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Köln - Am 3. November feiert Gerd Müller seinen 70. Geburtstag. In einer vierteiligen Serie blickt bundesliga.de auf das Leben und die beeindruckende Karriere des “Bombers der Nation“.

Während Uwe Seeler und Franz Beckenbauer schon als Jugendliche den DFB-Dress trugen, schaffte es Müller nur bis in die Bayern-Auswahl (vier Einsätze). Der DFB kam nie nach  Nördlingen. Aber nach seiner ersten Bundesliga-Saison, der die WM in England folgte, suchte Bundestrainer Helmut Schön neue Kräfte. Ein Umbruch stand an; Seeler würde ja nicht ewig spielen, er war schon 30. Schön hatte Müller im Januar 1966 erstmals beobachtet und notierte in seiner Auto-Biographie: "Was ich im Stadion an der Grünwalder Straße zu sehen bekam, war schon verblüffend; ein kleiner bulliger Mittelstürmer mit pechschwarzem, militärisch kurz geschnittenem Haar und gewaltigen Oberschenkeln. Technisch schien “kleines, dickes Müller“ nicht gerade zu den Feinmechanikern zu gehören. Aber er nutzte seine kurzen Körperhebel besonders im Strafraum-Gewühl verblüffend. Er war der geborene Mittelstürmer für den modernen Fußball.“

Schlechte Kritik beim Debüt

Das sollte er in den folgenden acht Jahren auch in der Nationalmannschaft beweisen. Wenn auch nicht auf Anhieb. Bei seinem Debüt in Ankara am 12. Oktober 1966 erntete er schlechte Kritiken, die dpa attestierte ihm "eine ganz schwache Leistung“. Müller machte nun einen Schritt zurück, debütierte in Bulgarien an der Seite von Jupp Heynckes in der U 21 – aber Schön behielt ihn im Auge.

Sechs Monate verstrichen bis zum zweiten Länderspiel am 8. April 1967 gegen Albanien. In Dortmund schoss Müller beim 6:0 vier Tore und stellte einen Nachkriegs-Rekord auf – und selbst  wenn der Gegner auch ein Fußball-Zwerg war, hatte sich Müller nun in die Mannschaft geschossen. Erst recht, als Seeler 1968 überraschend zurücktrat. In der WM-Qualifikation für Mexiko avancierte Müller zum „Bomber der Nation“, die Bezeichnung hatte er von Seeler geerbt – bloß weiß das heute keiner mehr.

Namensgeber war die Bild-Zeitung. Müller verdiente sie sich mit einer verblüffenden Serie rettender Tore kurz vor Schluss – wie auf Zypern (1:0), gegen Wales (1:1) oder Österreich (1:0), als er jeweils in der 90. Minute traf. Überhaupt traf er in allen sechs Qualifikations-Spielen und der Kicker kommentierte: "Es ist allmählich an der Zeit, dass nicht hinter allen Toren unserer Nationalelf als Schütze der Name Müller aufgeführt werden muss“.

"Ich hab oan Fehler gemacht!“

Mit der Rückkehr von Uwe Seeler, den Schön im Herbst 1969 überreden konnte, sollte sich das ändern. Doch die Experten zweifelten: diese baugleichen Typen, beides gedrungene Männer, die im Strafraum zuhause waren, würden niemals harmonieren und sich gegenseitig Raum und Bälle streitig machen. Seeler sah das nicht so, Müller schon. Nach dem 0:2 im Testspiel in Spanien ging er im Februar 1970 in die Offensive. Die Bild verknappte seine Aussagen auf der Titelseite so: "Bomber Müller: Uwe oder ich!“ Müller erhielt daraufhin von Schön einen Einlauf, der in der Drohung gipfelte, er wisse gar nicht, ob er Müller mit nehme nach Mexiko. Ausgesprochen vor versammelter Mannschaft. Im Vier-Augen-Gespräch mit Schön knickte Müller ein: "Ich hab oan Fehler gemacht!“ Schön war zufrieden und notierte: "Seine Antworten kamen, wie er spielte: aus der Pistole geschossen, manchmal auch, ohne vorher zu überlegen. Er war so, wie er spielte, und er spielte, wie er war.“

In Mexiko lagen Seeler und Müller dann auf einem Zimmer, weil Co-Trainer Jupp Derwall eine List anwandte und jedem sagte, der andere wolle das so. Auch auf dem Platz harmonierten sie prächtig. Müller avancierte unter Mexikos sengender Mittags-Sonne zum WM-Torschützenkönig, in sechs Einsätzen kam er auf zehn Tore. Legendär sein Siegtreffer in der Verlängerung des Viertelfinals gegen die Engländer zum 3:2 („Mein wichtigstes und schönstes Tor“) und sein Kullerball beim 3:4 gegen Italien im "Spiel des Jahrhunderts“.

Zwar schrieb die mexikanische Zeitung "El Universal“ etwas taktlos: "Wüssten wir nicht, wer er ist, hielten wir ihn eher für einen Kaufmann, der zu viel hinter dem Schreibtisch sitzt, zu wenig Bewegung hat und zu viel isst.“ , doch in Europa wurde Müller zum "Fußballer des Jahres 1970“ gewählt. Eine Auszeichnung, auf die er ungeheuer stolz gewesen ist. Nach Seelers endgültigem Rücktritt gehörte der Strafraum Müller wieder alleine und er übertraf sich selbst. In der EM-Saison 1971/72 erzielte er allein 14 Länderspiel-Tore, löste Seeler als deutscher Rekordtorjäger ab und schoss Deutschland in Belgien zum Europameister. Vier der fünf Treffer der Endrunde gingen auf sein Konto. Belgiens Trainer Raymond Goethals seufzte: "Die Beine von Müller sollte man vergolden – was der alles für Tore schießt!“

Rücktritt in der Final-Nacht

Seine Heimatstadt Nördlingen wollte ihm auf dem Schulhof ein Denkmal errichten, doch Müller intervenierte – bescheiden wie er  war und ist, passte ihm das nicht.  Er stellte sich sein Denkmal zwei Jahre später selbst auf, als er Deutschland am 7. Juli 1974 in München zum Weltmeister schoss. Das 2:1 gegen die Niederlande, ein Schuss aus der Drehung, ebenso unspektakulär wie unhaltbar, war sein 14. und letztes WM-Tor. Dass es auch sein letztes Länderspiel-Tor gewesen war, wollte indes niemand glauben. Doch Müller trat in der Final-Nacht zurück, mit 28 Jahren. Nicht wegen des Ärgers auf dem Bankett, zu dem die Frauen nicht zugelassen waren, sondern der Familie wegen. Der Mann, der ewig Flugangst hatte und am liebsten zuhause war bei Frau und Tochter, zog sich ins Privatleben zurück – so gut das als Bayern-Spieler ging.

Helmut Schön nahm den Rücktritt nicht ernst und kündigte an, mit Müllers Ehefrau zu sprechen, die er hinter dem Schritt vermutete. Auch die Mitspieler Uli Hoeneß, Sepp Maier und Paul Breitner redeten monatelang auf ihn ein, aber Müller blieb bei seinem Entschluss. Vor der EM 1976, verriet er später, hat es ihn doch noch mal gejuckt, "ein Anruf und ich wäre gekommen“. So aber blieb es bei 62 Länderspielen und phantastischen 68 Toren. Die absolute Zahl hat Miroslav Klose (71) im März 2014 erreicht, die Quote von 1,06 Toren pro Spiel wird so schnell keiner mehr erreichen.

Von Udo Muras (Autor der Biografie "Gerd Müller - Der Bomber der Nation")

Alle Teile der Serie zum 70. Geburtstag von Gerd Müller

Teil 1: Die Kindheit von Gerd Müller

Teil 2: Gerd Müller beim FC Bayern München

Teil 3: Gerd Müllers 40-Tore-Saison

Teil 4: Gerd Müller bei der Nationalmannschaft