ANZEIGE

Es soll bekanntlich Anhänger geben, die nach zwei Siegen ihrer Mannschaft hintereinander ernsthaft von der Deutschen Meisterschaft sprechen. Ein Platz im internationalen Geschäft ist im eigenen Selbstverständnis meist eh schon fest verankert.

Objektiv gesehen hätten die Fans von 1899 Hoffenheim also allen Grund zu ambitionierten Saisonzielen. Ihr Team feierte nämlich inzwischen schon elf Siege in den ersten 15 Saisonspielen und steht nach dem 3:0 gegen Arminia Bielefeld weiter an der Tabellenspitze. Für einen Bundesliga-Neuling sind das schier unglaubliche Zahlen, die so manchen Traditionsverein vor Neid erblassen lassen.

Realistische Einigkeit

Rund ums Carl-Benz-Stadion in Mannheim, wo 1899 in der Hinrunde dieser Spielzeit seine Heimspiele austrägt, ist trotz der greifbar nahen Herbstmeisterschaft von übermäßiger Euphorie oder gar einem Abheben allerdings nur wenig zu spüren.

Der anhaltende Höhenflug von "Hoffe" - so der Spitzname des Vereins - sei "schön, aber eigentlich nicht realistisch", so Michael Weber aus Hoffenheim: "Am Saisonende rechne ich mit Platz 6 bis 8. In den nächsten Jahren werden wir uns Schritt für Schritt weiterentwickeln und die Meisterschaft angreifen." Man gibt dem Verein aus dem Kraichgau Zeit.

"Der Blick auf die Tabelle ist ein sehr schönes Gefühl, aber man muss abwarten. Solange die Euphorie noch trägt, müssen wir das nutzen", sagt Patrick Dubois aus Darmstadt. Er rechnet am Ende mit einem einstelligen Tabellenplatz. So sieht es auch Oliver Hettich aus Krombach: "Wir schaffen ein Platzierung im vorderen Drittel, die Meisterschaft ist noch nicht realistisch."

Das "Wie" ist entscheidend

Die sportlichen Saisonziele stehen bei vielen Anhängern aber nicht allein im Vordergrund. Vielmehr erfreuen sich die Zuschauer an der attraktiven Spielweise von "Hoffe".

"Die Mannschaft spielt sich mit ihrem frischen Fußball regelmäßig in einen Rausch, das ist ihr großes Plus", ist Klaus Keller aus Sinsheim begeistert.

Nach dem 3:2 gegen den VfL Wolfsburg bestätigte auch Sejad Salihovic bei bundesliga.de eine gewisse Verpflichtung gegenüber den Fans: "Es war entscheidend, dass wir zuhause wieder ein sehr gutes Spiel gezeigt haben."

"Entwicklung auf Fan-Ebene ist sensationell"

Für die Hoffenheimer "Kuttenträger" war die Umstellung von der Regional- auf die Bundesliga innerhalb von zwei Jahren enorm. "Die Stimmung ist von Spiel zu Spiel besser geworden. Am Anfang hatten wir Probleme, uns gegenüber den gegnerischen Fans zu behaupten", sagt Christian Schulze aus Eppingen im Rückblick auf die ersten Partien in der höchsten deutschen Spielklasse. Die gleiche Entwicklung empfindet auch Kapitän Selim Teber: "Mittlerweile sind das Heimspiele, unsere Fans übertönen die Gäste."

Die Mannschaft habe noch nicht die Unterstützung erfahren, die ihr zustehen würde. "Die Fan-Kultur ist da im Vergleich mit der sportlichen Leistung nicht ganz nachgekommen", so Schulze weiter. "Es herrscht noch ein bisschen Dorf-Atmosphäre", sieht auch Keller noch Verbesserungspotenzial rund ums Feld.

Die Unterstützung hat sich allerdings schon enorm gesteigert. Der Verein, der vor der Saison 14.500 Dauerkarten absetzte, hat inzwischen 1.800 Mitglieder und 57 Fanclubs. "Sportlich hatte ich schon großen Optimismus, aber die Entwicklung auf der Fan-Ebene ist sensationell", ist Trainer Ralf Rangnick beeindruckt.

Schubkraft durchs neue Stadion

Für noch mehr Schwung auf den Rängen wird - so die einhellige Meinung - das neue Stadion in Sinsheim sorgen. Zum ersten Rückrundenspiel gegen Energie Cottbus ist die Arena fertig.

"Die Spiele in Mannheim sind ein Erlebnis, aber das neue Stadion wird drei Klassen besser", ist sich Michel Kieferle aus Beiertal sicher. Laut Schulze werden "wir Fans uns mit der neuen Arena noch mal steigern". Davon sollen dann im Umkehrschluss auch wieder die Spieler profitieren. "Wenn es im Januar dort losgeht, bekommt die Mannschaft auch noch einen Schub", glaubt auch Weber.

Und dann steht Heike Keller aus Sinsheim, die erst seit Saisonbeginn so richtig mit 1899 mitfiebert, mit ihrer Meinung auch vielleicht nicht mehr alleine da: "Wir holen direkt die Meisterschaft, die Konkurrenten bleiben alle auf der Strecke!"

Tim Tonner