft. In der vergangenen Saison hat die Borussia über die gesamte Saison auf einem sehr hohen Niveau durchgespielt, ohne einzubrechen. Das war nicht normal.

bundesliga.de: Aber in den ersten sechs Spielen hat Dortmund nur sieben Punkte geholt.

Poschner: Das stimmt. In dieser Saison ist es in ein paar wenigen Spielen nicht ganz so rund gelaufen. Aber niemand konnte erwarten, dass es immer weiter so gut läuft wie in der vergangenen Saison. Es ist dem BVB hoch anzurechnen, dass er sein Niveau insgesamt halten konnte. Das spricht für die Mannschaft.

bundesliga.de: Frappierend sind die Unterschiede zwischen dem Auftreten der Borussia in der Bundesliga und der Champions League. Warum tut sich der BVB in Europa so schwer?

Poschner: Mir war klar, dass von der Borussia in der Champions League keine Wunderdinge zu erwarten sind. Da sind auch andere Qualitäten gefragt. In der Königsklasse gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft, sondern häufig diejenige, die abgeklärter, routinierter und cleverer ist. Da musste Dortmund leider Lehrgeld bezahlen. Ich weiß aber von den Verantwortlichen, dass sie das durchaus einkalkuliert haben.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie den Kampf um die Tabellenspitze in der Bundesliga?

Poschner: In der Bundesliga erhoffe ich mir einen Drei- oder Vierkampf um den Titel. Das wäre gut für die Bundesliga. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass Bayern München weit vorne wegmarschieren und mehr oder weniger ungefährdet die Meisterschaft einfahren wird. Am ehesten könnte Dortmund den Münchenern noch einmal gefährlich werden. Den VfB Stuttgart zähle ich nicht zu den Meisterschaftskandidaten.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski