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Kiew/München - Um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen bedarf es nicht immer großen Erfolgen und aufsehenerregenden Aktionen. Manchmal reicht es einfach, klar zu erkennen, dass etwas noch nicht wie gewünscht funktioniert. Joachim Löw war mit Deutschland im Freundschaftsspiel gegen die Ukraine in der glücklichen Lage, bedenkenlos ein 3-5-2-System zu testen - mit dem 3:3 stimmte am Ende zumindest das Ergebnis versöhnlich.

"Ich nehme viel Positives mit. Die Mannschaft hat große Moral bewiesen. Wir hatten außerdem eine unheimliche Dominanz. Ich bin nicht unzufrieden. Sicherlich kann man einige Dinge besser machen, aber heute wollte ich einfach ein paar Dinge sehen", erklärte der Bundestrainer.

Zieler feiert Debüt

Was vor allem die deutschen Fans im Finalstadion der EURO 2012 zu sehen bekamen, war eine anfällige deutsche Defensive. Zwei Gegentore resultierten aus Eckbällen der DFB-Elf, als die Hausherren blitzschnell umschalteten und die Orientierungslosigkeit der Gästeabwehr schonungslos bloß stellten.

Der Hannoveraner Torwart Ron-Robert Zieler, 50. Debütant in der Ära Löw, nahm die Geschehnisse aus der ersten Halbzeit mit einem ironischen Unterton zur Kenntnis: "Ich habe mir mein erstes Spiel eigentlich anders vorgestellt. Die Ukraine hat im ersten Durchgang schnell umgeschaltet - wir weniger", meinte der 22-Jährige.

Ehre für Gomez

Die jüngste deutsche Startelf der Nachkriegszeit schaffte es einfach nicht, die Positionen im neuen System vernünftig zu halten. Hinzu kamen Abstimmungsschwierigkeiten in der Offensive. Toptorjäger Mario Gomez, der in seinem 50. Länderspiel die Kapitänsbinde trug und mit seinem 26 Jahren zu Beginn der älteste DFB-Kicker auf dem Platz war, bekam im Strafraum kaum Futter aus der Kreativabteilung.

"In einem 3-5-2 ist es für die Mittelfeldspieler auf den Außenbahnen immer undankbar. Sie müssen sehr weite Wege gehen. Das ist schon intensiv", nahm der Bundestrainer vor allem den Hamburger Dennis Aogo und den Wolfsburger Christian Träsch in Schutz. Beide konnten sich im Kampf um ein EM-Ticket nicht mit Nachdruck empfehlen.

Mannschaft beweist Moral

Aber auch Mesut Özil und Mario Götze, die erstmals gemeinsam den Anpfiff auf dem Rasen miterlebten, wussten nicht wie gewohnt zu brillieren. Der Dortmunder Götze hatte zwei, drei gute Szenen, Real Özil auch noch eine - das war s. Nach 66 Minuten durften die sonst so genialen Spielgestalter dann auch frühzeitig gemeinsam vom Platz.

Bei aller Kritik gab es aber dennoch Erkenntnisse pro Dreierkette. "Die Gegentore sind unabhängig vom System gefallen. Natürlich war nicht alles optimal beim ersten Mal, schließlich hatten wir das vorher nicht trainiert. Aber im Spielaufbau haben wir sicherlich positive Aspekte gesehen", meinte Mats Hummels.

Und auch der Kampfgeist und die Kondition der Mannschaft sind weiterhin auf höchstem Niveau. "Das Positive ist, dass wir die Partie noch einmal gedreht haben", brachte es der Kölner Lukas Podolski wie immer kurz und knackig auf den Punkt.

"Große Überraschungen wird es wohl nicht geben"

Der Bundestrainer sah auch keinen Grund, dass Experiment "3-5-2" weit unten in der Schublade zu verbuddeln. "Ich wollte experimentieren, das habe ich mir herausgenommen. Und ich wollte das jetzt ausprobieren und nicht erst dann, wenn wir es benötigen", so Löw.

Welche Auswirkungen das Remis in der Ukraine auf einen möglichen Kader für die EURO 2012 in Polen und der Ukraine hat, erklärte Löw auch: "Wir wissen, welche Möglichkeiten wir haben. Wir haben noch zwei, drei Spieler in der U21, die wir beobachten, aber große Überraschungen wird es wohl nicht mehr geben."

Die 90 Minuten beim 3:3 entsprachen vielleicht nicht ganz den Vorstellungen, die man nach den letzten Auftritten der DFB-Elf haben durfte. Aber Hummels blickte schon einmal auf den 1. Juli 2012 voraus, wenn Deutschland in Kiew im Finale vielleicht erneut um den Gewinn der Europameisterschaft spielt: "Es ist besser, dass uns das jetzt passiert ist und nicht beim nächsten Mal, wenn wir hier antreten."

Michael Reis