ANZEIGE

Mainz - Manchmal gibt es Wendungen in Fußballspielen, die Spieler wie ein plötzliches Naturereignis überwältigen und ratlos zurücklassen. Auf den ersten Blick gilt das auch für die Partie von Borussia Mönchengladbach beim FSV Mainz 05 am Samstagabend: Bis zur 73. Minute führte die Borussia 2:0 und schien den Spielverlauf sicher im Griff zu haben. Dann aber ließ Gladbachs Torwart Yann Sommer den Ball nach einem Freistoß von Johannes Geis aus fast 30 Metern zum 1:2 passieren, Max Kruse traf nur eine Minute später statt zum 3:1 nur den Pfosten des Mainzer Tores und wieder nur zwei Minuten später köpfte Shinji Okazaki den 2:2-Ausgleich für die Mainzer.

Statt mit dem Gefühl eines souveränen Auswärtssieges fuhren die Gladbacher enttäuscht und wie Verlierer nach Hause. Am Ende war es tatsächlich ein "wildes Spiel" (Mainz-Trainer Martin Schmidt), über das die Gladbacher die Kontrolle verloren hatten (Die Stimmen zum Spiel). 70 Minuten lang hatte auch Manager Max Eberl ein "gutes Auswärtsspiel" gesehen. Aber Eberl bemängelte schließlich: "Wir haben heute zwei, drei Fehler gemacht, die dann sehr hart bestraft worden sind. Wir müssen das 3:1 machen, dann wäre die Messe gelesen gewesen." So banal klingen manchmal die Erklärungen, aber sie sind doch im Kern richtig - auch beim zweiten Blick auf die Ereignisse.

Sommer gesteht Fehler ein

Entscheidend war sicher das 1:2, das den Mainzern noch einmal Mut gab, das Publikum weckte und die turbulente Schlussphase einläutete. "Das Ding nehme ich auf meine Kappe", gab Yann Sommer zu: "Wenn das Tor nicht fällt gewinnen wir." Es passte zu dieser für Gladbach so ungünstigen Dramaturgie, dass Max Kruse nur den Pfosten traf und weiter auf ein Erfolgserlebnis warten muss, während den 2:2-Ausgleich der Mainzer Shinji Okazaki erzielte: Der Japaner wartete zuvor acht Spiele auf seinen neunten Saisontreffer (Die Topdaten). "Natürlich ärgere ich mich über die Situation", haderte Kruse nach der Partie.

Es war in allen Facetten ein kurioser Nachmittag für die Borussen. In der Rückrunde hatten sie bislang in sechs Bundesliga-Spielen nur zwei Gegentreffer kassiert, nun gleich zwei innerhalb von nur vier Minuten. VfL-Trainer Lucien Favre fand es nicht "schlecht" in Mainz gegen eine "gute Mannschaft" nun schon zum zweiten Mal Unentschieden gespielt zu haben in dieser Saison. Der Schweizer ärgerte sich auch über den Freistoß-Pfiff zum 1:2: "Das war ein Geschenk", meinte Favre. Entscheidend für die Wende sei aber auch gewesen, so Favre, dass seine Mannschaft nur 54 Prozent Ballbesitz hatte. Das seien ein paar Prozent zu wenig gewesen, um den Gegner besser zu kontrollieren.

Favre sucht nicht nach Entschuldigungen

Die Belastung durch die Pokalpartie auf tiefem Boden am vergangenen Mittwoch in Offenbach (2:0) ließ der Trainer aber nicht gelten. Er habe immerhin vier neue Spieler im Vergleich zum Pokal in Mainz aufgeboten. Insgesamt aber müsse die Mannschaft lernen, mit den Belastungen in englischen Wochen, dann besser umzugehen. Und auch, dass der in Mainz überragende Martin Stranzl in der 70. Minute mit einer Muskelverletzung im Oberschenkel vom Platz musste (für ihn kam Roel Brouwers), ließ Favre nicht als Entschuldigung für die bittere Schlussphase gelten: "Wir müssen die Situation nach der Führung besser beherrschen."

Der Ärger war auch deshalb auf Gladbacher Seite so groß, weil sich der Vorsprung des Tabellendritten auf den Vierten Schalke nach diesem Spieltag auf drei Punkte reduziert hat. "Für unsere Ansprüche, Champions League spielen zu wollen, ist das Ergebnis nach einer 2:0-Führung einfach zu wenig", war Christoph Kramer enttäuscht. Eine Spitzenmannschaft, so Manager Eberl, hätte die Partie gewonnen. Seine Borussia werde zwar immer als solche tituliert, aber "wir sind auf dem Weg, zu lernen", meinte Eberl. Diese Spitzenmannschaft in Ausbildung muss nun im Heimspiel gegen Hannover beweisen, dass sie diese 20 turbulenten Minuten in Mainz nicht aus der Bahn wirft. Immerhin traf ja Raffael zwei Mal - zumindest dem brasilianische Feingeist dürfte das Spiel in Mainz Auftrieb geben.

Aus Mainz berichtet Tobias Schächter